HOME

Marko Marin: Schutz für den Schelm

Nationalspieler Marko Marin kämpft mit Gladbach gegen den Abstieg und wird von Topklubs umgarnt. Mit dem Ball am Fuß kennt er keine Furcht - abseits des Platzes beschirmt ihn seine serbische Familie.

Von Nicol Ljubić

Samstag, 14.30 Uhr, VIP-Loge im Borussia-Park Mönchengladbach. Unten auf dem Platz läuft sich Marko warm. Die Familie ist für ihn da. Vater und Mutter sind aus Frankfurt angereist, der Onkel und die Tante aus Bad Camberg. Der Onkel geht zum zweiten Mal raus auf die Tribüne, um eine zu rauchen. Der Vater Ranko hatte früher jedes Mal Magenschmerzen, doch er hat sich an die Aufregung gewöhnt. Die Borussia steckt im Abstiegskampf, nur ein Sieg zählt gegen Hannover, alle werden auf ihren Jungen schauen. Der Papa, heute 46, hat selbst Fußball gespielt, wie auch seine drei Brüder, 4. Liga beim VfB Unterliederbach in Frankfurt. An Marko aber reichen sie nicht heran, Marko, das war allen schon früh klar, ist der beste Marin.

Der Sohn ist einer, der eine Abwehr sprengen kann, mit seinen Dribblings, seinen schnellen Körpertäuschungen, seinen schrägen Einfällen. Solche Typen gibt es kaum mehr in der Bundesliga. Marko hat alle deutschen Jugendnationalmannschaften durchlaufen, im vorigen Jahr berief ihn überraschend Bundestrainer Joachim Löw. Marko Marin, 19 Jahre alt, aus einer serbischen Familie stammend, geboren im heutigen Bosnien, wäre als Zweitligaspieler beinahe im Kader der Deutschen für die Europameisterschaft gewesen. Seitdem erwarten Fans wie Experten, dass er so gut wird, wie es ihm alle prophezeien.

Im Existenzkampf der Liga ist das kaum einzulösen. Der Trainer hat Marko zuletzt häufiger auf die Bank gesetzt. Der Vater sagt: "Ich bin nicht zufrieden, Gladbach ist Tabellenletzter, und das ist auch nicht gut für Marko." Es geht um mehr als dieses Spiel, es geht um die Zukunft. Marko hat einen Vertrag bis 2010, der Klub möchte ihn gern verlängern, aber die Marins weigern sich derzeit. "Verstehen Sie mich nicht falsch", sagt der Vater, "wir alle sind Gladbach sehr dankbar, wir wissen, was wir dem Verein zu verdanken haben. Aber Marko braucht eine Perspektive."

Heiß umworbenes Talent

Im Winter hat der Hamburger SV angefragt, dort wollen sie den Jungen unbedingt, aber auch andere Spitzenklubs umwerben Marko Marin. Wenn die sportliche Zukunft von Gladbach geklärt ist, werden sie sich zusammensetzen, so ist es zwischen Verein und den Marins vereinbart. Nur eines ist klar: Marko will sein Talent ausschöpfen. Im Europacup spielen. Die Marins wissen, wie wichtig der nächste Schritt für die Karriere ihres Sohnes ist. Sie wissen auch, dass kaum ein anderer junger deutscher Spieler so begehrt ist, und das macht es nicht einfacher.

Ende November 2008, die erste Begegnung. Der "Kicker" hatte Marin nach der Partie in Bielefeld zum Spieler des Spiels gekürt. Er schoss beide Tore zum 2 : 0-Sieg. Und das, obwohl der Trainer ihn hatte auswechseln wollen, aber Marko war zur Bank gelaufen und hatte den Trainer gebeten, ihn auf dem Platz zu lassen. Hinterher erzählte er das den Reportern, und ein bisschen wirkte er dabei wie ein Schelm.

Marin schüttelt zur Begrüßung fast artig die Hand, legt sein Handy auf den Tisch und sitzt dann da im Ed-Hardy-Shirt, die Strickmütze tief ins Gesicht gezogen. Er ist freundlich, unbekümmert, er macht Scherze mit den Mitarbeitern der Borussia-Geschäftsstelle. Beim Medientraining, das er vom Verein bekommt, hat man ihm gesagt, er solle nicht so hippeln, vor allem nicht vor der Kamera, "aber ich vergesse es immer", sagt er. In Gladbach ist er der Liebling der Fans, kein Trikot wird so oft verkauft wie das mit der Nummer 11. Er erzählt, dass er jeden Tag die Fanpost aus seinem Postfach holt und sie selbst beantwortet. "In letzter Zeit bekomme ich viele Briefe aus China", sagt er und schüttelt belustigt den Kopf, "warum, weiß ich auch nicht."

Frech und unbekümmert

Im Fernsehen, wenn Marko Marin mit dem Ball am Fuß seine Haken schlägt, ist er einer, der furchtlos auf die bulligsten Verteidiger zurennt und sich vor 40.000 Zuschauern im Stadion behauptet. Das scheint so gar nicht zu dem schmalen Jungen zu passen. Ob es stimme, dass er täglich fünf-, sechsmal mit seinem Vater telefoniere? "Ja", sagt er, "manchmal ruft Papa nur an, um einen Witz zu erzählen." Der Vater hat gesagt, er und seine Frau hätten permanent Angst, dass zu viel auf ihren Sohn einbreche. Sie fragen sich, wie sie ihn schützen können.

Die Unbekümmertheit ist, was Marko auszeichnet - nicht nur auf dem Fußballplatz. Ihn hat es nie gestört, wenn ein Scout vom FC Bayern da war, um ihn zu beobachten. Er hat dann nicht nur die sicheren Pässe gespielt aus Angst vor Fehlern, er ist trotzdem ins Dribbling gegangen. Es ist das, was auch den Bundestrainer so fasziniert, seine Frechheit. Letztlich geht es darum, genau das zu bewahren.

Dafür verschanzen sich die Marins nicht hinter einem Agenten, sondern kümmern sich als Familie selbst. Und zur Familie zählen nicht nur Vater und Mutter, sondern auch Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen. Von außen wirkt es wie eine hermetisch abgeschlossene Welt. Sie sprechen untereinander serbisch. Auch Micky Stević ist Serbe, der freundschaftliche Berater, neuerdings Sportdirektor von 1860 München. Die Verträge handelt ein anderer aus: ein Cousin des Vaters aus Belgrad.

Mitbringsel aus Serbien

Fragt man Marko, wo er sich zu Hause fühlt, sagt er: "Hier" und meint Deutschland. Es war für ihn kein Thema, für Serbien zu spielen, obwohl die Anfrage kam. Ob es für ihn Unterschiede gibt zwischen der deutschen und der serbischen Kultur? "Das ist schwer, das kann ich nicht sagen." Hat die Familie vielleicht eine andere Bedeutung? "Ich weiß es nicht", sagt er, "ich bin ja nicht in einer deutschen Familie aufgewachsen."

Im Auto hat er einen Stapel serbischer CDs liegen, die er sich von seinen Verwandten schicken lässt. Momentan steht er auf Ceca, eine Serbin, die Turbo-Folk singt, eine wilde Mischung. Silvester verbringen die Marins jedes Jahr in Bosanska Gradiška, dem Ort in Bosnien-Herzegowina, aus dem die Familie stammt und in dem noch ein Großteil lebt, die Oma, Cousins und Cousinen. Gibt es etwas, das er sich von dort mitbringt? "Ajvar", sagt er, "Ajvar ist köstlich." Ajvar ist eine Art Paprikamus, das meist zu Fleisch serviert wird. Und Slivovitz? "Das ist eher was für Papa", sagt er und grinst sein Grinsen.

Eine Woche später, Anfang Dezember. Ein italienisches Restaurant in Frankfurt- Höchst. Am Telefon wirkte Ranko Marin zurückhaltend. Ihn und seine Frau zu treffen, sagte er, sei kein Problem, aber nicht in ihrer Wohnung. Er erzählte von seiner Nichte, die den Fußballer Michael Anicic geheiratet hat, auch einer, der einst als Talent galt. Es gab mal Fotos, auf denen Anicic halb nackt zu sehen war. Ranko Marin glaubt, dass solche Fotos eine Karriere zerstören können. Ganz sicher ist er sich aber nicht, weil er nach dem Telefonat noch mal seinen Sohn fragt und am nächsten Tag sagt: Er habe mit Marko gesprochen, und der wolle auch nicht, dass Journalisten sein altes Kinderzimmer sähen. Was für Marko gilt, gilt für die ganze Familie: Sie ist dabei, in diesem Geschäft Erfahrungen zu sammeln. Was sie daraus lernen, bestimmt ihren weiteren Weg.

Gut behütet

Es ist das Besondere an Ranko Marin, dass er offen darüber spricht. Er ist ein ruhiger, sehr höflicher Mann. Wer ihn nicht kennt, könnte meinen, er sei schüchtern, aber dann ist er so direkt, dass klar wird: Er ist einfach kein Lautsprecher, sondern ein stiller Mann mit Prinzipien. An diesem Tag im Restaurant redet er von den Zweifeln, die sie als Familie haben, wenn es um die Karriere ihres Sohnes geht. Er sagt: "Wir wissen auch nicht immer, was richtig ist."

Dann erzählt er von Marko, dem Zauberzwerg, einer Comicfigur, die sie für die Homepage seines Sohnes entworfen haben, weil sie dachten, sie könnte den Kindern gefallen. Aber es hat dann einem Sponsor nicht gefallen, weil der das gar nicht toll fand, dass ihr Werbeträger als Zauberzwerg dargestellt wird und nicht als Held. Es sind auch solche Dinge, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen.

Das Restaurant liegt gegenüber der Klinik, in der Markos Mutter als Krankenschwester arbeitet, und nur ein paar Straßen entfernt von ihrer Wohnung. 1991, bevor Jugoslawien auseinanderbrach, sind die Marins nach Deutschland gekommen, Marko war damals zwei. Über das deutsche Konsulat in Sarajevo waren Krankenschwestern gesucht worden, es gab einen Vertrag mit Jugoslawien, und Borka Marin hatte sich beworben. Sie sind nach Frankfurt gezogen, weil Rankos älterer Bruder hier lebte.

Schwerer Abschied von Frankfurt

Neun Jahre hat Marko in den Jugendmannschaften von Eintracht Frankfurt gespielt, die Eintracht war sein Verein, an dem er noch immer hängt. Am liebsten wäre es den Marins gewesen, Marko wäre geblieben. Vor allem der Mutter ist der Abschied schwergefallen. "Es war richtig schlimm", sagt der Vater und meint die Fahrt im Juli 2005, als sie Marko nach Gladbach ins Internat brachten. Sie hat geweint, und er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. "Bitte schreiben Sie, dass es nicht am Geld lag", sagt Ranko Marin, er sagt es sehr entschlossen, es ist ihm wichtig, das klarzustellen. Bei der Eintracht hat man einfach nicht an das Talent von Marko Marin geglaubt. Er war ihnen zu klein und schmächtig. Aber da war noch etwas anderes.

"2002 habe ich meine Arbeit in einer Holzhandlung verloren", sagt der Vater. Er war zwei Jahre lang arbeitslos. "Ich war verzweifelt", sagt er. Sein Sohn hatte zu der Zeit mehrere Angebote, auch eines vom VfL Wolfsburg. Die Familie hätte nach Wolfsburg ziehen sollen, sie hätte eine Wohnung bekommen und der Vater einen Job. Er hat dann bei der Eintracht nach einer Stelle gefragt, aber man ließ ihn abblitzen. "Ich war so enttäuscht von dem Verhalten, dass ich Marko abgemeldet habe."

Sie entschieden sich für Gladbach, wo Marko mit 16 Jahren einen Vertrag bekam und der Vater einen Job als Scout. Seitdem sichtet Ranko Marin Talente im süddeutschen Raum.

Am Ende des Treffens fährt der Vater an der Wohnung vorbei, in der er und seine Frau wohnen und in der Marko aufgewachsen ist. Er zeigt die Schranke, über die sein Sohn und er jeden Tag stundenlang Fußballtennis gespielt haben. Bis zum Tag, als Marko ihn besiegt hat. Mit 14. Danach hat der Vater nicht mehr mit ihm gespielt. Das hat Marko erzählt und gelacht. Der Vater sagt: "Auch ich habe eben meinen Ehrgeiz." Er deutet zum Rasenplatz, auf dem sie früher trainiert haben, Ball stoppen, Torschüsse, Ranko hat geflankt und ist dann schnell ins Tor gerannt, um Markos Schuss zu halten.

"Der Papa ist hart"

Ende Februar sitzt Ranko im Stadion, 3 : 2 gegen Hannover, Marko spielte, wie es alle von ihm erhoffen. Der Vater hat recht gehabt, was das Talent seines Sohnes angeht. "Morgen", sagt er jedoch nach dem Abpfiff, "werden sie alle schreiben, wie gut Marko war, ein Tor geschossen, eines vorbereitet. Aber Marko war nicht so gut." Marko wurde in der 71. Minute ausgewechselt, die Gladbacher Fans haben auf die Entscheidung des Trainers mit Pfiffen reagiert. Doch Ranko Marin weiß, dass diese Auswechslung richtig war. "Marko hat heute all diejenigen bestätigt, die ihm vorwerfen, zu wenig für die Defensive zu machen. Er muss mehr tun."

Er wird es ihm sagen, nicht heute Abend, aber morgen. Marko weiß, dass sein Vater nicht nur sein größter Förderer ist, sondern auch sein größter Kritiker. "Ja", hatte er ein paar Wochen zuvor gesagt, "der Papa ist hart."

print

Wissenscommunity