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International: Giuseppe Gemiti im Exklusivinterview

Er war U21-Nationalspieler, debütierte in der Bundesliga, doch dann verschwand Giuseppe Gemiti in der Serie A vom Radar. Erst im Herbst seiner Karriere fand der Deutsch-Italiener sein Glück bei Aufsteiger Novara Calcio. Im Exklusivinterview mit sportal.de spricht er über seine Karriere und die Ambitionen für die neue Saison.

Giuseppe Gemiti blickt auf eine wechselvolle Karriere zurück. Nach hoffnungsvollem Debüt mit 19 bei Eintracht Frankfurt folgte der Wechsel zu Udinese Calcio in die Serie A. Es folgten viele Rückschläge und Clubwechsel für den ehemaligen deutschen U21-Nationalspieler, Monate voller Existenzangst, bis er 2010 bei Novara Calcio anheuerte.

Mit den Underdogs aus dem Piemont schaffte er den Durchmarsch aus der Serie C in die Serie A. Im Exklusivinterview mit sportal.de spricht Gemiti über seine wechselvolle Karriere und die Besonderheiten seines derzeitigen Clubs.

Herr Gemiti, nach 55 Jahren spielt Novara erstmals wieder in der Serie A. Was bedeutet der Aufstieg für den Club, aber auch für die Region?
Für den Club und die Region ist der Aufstieg ganz wichtig. Das hat man auch bei unserer Aufstiegsfeier gesehen, der ganze Platz war voll. Die Freude war und ist natürlich riesig, die Begeisterung enorm.

Und was bedeutet der Aufstieg für Sie persönlich?
Für mich ist das natürlich auch eine Riesensache. In der ersten italienischen Liga spielen zu dürfen ist natürlich schon überragend, aber noch schöner ist, dass wir in nur zwei Jahren von der dritten in die erste Liga aufgestiegen sind.

Ihre Karriere hatte einst in Frankfurt sehr verheißungsvoll begonnen. Sie waren Juniorennationalspieler, doch trotz großer Vorschusslorbeeren haben Sie den Durchbruch in der Bundesliga nicht geschafft. Woran lag das aus ihrer Sicht?
Ich war zwei Jahre sogar in der ersten Mannschaft bei Eintracht Frankfurt, ich habe es aber nicht geschafft, mich da durchzusetzen. Wo die Gründe jetzt genau lagen, kann ich gar nicht sagen. Es lag sicherlich auch an den Trainern, aber hauptsächlich an mir.

Und dann kam 2002 der Wechsel zu Udinese Calcio. Waren die Friulani damals die einzigen Interessenten und wie kam der Kontakt zu Stande?
Udinese und Chievo waren an mir interessiert, aber Udinese hatte sich schnell bei mir durchgesetzt, war für mich die bessere Adresse. Als die Anrufe aus Italien kamen, da war für mich sofort klar, dass ich wechseln wollte. Schließlich war die Serie A immer mein Traum gewesen.

In Deutschland wurde Ihr Wechsel damals kaum wahrgenommen. Wenn überhaupt damals über Udinese Calcio berichtet worden war, dann in erster Linie über Ihren damaligen Mitspieler Carsten Jancker. Sie wurden höchstens mal in einem Nebensatz als Janckers Dolmetscher beschrieben. Hat Sie das damals gestört?
Ach was, das hat mich noch nie gestört. Mir ist das relativ egal, was die Leute so schreiben. Das beschäftigt mich wenig. Ich versuche mich auf meine Sachen zu konzentrieren, mache mein Ding.

Worin liegen die größten Unterschiede zwischen der Trainingsarbeit bei einem Bundesligisten und einem Serie A-Club? Klappte die Umstellung reibungslos?
Naja, das war schon eine große Umstellung. Vor allem im taktischen Bereich wird in Italien sehr viel intensiver gearbeitet als in der Bundesliga. Da steht man manchmal zwei Stunden ohne Ball auf dem Platz und bekommt die Spielzüge und Laufwege eingebläut.

Nach eineinhalb Jahren bei Udinese begann aufgrund vieler Verletzungsprobleme eine wahre Wechselodyssee durch Italien. Sie spielten in den Folgejahren für Genoa, Modena, Chievo, Piacenza und noch einmal Modena. An welche Zeit denken Sie im Nachhinein am liebsten zurück?
Schon an die Zeit in Udine denke ich gerne zurück. Das erste Jahr war super gelaufen, haben uns für den UEFA Cup qualifizieren können. Dann die Zeit bei Genoa, wo wir 2005 den Aufstieg geschafft hatten, der uns dann aber leider weggenommen wurde (wegen angeblicher Ergebnisabsprachen, d. Red.). Das ist und bleibt trotzdem eine schöne Erinnerung. Und dann natürlich jetzt die Zeit in Novara, der Durchmarsch von der Serie C in die Serie A. Das waren bisher vielleicht die schönsten zwei Jahre.

Ihre Zeit in Modena endete, als der Club mit finanziellen Problemen zu kämpfen hatte und ihr Vertrag nicht verlängert wurde. Danach waren Sie ein halbes Jahr vereinslos. Wie haben Sie sich in dieser Zeit fit gehalten?
Erst habe ich alleine trainiert, später mit der Mannschaft meines damaligen Wohnortes - die spielte auf einem Level, der in etwa der deutschen Bezirksliga entspricht. Aber mir ging es ja auch nur darum, mich fit zu halten, etwas mit dem Ball zu machen. Lauftraining und Krafttraining habe ich zusätzlich noch in Eigenregie gemacht.

Sie waren sechs Monate arbeitslos. Was für Gedanken schießen einem Profifußballer in so einer schwierigen Phase durch den Kopf?
Das waren schwierige sechs Monate, klar, da denkt man über alles nach. Und natürlich war da auch die Angst dabei, vielleicht nie mehr spielen zu können. Aber im Januar kam dann das Angebot von Novara und dann hatten sich die Zukunftsängste zum Glück erledigt.

Ist es nicht schwer, sich zu motivieren, in einer so schweren Situation nicht den Kopf hängen zu lassen?
Natürlich ist allein zu trainieren einfach nicht schön. Aber schwer gefallen ist es mir trotzdem nicht, mir war ja klar, dass ich mich fit halten musste, falls ein Anruf eines Clubs kommen sollte. Ich wollte mich denen dann ja auch in gutem Zustand präsentieren.

Und dann kam der Anruf aus Novara - ein Drittligist. Wie lange mussten sie überlegen, ob Sie das Angebot annehmen wollten?
Der Club hatte bei meinem Spielervermittler angefragt, er hat mir das Interesse weitergegeben und dann habe ich gar nicht lange überlegt. Mir war auch egal, dass ich in die dritte Liga zurückgehen musste. Mir war gleich klar, das Angebot auf jeden Fall anzunehmen, ich wollte wieder spielen. Außerdem war Novara damals schon erster in der Serie C, der Aufstieg bereits in Sicht.

Über die Serie B ging es dann in nur einem Jahr in die Serie A. Wo liegen die Gründe für den rasanten Aufstieg Ihres Clubs?
Unser Erfolgsrezept ist, dass wir einfach eine super Gruppe sind. Bei uns stimmt es einfach, jeder kommt mit dem anderen bestens aus. Wir lachen zum Beispiel viel in der Umkleide zusammen - und dass überträgt sich auch auf den Platz.

Neben dem Kollektiv gilt aber auch das Gespann aus Trainer Attilio Tesser und Sportdirektor Pasquale Sensibile, das den Kader zusammenstellte, als entscheidender Baustein für den großen sportlichen Erfolg. Jetzt hat sich das Erfolgsduo getrennt. Sensibile arbeitet nun am Wiederaufstieg von Sampdoria. Ein großer Verlust für Novara?
Das ist sicherlich ein großer Verlust. In diesen zwei Jahren haben beide großartigen Erfolg gehabt. Aber wir haben jetzt mit Mauro Pederzoli, der schon in Liverpool und bei Milan gearbeitet hat, einen neuen Sportdirektor, der seine Arbeit sicherlich ebenfalls überragend abwickeln wird.

Was ist denn für Novara in der Serie A drin? Welche Zielsetzung hat der Club?
Natürlich geht es in erster Linie um den Klassenerhalt. Das Ziel hatten wir aber auch letztes Jahr in der Serie B zunächst und dann ist es überragend gelaufen. (lacht...) Wenn es auch dieses Jahr mehr wird, umso besser.

Was stimmt Sie optimistisch, dass der Klassenerhalt auch wirklich gelingen kann?
Wie ich vorhin schon gesagt habe, unser Kollektiv. Es haben sich zwar jetzt im Sommer einige Veränderungen im Kader ergeben, aber das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe ist geblieben. Jeder hilft dem anderen auf und neben dem Platz und das ist das wichtigste, das macht unsere Stärke aus.

Hinzu kommt Ihr Stadion, das als einzige Spielstätte im italienischen Profifußball über einen Kunstrasenplatz verfügt. Ist der eventuell das Geheimnis Ihrer Heimstärke - immerhin haben Sie in den letzten beiden Spielzeiten jeweils nur einmal zu Hause verloren?
Das stimmt, wir haben in den letzten beiden Jahren immer das letzte Spiel zu Hause verloren, in dem es dann allerdings jeweils auch um nichts mehr gegangen war. Wir sind also schon sehr heimstark.

Kann der Platz für Novara zum entscheidenden Plus im Kampf um den Klassenerhalt werden?
Der Platz ist sicher ein Vorteil, die anderen Teams müssen sich im Gegensatz zu uns zunächst immer erst auf den ungewohnten Untergrund einstellen. Für die ist das die ersten 20, 30 Minuten schon gewöhnungsbedürftig. Natürlich wird es zum Auftakt gegen Palermo oder am vierten Spieltag gegen Inter nicht leicht, aber nichts ist unmöglich.

Unmöglich ist auch nicht, dass Sie Ihren Stammplatz verlieren könnten. Mit Simone Pesce wurde eine Alternative für Ihre Position auf der linken Seite von Catania geholt. Haben Sie Angst, zum Auftakt nicht in der Startelf zu stehen?
Nein, es ist doch normal und absolut richtig, dass Konkurrenz da ist. Nur dann trainiert man auch gut. Angst habe ich keine, ich versuche mein Bestes zu geben und dann hoffe ich, dass ich am ersten Spieltag auf dem Platz stehen werde.

Novara verhindert den Abstieg. Und wer wird Meister?
Das machen wohl wie immer die zwei Mailänder Mannschaften, dann noch Juve und vielleicht auch in diesem Jahr wieder die Roma unter sich aus.

Und wie glauben Sie, wird sich Miroslav Klose in der Serie A einführen?
Ich traue ihm eine Menge zu. Er ist zu einem super Club gegangen und ich denke schon, dass er beste Voraussetzungen hat, auch eine Riesen-Saison zu spielen.

Herr Gemiti, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen für die kommende Saison alles Gute.

Das Interview führte Malte Asmus

sportal.de/sportal

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