Nationalelf Die erste Glaubensprüfung


Jetzt helfen keine Worte mehr: Beim Confederations Cup, dem Probelauf zur WM, muss die Nationalelf unter Jürgen Klinsmann zeigen, dass vom Titel zu reden wirklich stark macht.

Sehr folgsam wirkt er nicht, so lässig, wie er in dem Baststuhl des Bremer Cafés sitzt. Doch der Mann ist gläubig, das ist wichtig in diesen Zeiten, in denen so vieles aufgebaut werden soll. Dieser junge Mann zum Weltmeister, beispielsweise. Er glaubt es selbst. "Natürlich tu ich das", sagt er.

Deshalb ist Patrick Owomoyela von Bielefeld nach Bremen gezogen, wo er in der nächsten Saison für Werder spielt. Vielleicht gar Champions League. "Ich mache alles, um 2006 dabei zu sein", sagt Owomoyela. Vor drei Jahren kickte er noch für den SC Paderborn in der dritten Liga.

"Unser Glaube wächst ständig", sagt sein Chef, Anfang Juni in München, Hilton, Ledersessel. Man muss dieser Tage froh sein, Jürgen Klinsmann sprechen zu können. Kürzlich drohte er mit verschlossenen Türen, wenn die Reporter weiter an seiner Arbeit als Bundestrainer nörgelten. Auch die Nervosität wächst ständig.

Noch immer hat er kein fertiges Team. Dafür längst einen fertigen Plan. Und der sieht vor, dass er mit seinen Mitstreitern Löw, Bierhoff und Köpke alles steuert. Die Stimmung im Team, die Stimmung im Volk. Die Spielweise vorneweg. Und den Glauben an den Erfolg. Klinsmann sagt: "Wir müssen mit der Gewissheit in das Turnier gehen: Wir haben alles ausgereizt, alles durchdacht und vorbereitet."

Alles. Das ist die einzige Chance.

2004 verkrampfte

die deutsche Seilschaft im Basiscamp zum Matterhorn, nun soll sie den Mount Everest bezwingen. Die eine Hälfte des angehenden Weltmeisters gewann bei der Euro in Portugal kein einziges Spiel. Die andere Hälfte sind die Neuen: Owomoyela etwa, Mertesacker, der aus der A-Jugend kommt, oder Huth von Chelseas Ersatzbank. Backfrisch, aber dadurch formbar. Niemals zuvor wurde eine Mannschaft, die die WM gewinnen soll, derart am Reißbrett konstruiert.

Es könnte sich als Größenwahn herausstellen.

Am Anfang war das Wort. Weltmeister, Klinsmann sagte es zur Inthronisierung. Nun schwebt es über ihm. Dabei war es auch vor allem Teil des Plans. "Wir wollten mit dieser Zielvorgabe einen Prozess anstoßen", betont Klinsmann, "die Messlatte hoch setzen." Seine Stimme kippt oft vor Leidenschaft, aber die Worte werden analytisch, theoretisch, wenn er seine Prinzipien erklärt. "Wir müssen die Spieler auf den Weg bringen", sagt er, "ihnen die Bausteine erklären, sie müssen die Chance haben, ihre Persönlichkeit zu formen." Er wiederholt diese Sätze in vielen Runden, immer wieder.

Klinsmann spricht von einer "Vision",

"positiven Energien", "Lebensfreude", es sind Mantras, und Klinsmann ist der Guru. Bei Pressekonferenzen rattern die Sätze bisweilen wie aus einer Gebetsmühle. Doch wenn man ihm gegenübersitzt, ahnt man, dass Klinsmann von dem überzeugt ist, was er predigt. Er beugt sich vor: "Die Spieler müssen selbst die Verantwortung übernehmen. Nur dann wird es gehen. Darum müssen wir jedem Einzelnen helfen, sich maximal zu entwickeln, so schnell wie möglich."

Worte sind Klinsmanns größte Waffe, sie liefern Halt, wo im Grunde noch keiner sein kann. Doch das ist auch Klinsmanns Dilemma, er spürt es schon jetzt. Er kann gute Arbeit leisten, das Team stärkerreden, als es ist: Wenn es demnächst dennoch ins Straucheln gerät, könnte sein Guru wie ein Scharlatan dastehen. Er hat dem ungeduldigen Land einen Weltmeister in Aussicht gestellt. Sein Personal dafür: Ballack, Kahn und ein Alleskönner namens Hoffnung. Aber das Wort steht.

Und es beginnt schon jetzt, sich gegen ihn zu richten. Bei der Reise nach Nordirland voriges Wochenende wurde noch immer viel von Enthusiasmus gesprochen, bei all jenen, die den Adler auf der Brust tragen. Sie siegten 4 : 1, drehten zu zehnt einen Rückstand. Doch schon davor hatte die Nationalelf ein gespanntes Grundgrummeln erreicht: Oliver Bierhoff, der Manager, zoffte sich mit dem FC Bayern, der Boulevard kritisierte Klinsmanns Wohnsitz in Kalifornien, um die Kükenabwehr sorgen sich sowieso alle, auch Owomoyela war zuletzt schwach, und jeder Sieg wird überschattet vom gern wiederholten Verdacht, zu leicht für Schwergewichte zu sein.

Beim Confederations Cup, dem kommende Woche beginnenden Probelauf zur WM, muss die Elf endlich das Gegenteil beweisen. Gegen Australien und Tunesien elegant ins Halbfinale stoßen. Dann Argentinien oder Brasilien bezwingen, in jeder Besetzung stolze Trophäen. Mindestens muss sie so saftig auftreten, wie Klinsmann es verkündet hat.

Die Youngster schauen in ihrem Ehrgeiz nur auf Michael Ballack, den überragenden Kapitän. "Vorne sind wir ganz gut", sagte der in Belfast lächelnd. "Und hinten - unerfahren." Aber was, wenn Ballack ausfallen sollte? Wenn die Himmelsstürmerchen den Mast verlieren, an dem sie sich emporhangeln sollen? Dann gibt es auf dem Feld noch allenfalls Leute wie Schneider oder Wörns, treue Seelen ohne Allüren. Oder einen Mann wie Torsten Frings, 28 Jahre.

Nachdem Klinsmann gegangen ist, setzt der sich in dessen Sessel. Klinsmanns Feuer ist aus dem Raum gewichen. Frings ist kein Euphoriker. Aber er sagt: "Ich fühle mich wohl bei der Nationalelf, hier habe ich Spaß - und das Gefühl, dass ich 100 Prozent Rückendeckung bekomme." Bei den Bayern in München war er zuletzt oft lethargisch auf dem Platz, saß am Ende der Saison auf der Bank. Bei Klinsmann soll Frings mit seiner Dampfkraft dem großen Ballack den Rücken freihalten, nicht viel mehr. Vor allem: nicht einen Deut weniger.

Beim ersten Länderspiel

unter Klinsmann, in Wien, klopfte es abends an Frings' Tür. Es war der Neue. Klinsmann trat ins Zimmer und erzählte Frings, wie sehr er auf ihn zähle. "Zum ersten Mal bin ich ein richtig wichtiger Spieler in der Nationalelf", sagt Frings. "Ich brauche das." Vor dem Argentinien-Match im Februar packte ihn sich der Coach und sagte: "Zeig dem Riquelme, wer Frings ist." Beim 2 : 2 - Ballack fehlte - wuchs er über sich hinaus. Das ist nun der Maßstab.

Frings kam 2001 unter Rudi Völler in die Nationalelf, wurde im Jahr darauf Vizeweltmeister, in einem Team, das sich geschickt ins Finale biss. "Jetzt versuchen wir, bei jedem Spiel den Gegner zu überrollen", sagt Frings. Er wird dabei vorneweg marschieren. Wenn er das Niveau des Argentinien-Spiels hält. Fabian Ernst und neuerdings wieder Dietmar Hamann sitzen ihm im Nacken. Trainer Völler hielt an Lieblingsspielern aus Dank in schlechten Phasen fest. Diese Zeiten sind vorbei.

Das Zeichen gaben Klinsmann und Co. gleich in ihrer ersten Amtshandlung: Sie entmachteten Kapitän Oliver Kahn, warfen seinen Intimus Sepp Maier hinaus, holten als Torwarttrainer den neutralen Andreas Köpke, der mit seiner ruhigen Kraft Kahns Duell mit Jens Lehmann moderieren soll. Es war ein Signal an den ganzen Kader: Die Tür ist offen.

Nun muss es auch anderen wehtun.

Alle Auserwählten haben vor der WM in ihren Klubs im Stamm zu stehen. So hat es Klinsmann verfügt. Daher wechselt Hitzlsperger nach Stuttgart, Hanke zu Wolfsburg, Frings wohl wie Owomoyela nach Bremen. Und wenn sich Huth nicht bald durchsetzt bei Chelsea London, wird er bei der WM nicht auflaufen.

"Die Jungs wissen, was wir verlangen", sagt Joachim Löw, Klinsmanns Assistent. In der Zentrale des DFB, Frankfurt, glitzernde Pokale hinter Glas, auch der World Cup. Eine Kopie, versteht sich. Löw hat eine angenehme Art, da ist kein Misstrauen zu spüren, wie bei so vielen Trainern. Am Anfang dachte man, der Klinsmann holt sich als zweiten Mann den netten Herrn Löw. Dann bellte der bei der ersten Einheit Kommandos heraus, dass mancher Routinier erschrocken zusammenfuhr. Unter Völler waren die Trainingslager zuletzt Urlaub de luxe. Löw sagt: "Wir müssen die Zeit nutzen. Jeden Tag! Optimal!"

Alle Nationalspieler haben vor kurzem einen Ordner in die Hand gedrückt bekommen. Ein persönliches Profil, so nennt es Löw. Darin findet der Spieler die Wahrheit des DFB, schwarz auf weiß. "Hier sehen wir dich gut, hier nicht so gut", sagt Löw. "Wir wollen Selbstmotivation erzeugen, indem wir aufzeigen: Du hast deine Grenzen noch längst nicht erreicht. Aber wir sagen ebenso klar: Wenn du dich nicht verbesserst, verpasst du für dich selbst eine Chance." Fabian Ernst etwa sprintet neuerdings viel öfter durchs Mittelfeld, reißt so Lücken. Sein Dauertrab war ein Kritikpunkt seines Profils.

Löw ist purer Fußballer, kein Mann des Marketings. Er sagt auch: "Wir sind ganz zufrieden bisher. Aber es ist noch viel zu tun. Wahnsinnig viel." Kurze Pause. Er räuspert sich, wie es seine Art ist, wenn er sich warm redet. "Sonst werden wir in der 60. Minute müde, und dann war's das in einem WM-Viertelfinale."

Patrick Owomoyela,

25, blickt in Bremen aus dem Fenster, man sieht das Weserstadion von hier. "Ich habe in der Regionalliga fünf Jahre vergebens versucht, den Durchbruch zu schaffen." Bis er begann, sich bewusster zu ernähren, nicht mehr so oft nach Hamburg zu fahren, wo Freunde und Familie leben. "Dann kam Bielefeld, zweite Liga. Dann der Aufstieg. Noch mal ein Schub. Und jetzt die Nationalelf und Werder. Es ist immer weitergegangen. Und das Komische ist: Ich werde immer ehrgeiziger." Owomoyela hat Rastalocken, er trägt ein ärmelloses Basketballtrikot. Iverson steht drauf. Allen Iverson, ein Rebell. Der deutsche Nationalspieler Owomoyela aber sagt: "Ich sauge alles auf, was mir angeboten wird."

Vorträge von TV-Reportern also, Computerkurse, Mentalcoaching und die Tipps der Fitnesstrainer aus den USA. Im Falle des Scheiterns werden diese Ideen wirken wie Aktionismus, Schnickschnack. Aber niemand wird Klinsmann vorwerfen können, er habe keine Symbole des Aufbruchs geschaffen. "Wissen Sie, warum wir die Fitnesstrainer geholt haben?", hat Klinsmann gefragt. "Weil die wissen, wie man diese Generation erreicht. Die haben auch Stars wie den Basketballer Kobe Bryant trainiert."

Das neue Spiel der Deutschen soll ja sein: volle Kraft voraus, und beim DFB sind sie derzeit äußerst beunruhigt, dass viele Profis wie Asamoah oder Kuranyi nach der langen Saison einfach platt sind. Warum sollte dies nächste Saison anders sein, zur WM? Also hat Klinsmann die Losung ausgegeben: Jeder muss künftig mehr tun als seine Vereinskumpel. Mehr dehnen, mehr laufen, mehr kräftigen. Ein Jahr lang jeden Tag ein bisschen Nationalspieler sein. Wenn alle mitziehen, so die frohe Botschaft, dann kann es wirklich gelingen.

Dann glückt der Plan.

Und die Klinsmänner werden als größte Visionäre in die Geschichte des deutschen Fußballs eingehen. Glückt er nicht, als die größten Blender.

Rüdiger Barth und Bernd Volland print

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