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FUSSBALL: Rudis Reste-Rampe

Wurde Rudi Völler vor einigen Wochen noch als Messias der deutschen Fußball-Nationalmannschaft angesehen, steht er heute, nicht anders als seine Spieler, mächtig in der Kritik.

Der »Glücksfall« bekommt Sorgenfalten. Wurde Rudi Völler vor einigen Wochen noch als Messias der deutschen Fußball-Nationalmannschaft angesehen, steht er heute, nicht anders als seinen Spieler, mächtig in der Kritik. »Rudi steht - ähnlich wie die Mannschaft - gegen Finnland unter Druck«, stellte Kapitän Oliver Bierhoff während der gemeinsamen Tage im Münsterland, wo Völler die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf das letzte Gruppenspiel an diesem Samstag in Gelsenkirchen vorbereitete, unverhohlen fest.

Am Scheideweg

Nach der 1:5-Niederlage gegen England, die das zum Greifen nahe Weltmeisterschafts-Ticket auf schmerzhafte Weise pulverisierte, steht die DFB-Auswahl und mit ihr auch Völler an einem Scheideweg. Der 41-Jährige muss mit dem gebeutelten Team eine überzeugende Leistung auf den Rasen zaubern, um eine »Katastrophe«, wie Bayern Münchens Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge ein drohendes Scheitern in der WM-Qualifikation einordnete, abzuwenden. Spätestens über den Umweg zweier K.o.-Spiele gegen die Ukraine oder Weißrussland ist die WM-Teilnahme Pflicht.

Keine klare Entscheidung

Doch Völler erweckte in Billerbeck bei vielen Beobachtern nicht den Anschein eines stabilen Krisenmanagers. Selbst die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« verlieh dem Teamchef gar den Titel »Sowohl-als-auch-Völler«. Bis einen Tag vor dem Spiel zögerte der Teamchef längst fällige Personalentscheidungen hinaus. Statt einer klaren Entscheidung im Sturm machte die deutsche Offensivabteilung eher den Eindruck von »Rudis Reste Rampe« - Jeder war im Spiel, aber keiner wusste wie. Völler selbst sprach von »Kleinigkeiten« am Rande, »die intern überhaupt kein Thema sind«.

Kahn forderte Maßnahmen

Nationaltorhüter Oliver Kahn, der gegen England erstmals in einem Länderspiel fünf Gegentore hinnehmen musste, mahnte angesichts der gefährdeten WM-Teilnahme am Donnerstag auch öffentlich sofortige taktische Maßnahmen der Teamleitung an. Tatsächlich bestätigte Völler 24 Stunden später, als auch andere Team-Mitglieder längst nicht mehr still gehalten hatten, dass er in der Defensivabteilung Umstellungen vornehmen werde und erstmals eine Viererkette

erproben will.

Fans stehen zu Völler

Die Sympathien der Fans gehören Völler weiterhin uneingeschränkt, wie der Teamchef bei jedem Training feststellen kann. DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder hat dem 41-Jährigen, den er als »Glücksfall für den deutschen Fußball« bezeichnet, auch im Falle eines Scheiterns in der WM-Qualifikation eine Vertragsverlängerung über 2002 hinaus angeboten. Doch Völler lässt seine Zukunft offen, was in diesem Fall eine unerwünschte Trainer-Debatte verhindert. Er fürchtet - vermutlich zurecht -, dass das WM-Scheitern eine Hypothek wäre, die selbst für ein »Volksidol« wie ihn kaum zu schultern wäre. Denn damit wäre auch sein Führungsstil in Frage gestellt.

Herbergsvater Völler?

Mit seiner Gelassenheit und Ruhe nimmt Völler derzeit viel Druck von seinen Spielern, über die er - einem Herbergsvater gleich - schützend seine Hand hält. »Das sind gute Jungs, die wir hier haben«, sagte er in Billerbeck. Den Spielern bleiben zum Beispiel Auftritte bei den täglichen Pressekonferenzen erspart, wenn sie nicht wollen. Antworten sollen sie auf dem Platz geben. Ob sie es tun, zeigt sich am Samstag.

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