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NATIONALMANNSCHAFT: Rudis Talentschuppen

Beim heutigen Testspiel in Bulgarien geht Rudi Völler mit einer sehr jungen Mannschaft ins Spiel. Die meisten sind keine 23 Jahre alt. Der Teamchef schwärmt von den »Frühreifen«.

Im ersten Amtsjahr von Rudi Völler mussten sich Deutschlands beste Fußballer noch durch konstante Leistungen in der Bundesliga in die Nationalmannschaft hoch dienen. Jetzt hingegen wirft der Teamchef die Talente gleich reihenweise ins kalte Wasser. So ungern er über den Umbruch in den Reihen des Vize-Weltmeisters redet, so konsequent treibt er die Verjüngung voran. 25 Jahre betrug das Durchschnittsalter des Kaders, den Völler mit zum Testspiel nach Bulgarien genommen hatte - gleich acht der 18 Spieler sind nicht älter als 23 Jahre. Das WM-Aufgebot war mit durchschnittlich 27,7 Jahren deutlich älter.

Die Alten sind zurückgetreten oder verletzt

Die WM-Kräfte sind entweder zurückgetreten oder verletzt, weshalb die Frischzellenkur im Nationalteam gravierender ausfiel als zunächst von Völler geplant. Doch der Teamchef hat keine Bedenken, dass die Talente mit den Vorschusslorbeeren nicht umgehen könnten. »Da ist keiner dabei, der in Gefahr geraten könnte, abzuheben. Sie wissen genau, wie sie sich einzustufen haben«, urteilte Völler über seinen Talentschuppen. Den Realititätssinn, den die neue Spieler-Generation an den Tag legt, hat der 42-Jährige zu seiner aktiven Zeit selten beobachtet: »Früher hat dem einen oder anderen Spieler die frühe Berufung in die Nationalmannschaft nicht so gut getan.«

Frühreif und diszipliniert

Überhaupt staunt Völler, wie frühreif und diszipliniert sich Spieler wie die WM-Fahrer Christoph Metzelder, Sebastian Kehl und Gerald Asamoah oder die neuen Hoffnungsträger Paul Freier, Daniel Bierofka, Arne Friedrich, Fabian Ernst und Tim Borowski präsentieren:

»Es ist beeindruckend, wie mediengewandt und professionell die Jungs sind. Als ich in dem Alter war, war das noch ganz anders.«

Chance für junge Spieler

Doch die Zeiten haben sich geändert, in der Bundesliga wie auch in der Nationalmannschaft. Geändert haben sich aber auch die Voraussetzungen für junge Spieler. Die Blitz-Karrieren der Dortmunder Defensiv-Kräfte Metzelder (21) und Kehl (22) haben nicht nur ihre Altersgenossen, sondern auch viele Trainer inspiriert. Immer mehr Verantwortliche in den Vereinen sind inzwischen bereit, Talente in ihren Profimannschaften auszubilden und auch einzusetzen. Folge: Die in der aktuellen U21-Auswahl des neuen Junioren-Trainers Jürgen Kohler vertretenen Kräfte verfügen fast alle über permanente Spielpraxis in der Bundesliga.

Sie alle wollen in die Fußstapfen von Kehl und Metzelder treten. »Man kann sich ein Beispiel an ihnen nehmen«, sagt der Bochumer Mittelfeldspieler Paul Freier, »sie sind ins kalte Wasser geworfen worden und haben ihre Chance genutzt.« Wer sich dauerhaft für die EM 2004 und WM 2006 empfiehlt, bleibt abzuwarten. Zumindest Völler rechnet bei der Talentesichtung mit Rückschlägen. »Die Jüngeren müssen auch noch durch das ein oder andere Tief gehen, um letztlich ganz Große zu werden. Da müssen wir Trainer auch Geduld aufbringen«, sagte der 42-Jährige, der nichts von einem radikalen Umbruch hält, sondern auf einen kontinuierlichen Verjüngungsprozess setzt: »Wir müssen eine gesunde Mischung finden aus jung und alt, aus Talent und Erfahrung.«

Erstes Ziel ist die EM 2004 in Portugal

Da derzeit die Jugend zahlenmäßig zu stark vertreten ist, warnte der Teamchef bereits, dass zum Start der EM-Qualifikation am 7. September in Litauen »ein jüngerer Spieler mal nicht eingeladen wird«. Denn maßgeblich sei nicht, einen Perspektivkader für die WM 2006 im eigenen Land aufzubauen, sondern die Qualifikation für die Europameisterschaft 2004 in Portugal. Und da zählt allein die Leistung, so Völler: »Da müssen die besten Spieler dabei sein, ob der eine etwas älter und der andere etwas jünger ist, ist nicht entscheidend.«

Kommen Scholl und Babbel zurück?

Und deshalb hat er auch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass möglicherweise schon bald zwei gestandene Spieler ihre Rücktritte überdenken. Bei Gelegenheit wolle er mit Mehmet Scholl und Markus Babbel über eine Rückkehr reden: »Die Tür ist auf.«

Oliver Hartmann und Jens Mende, dpa

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