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Kreisliga-Skandal: Aufgestiegen dank einer Prügel-Attacke

Nach einer brutalen Prügel-Attacke auf einen Schiedsrichter in der Bremer Kreisliga boykottierten andere Clubs den SV Mardin - und sorgten für dessen Aufstieg am Grünen Tisch. Mit einem Maßnahmenpaket will der Bremer Fußballverband derartige Fälle in Zukunft vermeiden.

Von Sebastian Wieschowski

Der Bremer Kreisligaverein SV Mardin hat in der vergangenen Saison ein kleines Fußballwunder vollbracht: ungeschlagen stieg das Team in die Bezirksliga auf, 26 Siege fuhren sie in Folge ein, pro Spiel bekamen sie zwei Tore aufs Konto. Über spektakuläre Spielszenen konnten sich Fans und Spieler jedoch nicht freuen - denn es gab keine einzige Spielszene. Die Gegner vom TSV Lesum erschien nicht zum Punktspiel, der TV Eiche Horn ließ sich nicht blicken und auch die Spieler des Blumenthaler SV schenkten dem Verein durch ihre Abwesenheit kampflos drei Punkte, zwei Tore und somit nach 26 Spielen den Aufstieg.

Obwohl die Spieler des SV Mardin während der vergangenen Saison keine Fouls begehen konnten, beanspruchen sie keine Fairplay-Auszeichnung. Immerhin war der kuriose Wechsel von der Kreisklasse auf Bezirksniveau nur möglich, nachdem am vorletzten Spieltag der vorvergangenen Saison die Fäuste geflogen waren. Nur noch wenige Minuten trennten die Spieler vom Abpfiff, als Schiedsrichter René Jacobi beim Spiel des SV Mardin gegen den FC Mahndorf nach einer Rangelei zwei Spieler vom Platz stellte, einen von jedem Team. Manches ohnehin erhitzte Gemüt explodierte nun auf der idyllischen Bezirkssportanlage Schevemoor.

Schiedsrichter wurde bewusstlos geschlagen

Zuerst stürmt Mardin-Trainer Cindi Tuncel aufs Spielfeld, er schlägt dem Referee Pfeife und Karten aus der Hand. Einige seiner Spieler versuchen ihn zurückzuhalten, doch ein Mob aus Spielern und Zuschauern ist auf den Beinen. Jacobi ist chancenlos. "Es ist erschütternd, wenn man schutzlos auf dem Boden liegt, und es trotzdem weitergeht", erinnert sich der Schiedsrichter, der damals bewusstlos geschlagen wurde und erst im Krankenhaus wieder zu sich kam.

Weil Schiri Jacoby nur den Trainer als Angreifer identifizieren konnte und die Schläger nach Angaben von Mardin-Vorstand Süleyman Gülpinar nicht bekannt waren, wurde nur der Coach bestraft und ein Jahr gesperrt. Die übrigen Kreisliga-Clubs wollten das nicht hinnehmen und entschieden zu Saisonbeginn, so lange nicht gegen den SV Mardin anzutreten, bis der Verein Namen nennt.

Doch alle Beteiligten schwiegen - und Mardin ist nun kampflos aufgestiegen. Die Empörung in Bremen bleibt trotzdem groß: "Alle Versuche, den SV Mardin zum Verzicht auf den Aufstieg am Grünen Tisch zu bewegen, sind fehlgeschlagen", sagte Dieter Stumpe, Vizepräsident des Bremer Fußballverbandes (BFV). "Das Opfer, das Ihnen abverlangt wurde - der Verzicht auf den Aufstieg - wäre gering gewesen im Vergleich zum Schaden, den Sie im Fußball-Verband angerichtet haben", schreibt BFV-Präsident Dieter Jerzewski in einem offenen Brief. Doch dem Klub muss laut Verbandsstatuten die Bezirksliga-Lizenz erteilt werden.

Trainer und Schiedsrichter waren gegen den Boykott

Der SV Mardin freut sich währenddessen, endlich wieder Fußball spielen zu können. Die Täter von damals sind bis heute nicht identifiziert: "Wir wissen wirklich nicht, wer genau damals zugeschlagen hat", bekräftigt Vereinschef Süleyman Gülpinar. Man habe sich vorsorglich von allen Spielern getrennt, die dabei gewesen sein könnten. Auch der Trainer wurde entlassen und der Vorstand neu gewählt. Zudem, so Gülpinar, habe sich sein Verein mehrfach und öffentlich bei dem Schiedsrichter, dem Verband und den anderen Mannschaften entschuldigt. Der angreifende Trainer Cindi Tuncel sowie der angegriffene Schiedsrichter René Jacoby hatten sich gemeinsam gegen den Boykott gestellt: "Die Mannschaft des SV Mardin ist von Grund auf neu formiert, nur zwei Spieler aus dem alten Team sind geblieben", erklärte René Jacobi bereits im November 2007 gegenüber stern.de – "dass gleich die komplette Mannschaft unisono boykottiert wird, entbehrt einfach nur jeglicher rechtsstaatlicher Prinzipien, oder gehört Sippenhaft zu unserem Rechtssystem?", bemerkte Jacobi damals.

Damit es zu keinem zweiten "Fall Mardin" kommt, hat der Bremer Fußballverband nun seine Satzung geändert. Ab sofort können Vereine, die durch Gewalt auffällig geworden sind, auf unbestimmte Zeit vom Spielbetrieb ausgeschlossen werden. Außerdem wird die Zahl der am grünen Tisch zu erreichenden Punkte auf maximal 15 pro Saison begrenzt. Sollten sich also auch die Bezirksligisten weigern, gegen den SV Mardin anzutreten, gerät der Klub in Abstiegsnot - und kann nicht einfach in die Landesliga aufsteigen.

Auch die Stadt hat reagiert: Innen- und Sportsenator Ulrich Mäurer (SPD) kündigte an, einen "Runden Tisch gegen Rassismus und Gewalt im Sport" einzurichten. Außerdem wurde die Sportstättenverordnung geändert: Nun kann die Behörde Vereinen, die durch gewalttätiges oder rassistisches Verhalten aufgefallen sind, die Benutzung städtischer Sportanlagen verbieten und sie so faktisch vom Spielbetrieb ausschließen. Eine weitere empfindliche Sanktionsmöglichkeit: Auffälligen Vereinen können Mittel aus der Sportförderung, etwa für Übungsleiterzuschüsse, gestrichen werden. Zugleich will die Polizei auch bei unterklassigen Spielen stärker präsent sein. Um sofort eingreifen zu können, wenn Spieler, Schiedsrichter oder Zuschauer gefährdet sind, sollen künftig bei als gewaltträchtig eingestuften Spielen immer Polizisten am Spielfeldrand stehen.

Kein Boykott in der Bezirksliga

Im Moment sieht es jedoch nicht so aus, als könnte sich ein kampfloser Aufstieg wie im Falle des SV Mardin wiederholen: Die Bezirksliga-Mannschaften haben sich für diese Saison darauf geeinigt, dass gespielt wird, sofern ein angesetzter Schiedsrichter erscheint. Und zahlreiche Vereine wie der FC Huchting, BTS Neustadt und OT Bremen haben bereits signalisiert, dass sie dem SV Mardin sportlich die Grenzen aufzuzeigen und in wieder in die Kreisliga A schicken wollen. Der erste Schritt hierzu wurde am Sonntag getan - da verpasste der SV Lemwerder dem Mardin-Team eine 5:2-Klatsche - und der Aufsteiger rangiert in der Bezirksliga nun auf dem vorletzten Platz.

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