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Meinung

EM-Qualifikation: Angst vor Nordirland? Die DFB-Elf sollte sich nicht kleiner machen als sie ist

Gibt's ein Finale? Steht die EM-Qualifikation auf der Kippe? Wohl kaum. Dennoch scheint die Stimmung in der deutschen Elf vor dem Spiel in Nordirland angespannt zu sein. Trotz der Pleite gegen die Niederlande gibt es dafür aber keinen Grund.

Video: Löw fordert gegen Nordirland mehr Aggressivität

Joshua Kimmich hatte am Sonntag eine ganz ernste Mine aufgesetzt: "Wer glaubt, das würde hier ein Spaziergang, der ist fehl am Platze", ließ der aktuelle "Sechser" der Nationalelf die versammelte deutsche Fußball-Presse wissen. Vor dem Spiel am Abend gegen Nordirland herrscht beinahe so etwas wie Schicksalsspiel-Stimmung. Es geht gegen den ungeschlagenen Tabellenführer, heißt es immer wieder; wenn das mal gut geht, schwingt da mit. Ist die EM-Qualifikation womöglich in Gefahr?

Bei aller Liebe: Natürlich stand es schon mal besser um die DFB-Auswahl, natürlich hatten "wir" schon stärkere Mannschaften. Aber Angst vor Nordirland? Es ist lange her, dass eine nordirische Mannschaft gegen eine deutsche gewinnen konnte, sehr lange: 36 Jahre, um genau zu sein. Überhaupt stammen die beiden Siege der Grün-Weißen beide aus der kurzen Phase der EM-Qualifikation 1982/83  - als in Reihen der "Green and White Army" Männer wie Torwart-Legende Pat Jennings, Ian Stewart, Norman Whiteside oder Billy Bingham standen, während Nationaltrainer Jupp Derwall neben einigen Stars auch auf Wolfgang Rolff, Wolfgang Dremmler oder Herbert Waas zurückgreifen musste. Vorher und nachher gab es keine Niederlage; seit 1997 nur Siege. Wer sich da als DFB fürchtet, der kann praktisch nur eines fürchten: eine Blamage.

Deutschland trotz allem top in Europa

Doch für diese Furcht gibt es keinen Grund. Zum einen gehört die DFB-Auswahl trotz allem noch immer zu den stärksten Teams in Europa. Zum anderen ist der "ungeschlagene Tabellenführer" nichts weiter als eine statistische Größe. Die Nordiren haben einfach ihre ersten vier Begegnungen gegen die - pardon - "Fußballzwerge" Estland und Weißrussland absolviert und alle vier erwartungsgemäß gewonnen. Dabei haben sie sich nicht mit Ruhm bekleckert; dreimal siegte man knapp, gegen Estland daheim mit 2:0. Zum Vergleich: Deutschland gewann sein Heimspiel gegen Estland im Juni mit 8:0. Die Begegnung mit Neuer, Kroos, Gnabry und Co. ist also der erste echte Prüfstein für die Nordiren - und geht der verloren, ist die Tabellenführung auch sofort weg.

Natürlich, und da hat Joshua Kimmich völlig recht, wird das Spiel in Belfast trotzdem kein Selbstläufer. Das waren Spiele gegen die enorm kampfstarken Nordiren nie. Schon gar nicht im kleinen Windsor Park, in dem 18.000 enthusiastische Fans mächtig Alarm machen werden. Auch diesmal werden es die Profis aus der zweiten Reihe der englischen Premier-League-Clubs, der schottischen Liga und einigen unterklassigen Vereinen ihre spielerischen Mängel mit Kampf und Einsatz ausgleichen. Aber auch das kennen die deutschen Stars doch zur Genüge.

Vor Nordirland zittern? Nein.

Ja, es ist ungewohnt, nach all' den erfolgreichen Jahren und Fußball der Spitzenklasse (vorerst) nicht mehr zur allerersten Garde zu gehören - Holland, Belgien, auch England, Frankreich sowieso sind derzeit ein Stück enteilt. Doch deswegen muss eine DFB-Auswahl noch nicht vor Nordirland zittern. Den Gegner ernst zu nehmen und zu respektieren, das gehört dazu. Man soll - und muss - sich aber nicht kleiner machen als man ist. Schon gar nicht, wenn man irgendwann wieder hoch hinaus will.

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