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NATIONALMANNSCHAFT: Der Kaiser zittert

Nur noch Stunden bis zum entscheidenden Spiel um die Fahrkarte zur WM. Rudi schwitzt, das Team ist heiß und der Kaiser zittert.

In 15 Minuten zur WM

Mit drei Blitztoren hat die deutsche Fußball- Nationalmannschaft das Schreckgespenst eines Scheiterns in der WM- Qualifikation vertrieben und in souveräner Manier das Ticket für Japan und Südkorea gelöst.

15 Minuten reichten dem deutschen Team, um alle Hoffnungen der Ukrainer zu Nichte zu machen. Getragen von einer Woge der Begeisterung gewann die Elf von Teamchef Rudi Völler das zweite K.o.-Spiel gegen die Ukraine mit 4:1 (3:0) und sicherte sich zum 15. Mal seit 1934 die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft. Während die Spieler den Erfolg noch gemeinsam mit den Fans mit der »La Ola«-Welle feierten, gratulierte Bundeskanzler Gerhard Schröder als einer der ersten zur WM-Teilnahme.

»Oh, wie ist das schön«

Vier Tage nach dem 1:1 in Kiew war die Partie vor 52 400 Zuschauern im ausverkauften Westfalenstadion durch Tore von Michael Ballack (4. Minute), Oliver Neuville (11.) und Marko Rehmer (15.) bereits nach einer Viertelstunde entschieden. Mit einem weiteren Kopfball-Tor rundete der überragende Ballack (51.) den höchsten Länderspiel-Sieg in der Ära Völler ab. Mit »Oh, wie ist das schön«-Gesängen und begeisterten »Rudi, Rudi«-Sprechchören feierte die Kulisse mit der fast komplett versammelten nationalen Fußball-Prominenz die deutsche Elf und den 41-Jährigen, der schon nach dem zweiten Treffer beruhigt auf der Trainerbank Platz nehmen konnte. Das ukrainische Gegentor durch Andrej Schewtschenko in der Schlussminute war nicht mehr als ein Schönheitsfehler.

»Ein Superspiel«

»Wenn man bedenkt, was die letzten acht, neun Wochen passiert ist, bin ich sehr erleichtert«, gestand ein strahlender Rudi Völler. Bundesinnenminister Otto Schily hatte »ein Superspiel« gesehen und betonte: »Jetzt geht es aufwärts, davon bin ich überzeugt.« Für Torhüter Oliver Kahn kann dem Erfolg Weg weisende Bedeutung zukommen: »Die Mannschaft ist regelrecht explodiert. Ich glaube, wir stehen jetzt vor guten Zeiten.« Der in der 58 Minute eingewechselte Oliver Bierhoff sprach von einem »exzellenten Spiel«. Kein Wunder, schließlich hatten ihn die Dortmunder Fans schon mit »Oli Bierhoff«-Gesängen gefeiert, bevor er ein einziges Mal gegen den Ball getreten hatte.

Das Ende des Zitterns

Mit der im Spiel der Wahrheit perfekt gemachten Qualifikation für das WM-Turnier vom 31. Mai bis 30. Juni kommenden Jahres beendete die Nationalmannschaft ein langes Zittern und setzte den erfolgreichen Schlusspunkt unter eine WM-Ausscheidung mit Höhen und Tiefen. Nach zwei leichtfertig vergebenen »Matchballen« in den Gruppenspielen gegen England und Finnland standen Völler und seine Kicker unter ungeheurem Druck. Das erstmalige Fehlen bei einer Weltmeisterschaft seit 1950 hätte unabsehbare Konsequenzen für die Bundesliga, Sponsoren sowie die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ARD und ZDF als Inhaber der teuren WM-Rechte gehabt.

Hoch motiviert

Die frühe Führung ließ aber erst gar keine Nervosität im deutschen Team aufkommen, das wie von Völler gefordert von der ersten Minute an hoch motiviert, mit Leidenschaft und absolutem Siegeswillen zu Werke ging. Die bis auf die Angreifer Carsten Jancker und Neuville mit der Elf von Kiew identische Formation zeigte den bis dahin in der Qualifikation auswärts ungeschlagenen Ukrainern schonungslos die Grenzen auf. Eine 3:0-Führung innerhalb der ersten Viertelstunde hatte es zuletzt am 13. Oktober 1993 beim 5:0-Sieg im Länderspiel gegen Uruguay in Karlsruhe gegeben.

Michael Ballack war überall

Zum Dreh- und Angelpunkt des Spiels avancierte Michael Ballack, der mit seinen Qualifikationstoren Nummer fünf und sechs zum besten deutschen WM-Schützen aufstieg und mit seinem großen Radius an den meisten gefährlichen Aktionen beteiligt war. Wie schon im Hinspiel war Bernd Schneider auf dem rechten Flügel eine konstante Größe und machte seinem Spitznamen »Flankengott« mit der Vorarbeit zum 1:0 Ehre.

Neville als Abstauber

Geradezu ungewohnte Qualitäten als Vollstrecker bewies der nach Verbüßen seiner Gelb-Sperre ins Team zurückgekehrte Neuville mit seinem zweiten Tor im 29. Länderspiel. Zu den Aktivposten in der deutschen Mannschaft, die keinen Ausfall zu verzeichnen hatte, zählte auch erneut der Berliner Verteidiger Marco Rehmer, der seinen Offensivdrang mit dem vierten Treffer im Nationaltrikot krönte.

Eklatante Abwehrschwächen

Ein schwerer Fehler von Viktor Skripnik verhalf der deutschen Mannschaft zum erhofften schnellen 1:0. Der Bremer Bundesliga-Profi legte den Ball unbedrängt Schneider vor, dessen Flanke von der rechten Seite Michael Ballack in bester Leverkusener Co-Produktion zur Führung verwertete. Dieser Treffer lähmte die Ukrainer und wirkte zugleich befreiend auf das Spiel der deutschen Elf, die nur sieben Minuten später erneut jubeln durfte: Nach einem von Torwart Maxim Lewitzky zu kurz abgewehrten Kopfball feuerte Neuville die Kugel zum 2:0 ins Netz. Weitere vier Minuten später zerfiel die ukrainische Abwehr endgültig in ihre Einzelteile: Nach einem Eckball von Neuville traf Rehmer per Kopf zum dritten Mal ins Schwarze.

Coole, zweite Hälfte

In der zweiten Hälfte zogen die Gastgeber die Zügel wieder energisch an und wurden mit dem zweiten Kopfball-Tor von Ballack belohnt. Diesmal war Neuville als Flankengeber der Ausgangspunkt. Für den angeschlagenen Jancker durfte eine halbe Stunde vor Schluss sogar noch der zuletzt arg kritisierte etatmäßige Kapitän Oliver Bierhoff aufs Feld.

Reaktionen auf das Spiel: Oliver Bierhoff: »Wir haben ein exzellentes Spiel gemacht. Bei dieser Stimmung im Stadion konnten wir gar nicht verlieren.«

Carsten Jancker: »Wir haben uns jetzt bewiesen, dass wir es können. Ausschlaggebend war, dass wir die Ukraine in der ersten halben Stunde gar nicht zum Luftholen kommen ließen. Das Publikum war fantastisch.«

Michael Ballack: »Es war seit langen wieder mal ein Fußballfest. Der Druck war enorm. Aber wir haben unheimlich stark begonnen. Unser Ziel, voll auf Sieg zu spielen, ist voll aufgegangen. Jetzt ist alles okay, jetzt freuen wir uns erst einmal alle, dass wir es geschafft haben.«

Uli Hoeneß: »Ich habe erwartet, das die Mannschaft klar gewinnen wird, denn die Ukrainer sind auswärts erfahrungsgemäß einfach schwach. Hauptsache, wir sind jetzt bei der WM.«

Thomas Bach: »Die Erleichterung ist sehr groß. Das klare Ergebnis ist für mich eine Überraschung. Die Mannschaft hat fantastisch gespielt und in der Höhe verdient gewonnen.«

Werner Hackmann: »In der Höhe habe ich dieses Ergebnis nicht erwartet. Für den deutschen Fußball und die Liga war es ein sehr wichtiger Sieg. Die Mannschaft hat von der ersten Minute Druck gemacht und verdient gewonnen.«

Michael Meier: »In der Deutlichkeit habe ich den Sieg nicht erwartet, doch die Mannschaft hat mit einer konzentrierten Einstellung diesen Erfolg verdient. Ein Gewinner ist aber auch der Veranstalter. Wenn der DFB nochmal ein Problem haben sollte, kann er sich bei uns in Dortmund melden.«

Horst Hrubesch: »Die Mannschaft hat geradlinig gespielt und Druck gemacht. Sie hat sich diesen Sieg redlich verdient. Wer weiß, wozu es gut war, dass wir so lange zittern mussten.«

Christian Ziege: »So viel Druck habe ich in meiner Karriere noch nicht gespürt.«

Oliver Kahn: »Die Erleichterung ist natürlich riesig. Es war schon ein ziemlicher Druck. Die Mannschaft ist regelrecht explodiert. Ich glaube, wir stehen jetzt vor recht guten Zeiten. Wenn man so etwas durchgemacht hat, wovor soll man dann noch Angst haben.«

Pierre Littbarski: »Wenn man sich in einer derart schwierigen Situation qualifiziert, fördert das den Teamgeist. Das gibt Hoffnung für die Weltmeisterschaft und könnte der Anfang einer neuen Mannschaft gewesen sein.«

Franz Beckenbauer: »Nach einer Viertelstunde war das Spiel eigentlich vorbei. Man hat wirklich sehr guten Fußball gespielt.« Bundesinnenminister

Otto Schily: »Das war ein Superspiel. Jetzt geht es aufwärts, davon bin ich überzeugt.«

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