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Kolumne

Rot-weiß - die Bayern-Fan-Kolumne: Kovac mauert sich gegen Liverpool zum Erfolg, doch der Schein trügt

Niko Kovac hat seinem Team an der Anfield Road eine defensive Taktik eingetrichtert - mit Erfolg. Die Roten trotzten Liverpool ein 0:0 ab. Doch der Schein trügt. Im Rückspiel kann schon ein Gegentor das Aus bedeuten. Von Stefan Johannesberg 

Keiner darf über die Mittellinie: Niko Kovac an der Anfield Road

Keiner darf über die Mittellinie: Niko Kovac an der Anfield Road

Getty Images

Das Bernabeu-Stadium tobte - aus Frust. Zum zehnten Mal biss sich Figo an Bixente Lizarazu und Sammy Kuffour die Zähne aus. Als er beim elften Mal dann doch durchbrach, verhinderten Abwehrboss Patrik Andersson und Torwart-Titan Kahn Schlimmeres. Wer am Mittwoch das Spiel des FC Bayern an der Anfield Road sah, musste lange zurückdenken, um in der Champions League eine so defensive wie kämpferisch erstklassige Münchener Mannschaft zu finden.

Erst 2001 entdeckt man gewisse Parallelen zu heute. Damals trafen die Mannen von Trainer Hitzfeld im CL-Halbfinale auf die favorisierten Madrilenen um Figo, Raul und Roberto Carlos. Das Hinspiel wurde zur absurden Abwehrschlacht, wo die 3er Innenverteidigerkette Kuffour - Andersson - Linke durch die französischen Weltmeister Lizarazu und Sagnol zum undurchdringlichen Bus-Vor-Dem-Tor wurde. Selbst Scholl ackerte auf der Figo-Seite nach hinten, so dass eigentlich niemand ein Tor für die Bayern hätte erzielen dürfen. Wäre da nicht Reals Torwart Casillas gewesen, der einen Schuss von FCB-Stürmer Elber aus gefühlten 50 Metern durchließ.

Hintenrum und den langen Hafer nach vorne

Vielleicht fühlte sich Liverpools Klopp auch an diese Bayern von 2001 erinnert, als er nach dem 0:0 erstaunt konstatierte: "Ich habe weder Gnabry schon mal so verteidigen sehen, noch hab' ich Alaba und Kimmich je so diszipliniert gesehen - nach hinten."  Dieses Klopp-Zitat umschreibt das Spiel perfekt. Kovac hatte seinem Team in Anbetracht der Defizite und Anfälligkeit im offensiven Angriffsspiel eine gnadenlos, aber pragmatische Taktik mitgegeben: leichtfertige Ballverluste minimieren, lieber hintenrum spielen oder einen langen Hafer hinter die Spitzen hauen und bis auf die drei offensiven Spieler Lewandowski, Coman und Gnabry darf keiner über Mittellinie.

Das Resultat war, das die Bayern im Gegensatz zu den Bundesliga-Spielen bei Ballverlusten meistens gut positioniert waren, um die brutal schnellen, vertikalen Attacken der Liverpooler Salah, Mané und Firmino abzufangen. In der ersten Halbzeit kamen sie sogar selbst zu einigen guten Konterchancen, konnten aber die Stürmerstars auf der anderen Seite auch nicht ganz ausschalten. In der zweiten Halbzeit verflachte das Spiel auf beiden Seiten. Kovac hat hoffentlich genau gesehen, dass selbst Klopp’sche Krieger ihr hohes Tempo nicht über 90 Minuten gehen können. Mit einem Goretzka oder einem Müller statt des offensiv enttäuschenden James wäre hier vielleicht noch etwas mehr als ein 0:0 möglich gewesen.

Niko Kovac pflegt einen uneitlen Pragmatismus

Was brachte das Spiel noch für Erkenntnisse? Martinez und Hummels lieferten Vintage-Weltklasse-Leistungen ab. Der Spanier freute sich, dass er das Spiel nicht aufbauen und Hummels, dass er mal nicht an der Mittellinie verteidigen musste. Beide konnten so ihre Erfahrung im Zweikampfverhalten und in der defensiven Raumdeutung ausspielen. Auch Kovac kam diese Ausgangssituation entgegen. Endlich konnte er seinen einzigen Vorteil gegenüber Taktik-Magiern wie Pep Guardiola, Favre oder Nagelsmann ausspielen: seinen uneitlen Pragmatismus. Wo seine genannten Kollegen meistens nur wenig von ihrem offensiven Dominanz-Stiefel abrücken wollen und dann gerade gegen abgebrühte Gegenpressing und Konter-Teams wie Liverpool oder Atletico Madrid verlieren, wählte der Kroate einfach die bestmögliche Huub Stevens-Gedächtnisvariante: die Null muss stehen, alles andere folgt danach.

Leider stand die Null im Gegensatz zum beschriebenen 2001er Madrid-Sieg auch vorne. Das heißt, Liverpool langt ein 1:1 oder 2:2 zum Weiterkommen. Wer den FC Bayern München dieses Jahr in der Allianz Arena gesehen hat, weiß um ihre Anfälligkeit gerade dort. Zudem wird neben Thomas Müller auch noch Joshua Kimmich gesperrt sein, während auf der anderen Seite das niederländische Abwehrmonster Van Dyke wieder dabei sein wird.

Das Rückspiel ist die Feuerprobe für Kovac

Die Feuerprobe für Kovac und vielleicht gar für seine Weiterbeschäftigung in der nächsten Saison fällt erst im Rückspiel. Er muss es schaffen, aus dem Liverpool-Spiel und den vorherigen Bundesliga-Partien eine gesunde Mischung aus defensiven und offensiven Phasen zu kreieren. Gelingt ihm das bereits im Rückspiel, stehen Kovac und seiner Mannschaft trotz der schwierigen Saison wider Erwarten alle Türen offen. 2001 holten die Bayern nach einem 2:1 Sieg im Rückspiel gegen Real und ihrem Last-Minute-Todesstoß für den Meister der Herzen beide Titel: Champions League und Bundesliga.

tis

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