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Nationalmannschaft: Der Vul-Kahn brodelt

Der Torwartzwist will kein Ende nehmen. Während Klinsmann sich nur leise und intern äußert, Kapitän Ballack sachlich Fairness fordert, kommen aus München härtere Töne.

Die anrüchige Bezeichnung "Jubelperser" hat eine ganz neue Bedeutung bekommen - zumindest für die Nationalkicker. Der herzliche Empfang der deutschen Mannschaft in Teheran war selbst für Jubel gewohnte Fußballspieler ungewohnt. Doch für langes Schwelgen über die Begeisterung der Iraner war keine Zeit. Denn noch immer schwelt der Konflikt um die Nummer eins im deutschen Tor. DFB-Kapitän Michael Ballack sah sich deshalb genötigt, die Streithähne zu einem fairen Umgang miteinander aufzufordern.

Er halte es zwar für legitim von Jens Lehmann, "seine Ansprüche geltend zu machen", aber das alles müsse immer im Rahmen bleiben, sagte der Mittelfeld-Chef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Teheran. Durch die jüngsten Aussagen der beiden Kontrahenten Lehmann und Oliver Kahn sowie von Bundestorwart-Trainer Sepp Maier sieht Ballack die Vorbereitung auf das Länderspiel an diesem Samstag gegen den Iran jedoch nicht gestört: "Ich denke, das beeinflusst die Mannschaft nicht."

Auch wenn Jürgen Klinsmann erst nach der Rückkehr aus dem Iran das Thema und mögliche Konsequenzen für Maier weiter behandeln will, machte er noch in Teheran den 19 mitgereisten Spielern seine Haltung zum Torwart-Streit und anderen störenden Einflüssen klar. "Auch zu den Nebengeräuschen habe ich ein paar Worte an die Mannschaft gerichtet", verriet der Bundestrainer. Gemeinsam mit Oliver Bierhoff bereitet er derzeit eine Art Verhaltenskodex vor, der den Spielern vor dem kommenden Länderspiel am 17. November in Leipzig gegen Kamerun in schriftlicher Form ausgehändigt werden soll. "Darin wollen wir einfach alle Punkte auflisten, wie wir uns die Zusammenarbeit vorstellen", berichtete Team-Manager Bierhoff.

Wer ist die Nummer 1 im deutschen Tor?

Ballack sieht in dem "sehr harten Konkurrenzkampf" zwischen Kahn und Lehmann Vorteile für seinen Münchner Vereinskollegen, da dieser gefordert wird. "Olli war immer die Nummer eins, was er sich verdient hat. Jens ist auf einem ähnlichen Level, hat aber das Pech, Oliver vor sich zu haben", sagte Ballack. Klinsmann sprach von einem "Luxusproblem" in der Torwart-Frage, unterstrich allerdings nochmals seine derzeitige Rangfolge: "Oliver Kahn ist die Nummer eins, Jens Lehmann die Nummer zwei - im Moment."

Indes legte Kahn, der von Klinsmann für das Spiel in Iran eine schöpferische Pause bekam, in der Heimat verbal nach. "Lehmann provoziert dauernd. Schon seit Jahren. Vielleicht will er, dass ich zurück trete. Oder dass Torwart-Trainer Sepp Maier hinschmeißt. Das sind alles ganz ungute Tendenzen", übermittelte der 35-Jährige am Freitag via "Bild"-Zeitung nach Teheran. Kahn fordert eine "interne Lösung", so könne es nicht weiter gehen. Ballack hielt dagegen: "Das ist ein ganz normaler Konkurrenzkampf, wo der eine oder andere auch mal spielen möchte und das kund tut."

Mit seiner erneuten Parteinahme für Kahn hatte Maier gegen eine Vorgabe von Klinsmann verstoßen. Zwar will Klinsmann erst nach dem Länderspiel Konsequenzen ziehen, doch der Torwart-Trainer gab schon jetzt zu verstehen, dass er sich an keinen "Maulkorb"-Erlass halten werde. "Ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Ich sage nur die Wahrheit, auch wenn die einigen wehtut. Für Jens Lehmann hat sich die Situation seit 1998 nicht geändert. Und wird sich auch nicht ändern", so Maier der Tageszeitung "Die Welt".

Jens Mende/Klaus Bergmann/DPA / DPA

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