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P. Köster: Kabinenpredigt: Rot fürs ganze Rudel: Warum Gemecker gegen Schiedsrichter bestraft werden muss

Endlich wird die Meckerei gegen Schiedsrichter härter bestraft. Der fehlende Respekt der Spieler hat nichts mit Emotionen zu tun, findet stern-Stimme Philipp Köster.

Alassane Pléa von Borussia Mönchengladbach sieht die rote Karte

Alassane Pléa von Borussia Mönchengladbach sieht die rote Karte

Getty Images

Lothar Matthäus ist seit langen Jahren Experte bei Sky, und er hat sich im Laufe dieser zweiten Karriere erfreulich weit entfernt vom Klischee des dampfplaudernden Ex-Profis. Am Samstagabend allerdings erlitt Matthäus einen bedauerlichen verbalen Rückfall. Angesichts der gelb-roten Karte, die der Gladbacher Alassane Pléa für andauerndes Meckern kassiert hatte, moserte Matthäus: "Ich gehe da nicht mit. Dann sollen alle an der Konsole spielen. Wenn wir unsere Probleme so lösen, indem wir dem Fußball alle Emotionen nehmen, sind wir auf dem falschen Weg."

Das war eine erstaunlich schlichte Wortmeldung angesichts eines komplexen Themas. Denn was Matthäus mit "Emotionen" beschrieb, meint ja nicht Jubel und Trauer, sondern eine Unsitte, die seit vielen Jahren auf den Bundesliga-Plätzen Alltag ist.

Permanentes Gemecker und Gezeter

Die Rede ist vom mangelnden Respekt vor den Entscheidungen der Unparteiischen, vom permanenten Gemecker und Gezeter in Richtung Referees, von heranstürmenden Spielern, die Nase an Nase mit den Schiedsrichtern ihren Frust herausbrüllen und von Trainern, die den Assistenten an der Seitenlinie selbst bei strittigen Einwurfentscheidungen wütend anbrüllen.

Dass das nicht so bleiben durfte, war klar. Zumal das schlechte Benehmen gegenüber den Referees im Profibereich fast schablonenhaft im Amateurfußball reproduziert wird, mit dem Unterschied, dass die Unparteiischen auf Dorfsportplätzen körperlichen und verbalen Attacken weitaus schutzloser ausgesetzt sind als in Bundesliga-Stadien. Es war also völlig richtig, die Regeln zu verschärfen und es war auch richtig, sie auch sichtbar umzusetzen. Erst die drakonischen Strafen wie die gelb-roten Karten für Bochums Keeper Riemann und Gladbachs Plea rückten die neue Marschroute ins Licht der Öffentlichkeit.

Es war erwartbar, dass Spieler und Funktionäre der bestraften Klubs sich empören würden. Ärgerlich hingegen, dass sich auch Experten wie Lothar Matthäus so ablehnend positionieren. Weil es ja gar nicht allein um den Respekt gegenüber den Schiedsrichtern geht, sondern darum, wie sich die Spieler auf dem Feld sehen. Ob sie sich nur als erbarmungslose Gegner betrachten oder als Sportsleute, die vor allem Freude am Sport empfinden, wenn sie den Platz betreten. Entscheidungen der Unparteiischen nicht zu kritisieren, zeigt Respekt vor dem Spiel, seinen Regeln und seiner Schönheit. Wer es nicht glaubt, der blicke hinüber zum Rugby, einem harten Sport, dessen Sportler aber nie auf die Idee kämen, sich im Rudel um den Referee zu scharen. Belohnt werden sie immer wieder mit Momenten großer Sportlichkeit, die man auch dem Fußball wünschen würde.

Das wird auch Lothar Matthäus einsehen

Den Referees ist zu wünschen, dass sie an ihrer klaren Linie festhalten. Es muss einen neuen Weg des Miteinanders zwischen Spielern, Trainern und Referees geben. Natürlich hätte dieser neue Weg kommunikativ anders begleitet werden können. Denn einen Kulturwandel erreicht man nicht, indem man nur die Regeln ändert. Der Protest insbesondere von den Rängen war erwartbar, schließlich hat die Einführung des Videobeweises die Stimmung im Stadion merklich zum Schlechten verändert. Auch da ging es um Emotionen, allerdings dort um die schönsten, die es im Fußball gibt, nämlich den Jubel nach Toren. 

Dass all das verquickt werden würde, war absehbar. Es hätte deshalb spätestens in der Winterpause eine Diskussion darüber geben müssen, was diese neue Linie bedeutet und noch viel wichtiger: welchen Fußball wir eigentlich wollen. Und eine vernünftige Antwort darauf kann nur lauten: einen leidenschaftlichen, emotionalen und hochklassigen Fußball, der seine Regeln kennt und respektiert. Und den gibt es, das wird auch Lothar Matthäus einsehen, nicht an der Konsole, sondern nur auf dem Platz.

fs

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