HSV Ehre und Lehre


Für den HSV geht es im Champions-League-Spiel am Abend gegen den FC Porto um Schadensbegrenzung. Trainer Doll zwang seine Profis derweil auf die Schulbank und redete über fehlendes Taktikverständnis seiner Spieler.
Von Axel Kintzinger

Eines der selten verwendeten Synonyme für Trainer ist das des Fußballlehrers, vielleicht wegen der Konsonantenballung in der Mitte des Worts, mit der seit der Rechtschreibreform nicht nur Fußballfans ihre Probleme haben, aber egal: Thomas Doll, Coach (noch so eins) des Hamburger SV, tut derzeit einiges, um dem guten alten Fußballlehrer zu etwas mehr Popularität zu verhelfen. Denn seine Profis sollen am Mittwochabend (20.45 Uhr; DSF, Premiere) im Champions-League-Spiel gegen den FC Porto den kleinen Rest an Vereinsehre retten. Zumindest soll nach drei Niederlagen in drei Spielen der Eindruck vermieden werden, der HSV sei nichts als Kanonenfutter in der Königsklasse.

Deshalb durften sich die Profis dieses Klubs zuletzt deutlich an ihre Schulzeit erinnert fühlen. Doll befahl sie an Schulbänke und dozierte über Taktik beziehungsweise darüber, wie wenig sie zuletzt davon verstanden zu haben scheinen. Vergangenen Samstag beim 0:0 gegen Hannover schienen seine Spieler nämlich viel von dem vergessen zu haben, was außer der körperlichen Fitness noch so zum modernen Fußball gehört. "Bei uns haben die einzelnen Mannschaftsteile verschiedene Taktiken gespielt", klagte Doll am Montag in einer 70-minütigen Unterrichtseinheit fern des Rasens.

"Nur das schafft Wahrheit"

Tatsächlich hatten sich die 96er mächtig gefreut über die Lücken, die vor allem die HSV-Defensive ihnen bot. Während Mittelfeld und Sturm vorn ihr eigenes Spiel trieben, verharrte die Viererkette wenige Meter vor dem eigenen Strafraum. Die Folge waren planlos geschlagene lange Bälle - ein Mittel, mit dem der HSV auch schon in seinen Champions-League-Partien gegen Moskau und Porto auffällig geworden ist. Doll treibt das zur Verzweiflung, denn "unser Spiel ist eindeutig auf Kurzpass angelegt, und dafür haben wir auch die Spieler". Dolls Problem ist, dass dieser Fehler schon lange bekannt ist. Er hat ihn schon vor dem Hannover-Spiel angesprochen und seine Spieler sogar mit diesbezüglichen Übungen im Training traktiert. Es hat nur nichts genutzt - weshalb der moderne Motivator Doll jetzt auf die pädagogische Steinzeitvariante Frontalunterricht zurückgreift. Die Übung selbst soll nun ständig exerziert werden, schon am Dienstag fing man damit an. "Immer wieder Wiederholungen", wurde Doll sehr grundsätzlich, "nur das schafft Wahrheit."

Portugal und Rumänien drängeln von hinten

Die bisherige Wahrheit sieht so aus, dass die Vorrunde der Champions League gerade einmal zur Hälfte herum ist und die Hoffnung des HSV-Vorstands, als Gruppendritter im kommenden Jahr noch am Uefa-Cup teilnehmen zu dürfen, schon jetzt ziemlich verwegen erscheint. Doll schätzt die Lage realistischer ein: "Es geht nur noch darum, dass wir unser Gesicht nicht verlieren." Um zu ergänzen: "Wir müssen den Verein und den deutschen Fußball würdig vertreten."

Was etwas pathetisch klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Allzu viele Niederlagen können sich die deutschen Klubs auf europäischer Ebene nämlich nicht mehr leisten - sonst ziehen Länder wie Portugal oder sogar Rumänien in der Fünf-Jahres-Wertung der Uefa an Deutschland vorbei. Auch die Holländer drängen. Derzeit sind die beiden führenden Bundesligaklubs automatisch im Millionengeschäft Champions League dabei, der Tabellendritte - in diesem Jahr der HSV - kann sich noch qualifizieren.

Sorin gegen Porto mit dabei

Schneiden die deutschen Vertreter weiterhin so bescheiden in den beiden Wettbewerben ab (auch die Ergebnisse im Uefa-Cup zählen) wie in den letzten Jahren, dann wird den Deutschen schon bald einer der beiden sicheren Champions-League-Plätze gestrichen. Vereine wie der HSV würden es dann noch schwerer haben, ans große Geld des europäischen Fußballs heranzukommen.

So hoffen sie in Hamburg, dass der zu Saisonbeginn fast komplett neu zusammengestellte Kader vielleicht in diesem Spiel zueinanderfindet. Kapitän Rafael van der Vaart, der in den ersten drei Partien schmerzlich vermisst wurde, gibt am Mittwoch sein Champions-League-Debüt für den HSV. Und der argentinische Star Juan Pablo Sorin, den bis am Dienstag eine Beckenprellung plagte, kann auflaufen.

Ein bisschen Hilfe leistet vielleicht auch der Gegner. Porto muss nämlich ohne sein neues brasilianisches Wunderkind, den 18-jährigen Mittelfeldspieler Anderson, auskommen. Er brach sich am Wochenende beim Sieg über Benfica Lissabon das Wadenbein - aus Sicht Portos wurde es ihm nahezu vorsätzlich gebrochen. Trainer Jesualdo Ferreira bleibt zuversichtlich: "Unsere Mannschaft hat noch Reserven." Das würde der HSV auch gern von sich sagen, vor allem, da Porto über einen ebenso großen Spieleretat verfügt wie die Hamburger - 35 Mio. Euro. Im Jahr 2004 hat das für die Portugiesen ausgereicht, um die Champions League zu gewinnen.

FTD

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