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Neuer HSV-Trainer Thorsten Fink Vom Garten Eden in Teufels Küche


Thorsten Fink ist neuer Trainer des HSV. Bis zuletzt trainierte er den Champions-League-Teilnehmer FC Basel. In der Schweiz wurde Fink wegen seiner Erfolge verehrt. Jetzt geht er zum Tabellenletzten der Bundesliga. Warum tut er sich das an? Ein Erklärungsversuch.
Von Klaus Bellstedt

Thorsten Fink ist ein blendend aussehender Mann. So ein bisschen Typ José Mourinho. Am Spielfeldrand steht der 43-Jährige Neu-Trainer des HSV fast immer in Anzug und Krawatte. Mal trägt der Fußballlehrer Dreitagebart, mal nur Kinnbart. Sein Haar ist blond. Graue Ansätze sucht man vergeblich. Wenn er nicht so ein famoser Coach geworden wäre, Fink hätte locker die Modellaufbahn einschlagen können.

Aber es ist ja nicht nur sein Aussehen: Fink ist auch ein Feingeist. Nach seiner ersten Station als Trainer 2006 bei RB Salzburg übernahm der frühere Bayern-Profi 2008 den Audi-Club und damaligen Drittligisten FC Ingolstadt. Von seiner Antrittsrede schwärmen die Menschen dort noch heute. "The sense of life is teamwork", erklärte Fink - natürlich auf Englisch. Und dann zitierte der Weltmann auch noch Schiller: "Nicht in der Ferne verliere dich, sondern den Augenblick ergreife, denn der ist dein."

Es ist gut möglich, dass der Coach bei seiner Präsentation als neuer Cheftrainer des HSV am kommenden Montag in der Hansestadt dieses Zitat wieder aus dem Rucksack ziehen wird. Fink hat die Möglichkeit gesehen, in die Bundesliga zu wechseln. Er hat keine Sekunde gezögert. "Ergreife den Augenblick, denn der ist dein", treffender geht's nimmer. Der FC Basel ist Geschichte, Hamburg, ich komme.

Schon als Kind vom HSV geschwärmt

Der "FCB" ist Tabellenführer in der Champions-League-Gruppe C - vor Benfica Lissabon und Manchester United. In der Schweizer Super League liegt der Club nach 11 Spieltagen auf Platz vier - nur fünf Punkte hinter Spitzenreiter Luzern. Seine Ex-Mannschaft hat schon wieder sagenhafte 26 Tore in dieser Saison erzielt. Kein Team in der Schweiz kann da mithalten. Der HSV ist Tabellenletzter. Die Mannschaft vom neuen Sportdirektor eigenwillig, um nicht das Wort "falsch" zu benutzen, zusammengestellt. Durch den Volkspark geistert das Abstiegsgespenst, der Dino wankt. Warum tut Fink sich das an? Warum tauscht der in der Schweiz hoch geschätzte Fußballtrainer das Paradies beim FC Basel, den er seit 2009 zweimal zum Meistertitel führte, gegen den Schleudersitz beim HSV ein?

Die Antwort klingt so: "Schon als kleines Kind, als der HSV noch in Europa glänzte und die größten Erfolge feierte, habe ich die 'Rothosen' immer bewundert", sagt der gebürtige Dortmunder, "als Spieler, egal ob beim Karlsruher SC oder dem FC Bayern München, waren die Spiele gegen den HSV immer etwas ganz Besonderes." Blöd nur, dass die aktuellen HSV-Spieler zwar immer noch die Raute an derselben Stelle auf dem Trikot tragen, aber sonst nur wenig mit den Spielern der ruhmreichen Vergangenheit gemeinsam haben. Aber Thorsten Fink schert das alles wenig. Er will es sich selbst beweisen und die nächste Stufe auf der Karriereleiter erklimmen. Das geht nur in der Bundesliga. Und nicht in der idyllischen Schweiz.

Bye, bye David Jarolim

Von Kurt Jara 2001 bis Rodolfo Cardoso 2011 hat der HSV unfassbare zehn Trainer verschlissen. Man muss es Thorsten Fink lassen: Das nötige Selbstvertrauen, um diesen desaströsen HSV wieder in die Spur zu bringen, hat er. Vielleicht ist es genau richtig, wenn er etwas sehr forsch sagt: "Diese Mannschaft muss den Klassenerhalt packen - ohne Wenn und Aber." Und weiter: "Das Team ist jung, hat in meinen Augen viel Potenzial und ist mit vielen Talenten ausgestattet, hat aber auch den einen oder anderen erfahrenen Spieler." Und dann kommt's: "Ziel eins ist der Klassenerhalt. Am Saisonende sollten wir es bis ins Mittelfeld packen - ins obere Mittelfeld aber, bitteschön!" Das kann man arrogant finden, aber wie gesagt: Welcher HSV-Trainer hat in der Vergangenheit solche klaren Worte gefunden? Solche Ziele formuliert? Huub Stevens vielleicht, oder Martin Jol. Maximal.

Noch etwas sollte den HSV-Fans Mut machen: Ihr neuer Trainer hat einen ganz genauen Plan von Fußball. Früher, als Spieler in Wattenscheid, beim KSC, oder den Bayern, war er der klassische Ausputzer. In seinem Trainerleben hat er sich von der Grätscherei verabschiedet. Beim FC Basel ließ er zuletzt mit drei offensiven Mittelfeldspielern und zwei Stürmern spielen. David Jarolim wird das nicht gerne hören - die Ästheten umso mehr. Basel erzielte in der vergangenen Saison in der Meisterschaft über 90 Tore. Fink ist ein glühender Anhänger von Powerfußball. Man könnte auch sagen: Er liebt das Risiko.


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