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P. Köster: Kabinenpredigt Endlich wurde ein Spiel wegen eines rassistischen Vorfalls abgebrochen. Aber warum jetzt erst?

Schiedsrichter Nicolas Winter spricht mit dem Spieler Aaron Opoku
Schiedsrichter Nicolas Winter spricht mit dem Spieler Aaron Opoku
© DPA
Das Drittligaspiel zwischen Duisburg und Osnabrück wegen rassistischer Pöbeleien abzubrechen, war richtig. Und es ist beschämend für den Profifußball, dass es das erste Mal war. Sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Es hätte viele schöne Ausreden gegeben. Dass es nur ein Einzeltäter war. Dass der Mann doch sofort identifiziert und abgeführt wurde. Dass die Fans beider Klubs sofort "Nazis raus" skandierten. Und dass sich sämtliche Spieler auf dem Feld sofort solidarisierten.

Aber dann doch: Spielabbruch.

Zum ersten Mal überhaupt im europäischen Profifußball wurde am Wochenende ein Spiel wegen rassistischer Beleidigungen abgebrochen. Die Urwaldlaute, die ein Duisburger Zuschauer von der Haupttribüne des MSV-Stadions dem Osnabrücker Spieler Aaron Opoku entgegengeblökt hatte, führten zum abrupten Ende des Drittligaspiels. Der Stürmer konnte nicht weiterspielen, seine Teamkameraden und die des Gegners zeigten sich solidarisch und verließen ebenfalls den Platz.

Die Konsequenz von Duisburg ist neu

Und es bleibt nur zu sagen: endlich! Denn so ermutigend die gemeinsame Aktion der Spieler war, so beschämend für den europäischen Klubfußball ist es, dass es 2021 werden musste und sich 22 Drittligaspieler ein Herz nehmen mussten, bis endlich einmal auf den Rassismus auf den Rängen konsequent reagiert wurde. Diesmal wurde nicht wie sonst immer beschwichtigt, verhandelt, beruhigt und wieder angepfiffen, sondern klargestellt, dass nicht weitergespielt werden kann, wenn Spieler wegen ihrer Hautfarbe von Zuschauern herabgewürdigt werden.

Diese Konsequenz ist neu. Es gab in den letzten Jahrzehnten unzählige solcher Vorfälle. Und auch wenn es heute nur noch selten vorkommt, dass wie in den Neunziger Jahren ganze Fanblöcke Urwaldlaute anstimmen, um dunkelhäutige Spieler zu beleidigen, so ist der Rassismus keinesfalls von den Rängen verschwunden, die Liste fremdenfeindlicher Ausfälle ist erschreckend lang.

Und in genauso schrecklicher Regelmäßigkeit wurden die betroffenen Spieler allein gelassen. Mal wurde umgehend weitergespielt, mal debattiert und dann weitergespielt, mal der Spieler als zu empfindlich gescholten, mal sogar beschuldigt, die Proteste selbst provoziert zu haben. Samuel Eto´o, Mario Balotelli, Gerald Asamoah und Kevin-Prince Boateng – sie alle mussten sich dafür rechtfertigen, die Beleidigungen nicht ignoriert zu haben. Motto: Ihr verdient so viel Geld, da sind ein paar Herabwürdigungen im Preis inbegriffen.

Philipp Köster

Philipp Köster: Kabinenpredigt

Philipp Köster, Jahrgang 1972, ist Gründer und Chefredakteur des Fußballmagazins "11 Freunde". Er sammelt Trikots und Stadionhefte, kennt den rumänischen Meister von 1984 und kann die Startelf von Borussia Dortmund im Relegationsspiel 1986 gegen Fortuna Köln auswendig aufsagen: Eike Immel, Frank Pagelsdorf, Bernd Storck, ... Außerdem ist er Autor zahlreicher Fußballbücher, unter anderem über die Geschichte der Fußball-Bundesliga, und wurde 2010 als "Sportjournalist des Jahres" ausgezeichnet. Vor allem ist er Anhänger der ruhmreichen Arminia aus Bielefeld.

Wichtiges Signal: Du bist nicht allein

Das wichtigste Signal des Spielabbruchs ist deshalb nicht das an den Rassisten auf der Tribüne, der hoffentlich bestraft und mit einem lebenslangen Stadionverbot belegt wird. Nein, viel wichtiger ist das klare Zeichen an jeden Spieler, dem so etwas widerfährt, und das lautet: Du bist nicht allein, wir stehen an Deiner Seite und unterstützen Dich.

Nun hat jede Strategie, den Rassismus in den Stadien zu bekämpfen, ihre Schwächen. So lässt sich fragen, ob ein Spielabbruch und die daraus resultierenden Schlagzeilen nicht den Tätern genau die Aufmerksamkeit geben, die sie erzeugen wollten. Gerade deshalb ist der vom DFB entwickelte Drei-Stufen-Plan, der als erste Maßnahme nicht gleich einen Spielabbruch, sondern zunächst eine Unterbrechung und eine Stadiondurchsage vorsieht, eine durchaus taugliche Struktur, um Rassisten nicht zu viel Einfluss zu geben. Klar ist aber auch, dass kein Stufenplan der Welt greifen kann, wenn ein Spieler derart geschockt von den Vorfällen ist, wie es Aaron Opoku am Sonntag war.

Dann kann es nur darum gehen, Solidarität und ein Miteinander der Sportler zu zeigen. Genau das haben Duisburger und Osnabrücker Spieler, Trainer, Funktionäre und Fans gestern getan. Und deshalb war gestern ein schlimmer, am Ende aber auch ermutigender Tag für den Fußball.

tis

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