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Mirko Slomka: Siegen oder fliegen

Er muss den FC Schalke 04 in die Champions League führen - sonst verliert er seinen Job. Im stern-Interview spricht Trainer Mirko Slomka über den brutalen Druck und die Lust am Unterrichten.

Herr Slomka, wie gehen Sie persönlich mit Druck um?

Ich sehe das als Chance. Jeder Fußballtrainer arbeitet immer unter Druck, egal, ob es um Auf- oder Abstieg, um den Einzug in die Champions League oder den UI-Cup geht. Für mich sind die Vorgaben eindeutig und absolut legitim. Wenn wir es am Ende schaffen, werden wir alle dafür belohnt. Ich finde das fair.

Ihr Start in Gelsenkirchen vor rund drei Monaten war eher unglücklich. Manager Rudi Assauer sagte, er wäre nicht auf Sie als Cheftrainer gekommen.

Ach, ich hatte eigentlich immer ein gutes Verhältnis zu Rudi. Auch jetzt treffen wir uns, trinken Kaffee und reden über die Spiele. Rudi hat mich von Anfang an respektiert, das habe ich gespürt. Ein öffentliches Lob von unserem Manager, das gibt es sowieso ganz selten.

Fühlen Sie sich nach einem Vierteljahr in der Bundesliga noch immer als Neuling?

Am Anfang meiner Zeit als Cheftrainer habe ich betont, dass ich kein Newcomer bin, ich arbeite schließlich seit 16 Jahren als Fußballtrainer. Im Grunde haben die Leute natürlich Recht: Ich bin ein Neuling, was die Bundesliga betrifft. Das ist ein ganz anderes Pflaster. Hier steht man Tag für Tag unter Beobachtung. Aber damit kann ich sehr gut umgehen.

Woher kommt diese Gelassenheit? Ist das Teil Ihrer Fußball-Philosophie?

Ich glaube, eine richtige Philosophie wird sich erst mit der Zeit entwickeln. Im Laufe meiner Ausbildung habe ich bei Arsène Wenger, dem Trainer von Arsenal London, und Claudio Prandelli, dem damaligen Coach vom AS Rom, hospitiert. Zwei völlig unterschiedliche Typen. Beide haben mich sehr beeindruckt, von beiden habe ich eine Menge mitgenommen. Arsène Wenger gibt der Mannschaft viel Freiraum, er führt seine Spieler über Spaß und Kreativität zu ihrer Stärke. Prandelli hingegen ist straff in seiner Menschenführung, er setzt auf harte Arbeit. Und dann hat mich natürlich die Zeit mit Ralf Rangnick geprägt, einem akribischen Analytiker. Am Ende sagte ich mir: Die Mischung aus allen dreien muss es sein.

Unter Ralf Rangnick waren Sie lange Zeit Assistenztrainer, zunächst bei Hannover 96, dann auf Schalke. Seit Sie seinen Job in Gelsenkirchen übernommen haben, gilt Ihr Verhältnis als schwer belastet. Haben Sie überhaupt noch Kontakt?

Wir haben längere Zeit nicht mehr miteinander gesprochen, meines Wissens ist er auch gerade in Südafrika. Der Kontakt ist schwierig. Ralf möchte nicht über Schalke sprechen, und ich kenne derzeit kaum ein anderes Thema. Für mich ist er ein großer Trainer und ein wichtiger Freund - auch wenn jetzt Funkstille herrscht.

Was machen Sie auf Schalke anders als Ihr Mentor?

Ich hatte das Glück, eine absolut intakte Mannschaft übernehmen zu dürfen. Was kann es Schöneres geben? Mir ist bewusst, dass man üblicherweise als Trainer irgendwo im Abstiegskampf anfängt und sich dann ganz langsam hocharbeitet. So etwas kann Jahre dauern. Wer bekommt schon wie ich die Chance, gleich in der Bundesliga einzusteigen? Ich weiß das sehr zu schätzen.

Sie sind also rundum glücklich?

Es gibt auch Schattenseiten. Meine Familie lebt in Hannover, sie ist nie dort weggezogen, egal, wo ich gearbeitet habe. Ich bin Pendler, ich verbringe viel Zeit auf der Autobahn. Wenn man sich für den Beruf des Fußballtrainers entscheidet, weiß man natürlich, dass man wenig Zeit zu Hause verbringt. Trotzdem ist das nicht immer einfach. Meine Tochter ist jetzt acht Jahre alt, einen großen Teil ihrer Entwicklung habe ich nicht mitbekommen, weil ich damals Trainer bei Tennis Borussia Berlin war. Jetzt ist mein Sohn ein Jahr alt, und ich bin wieder nicht richtig dabei, wenn ein Kind von mir aufwächst.

Warum sind Sie überhaupt Fußballtrainer geworden? Sie haben Sport und Mathematik studiert und hätten auch Lehrer werden können.

Mir macht es einfach Spaß, Wissen zu vermitteln und mit einer Gruppe zusammenzuarbeiten. Ich bin ein Lehrertyp, ich habe auch schon Ski- und Tennisunterricht gegeben. Nach meinem Studium hatte ich dann die Chance, bei Hannover 96 im Nachwuchsbereich einzusteigen. Übrigens habe ich damals schon mit Fabian Ernst und Gerald Asamoah gearbeitet. Mein Training mit der Jugendmannschaft hat sehr schnell Früchte getragen. Ab da wollte ich unbedingt Fußballtrainer bleiben.

In vielen Medien gelten Sie als smarter Typ, als "der nette Herr Slomka". Einverstanden damit?

Nett - dieses Wort finde ich nicht so passend. Wenn Sie am Wochenende irgendwo auf einer Party waren und danach gefragt werden: Wie war's denn? und Sie sagen: Och, war ganz nett, dann ist das eigentlich kein Kompliment, oder? Ich würde mich als freundlichen Menschen bezeichnen. Denn das habe ich meiner Meinung nach als Cheftrainer bei Schalke 04 erreicht: in der Mannschaft und ihrem Umfeld eine positivere Stimmung zu schaffen. Man glaubt jetzt wieder an uns, an den Verein.

Interview: Iris Hellmuth

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