Joachim Löw "Das ist moderner, dynamischer Fußball"


Sie haben geschafft, was noch nie einer deutschen Nationalelf gelungen ist. Die Fußball-Frauen verteidigten bei der WM ihren Titel. Eine Gratulation von Männer-Bundestrainer Joachim Löw.

Beim WM-Finale habe ich vor dem Fernseher richtig mitgefiebert mit den deutschen Fußball- Damen. Großartig, dass sie es geschafft haben, meinen herzlichen Glückwunsch den Weltmeisterinnen! Ich freue mich einfach für die Mannschaft, und ich gönne Trainerin Silvia Neid diesen tollen Erfolg. Man hatte immer das Gefühl: Der Teamgeist stimmt, diese Frauen halten zusammen.

Silvia Neid und ich kennen uns ganz gut, wir haben zum Beispiel vor Kurzem gemeinsam bei Werbeaufnahmen für die WM 2011 vor der Kamera gestanden. Es ist eine Verbindung, die von Sympathie geprägt ist. Und auch von großem Respekt.

Das Spiel ist anspruchsvoller geworden

Ganz ehrlich: Noch vor acht oder zehn Jahren habe ich mir Frauenfußball nicht gern angeschaut. Aber in letzter Zeit hat sich viel getan. Das Spiel ist technisch anspruchsvoller geworden, auch deutlich athletischer. Früher konnten die Frauen auch mit dem Ball umgehen, aber heute können sie es im hohen Tempo, wenn sie unter Druck gesetzt werden. Sobald es eng wird, finden sie vernünftige Lösungen, können sich befreien und schnell neu organisieren. Die Zweikämpfe werden nun voll durchgezogen. Das ist jetzt moderner, dynamischer Fußball von hoher Qualität.

Dabei vertritt Silvia Neid dieselbe Philosophie, wie wir sie auch bei den Männern haben: Das offensive, direkte Spiel über die Flügel ist das Markenzeichen. Silvia Neid ist sehr offen für neue Impulse, häufig erkundigt sie sich bei uns, etwa wie wir ein Turnier angehen, wie wir uns auf spezielle Gegner einstellen. Manchmal lasse ich ihr beispielhafte Videosequenzen zukommen und beschreibe, welche Schlüsse wir daraus ziehen. Sie spricht auch viel mit meinem Assistenten Hans-Dieter Flick, mit Manager Oliver Bierhoff oder unserem Scout Urs Siegenthaler. Neids Vorgängerin Tina Theune-Meyer ist ja zudem Mitglied des Sportkompetenz-Gremiums des DFB, viele Ideen werden dort gemeinsam entwickelt.

Teilweise sehr klare Ergebnisse

Der Stellenwert des Frauenfußballs hat sich in der Öffentlichkeit deutlich erhöht, ich merke das selbst, die Fans freuen sich unheimlich mit, und auch ich werde immer wieder angesprochen. Ja, die sind gut, sage ich dann, wirklich gut! Natürlich sind die meisten Nationen noch nicht so weit, die Leistungsdichte war bei dieser WM doch gering - das sieht man ja an den teilweise sehr klaren Ergebnissen. Für die Deutschen war es toll, ohne Gegentor das Turnier zu gewinnen, aber das wäre bei den Männern undenkbar. Vor allem wenn Mannschaften in Rückstand geraten, fehlt oft die Wucht, Kraft und geistige Präsenz, das Spiel noch umzubiegen.

Was verblüffend ist: Die besten Nationalteams sind in ihrem Charakter den jeweiligen Männermannschaften sehr ähnlich. Die Brasilianerinnen etwa leben von ihrer hervorragenden Koordination, Technik und Spielfreude. Bei den Deutschen ist es diese Mischung aus Athletik, Organisation, Disziplin, Kraft, aber eben auch Technik.

Seit Jahren Weltklasse

Ich könnte die deutsche Elf auswendig aufzählen, vorneweg Birgit Prinz, die seit Jahren Weltklasse ist, Sandra Smisek, die ich sehr gern spielen sehe, auch Renate Lingor und die Torfrau Nadine Angerer. Unglaublich übrigens, wie viele Länderspiele da auf dem Platz standen! Birgit Prinz hat mehr als 170 absolviert - ich weiß gar nicht, wie man auf so viele Spiele kommen kann. Die Erfahrung gab vielleicht am Ende den Ausschlag für den WM-Titel. Viele Frauenteams sind es ja nicht gewohnt, vor so vielen Zuschauern zu spielen, live vor einem Millionenpublikum. Das ist für viele eine Belastung, aber für die Deutschen war es beflügelnd. Sie haben diese mentale Stärke.

Vor dem Halbfinale gegen Norwegen wusste ich übrigens genau, wie es Silvia Neid und den Spielerinnen gehen würde. Dieser Druck, den du bei einem solchen Match verspürst, ist ungeheuer. Und das Halbfinale ist bei einem so langen Turnier das brutalste Spiel. Wenn man es verliert, wie wir bei der WM 2006 gegen Italien, ist das fast schon tragisch. Als jetzt unsere Frauen 2 : 0 siegten, habe ich mich sehr für sie gefreut. Es war ein packendes Finale. Das 1 : 0 durch Birgit Prinz, quasi aus dem Nichts. Die Brasilianerinnen waren ja in der ersten Halbzeit die überlegene Mannschaft. Dann der Elfer für Brasilien. Aber Nadine Angerer hält! Und schließlich das 2 : 0 durch Simone Laudehr - klasse. Trotzdem habe ich noch einmal an meine Jungs denken müssen: Wie knapp wir damals dran waren.

Nun wünsche ich mir, dass Ende Oktober die Frauen-WM 2011 nach Deutschland vergeben wird. Vielleicht werden wir dann ja doch noch zu Hause Weltmeister.

Aufgezeichnet von Rüdiger Barth

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker