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Philipp Köster: Kabinenpredigt: Krachende Klischees: Die absurde Debatte über Tuchels Sportsgeist

Wegen einer läppischen Geste diskutiert Deutschland über den Sportsgeist von BVB-Trainer Thomas Tuchel! Eine absurde Debatte, findet stern-Stimme Philipp Köster.

Thomas Tuchel

Immer wieder wird Thomas Tuchel als unterkühlter Technokrat dargestellt

Als im Spitzenspiel zwischen  und RB Leipzig der Gästestürmer Federico Palacios in der 90. Minute zum Ausgleich traf, das Tor aber wegen Abseits nicht gegeben wurde, spurtete Leipzigs Trainer Ralph Hasenhüttl zum Linienrichter, bedrängte ihn gemeinsam mit seinen Spielern und krakeelte derart wüst herum, dass der Unparteiische froh sein konnte, keinen ausgewachsenen Tinnitus davon getragen zu haben.

Rechtfertigen musste sich Hasenhüttl für den Ausraster nicht. Ganz im Gegensatz zu seinem Dortmunder Kollegen Thomas Tuchel, der nach der Abseitsentscheidung mit beiden Händen eine Geste präsentierte, die landläufig gerne vom Gesang "Nananana – meckmeck" begleitet wird und übersetzt bedeutet, man könne das Schnattern einstellen. Es war dies die Antwort auf einen Leipziger Betreuer, der zuvor beim vermeintlichen Ausgleichstor ostentativ in Richtung Tuchel gejubelt hatte.

Tuchels kurzer und vollends harmloser Ausflug in die Gebärdensprache wurde gleich mal zum großen Thema auf dem Boulevard. Die "Bild" konstatierte atemlos: "Da gingen wohl die Emotionen mit Tuchel durch!" und der weißbiergeschwängerte Sport1-Stammtisch "Doppelpass" wollte sogar als "Frage der Woche" diskutierten: "Ist das Verhalten von Tuchel unsportlich?"

Fußballdebatte wird von Klischees und Phrasen bestimmt

Nur zwei Schlagzeilen unter vielen, die schlaglichtartig beleuchtet, auf welchem Niveau hierzulande immer noch über Fußball debattiert wird. Mag es auch lobenswerte Versuche geben, das Spiel über taktische Analysen besser zu verstehen und mag es ebenso Artikel geben, die das packende und hochklassige Spiel gestern in seiner ganzen Bandbreite nacherzählen – in der Breite wird die Fußballdebatte so sehr von hanebüchenen und platten Phrasen bestimmt, dass es bisweilen kaum auszuhalten ist.

Ein solch dämliches Klischee ist das vom unterkühlten Technokraten Thomas Tuchel. Ein Zerrbild, das ganz offensichtlich von vielen Medien nur deshalb gezeichnet wird, um besonders schillernd den Kontrast zum so herrlich emotionalen Vorgänger Jürgen Klopp herausstellen zu können. Das Klischee hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun, führt aber dazu, dass etwa Tuchels Torjubel nach dem 1:0, bei dem der Coach nicht viel mehr tat, als die Fäuste zu ballen und sich kurz aufmunternd in Richtung Tribüne zu drehen, von der "Bild" so beschrieben wurde: "Tuchel dreht nach Traum-Tor durch".

Und das ist auch nur ein Beispiel. Ein zweites ist die Analyse der Krise beim FC Bayern. Da entdeckte sich letzte Woche ausgerechnet als Taktikfuchs neu und verkündete, er vermisse beim FC Bayern "Chaos" im Angriff. Unter Carlos Ancelotti sei alles zwar "sehr koordiniert",  es fehle aber das "schnelle und hektische Durcheinander" der letzten Jahre unter Pep Guardiola. Das war insofern eine erstaunliche Analyse, weil es unter der Regentschaft des kontrollwütigen Spaniers vieles gegeben haben mag, aber kein Chaos und keine Hektik. Und weil das Aufbauspiel der Bayern unter Ancelotti vieles ist, aber auf keinen Fall "sehr koordiniert".

Es hätte zahllose andere Themen gegeben

Paul Breitner wurde für diesen Debattenbeitrag allerdings erstaunlicherweise nicht ausgelacht. Stattdessen wurde seine krude Chaos-Theorie nahezu unreflektiert und unkommentiert ins große Fußballpalaver eingespeist, weil man hierzulande der irrigen Meinung ist, dass jeder, der in der Kreidezeit mal für gekickt hat, auch Ahnung von moderner Taktiklehre hat. Ein großer Irrtum, das beweist Paul Breitner jedes Mal aufs Neue.

Dortmund gegen Leipzig

Es hätte am Wochenende zahllose interessante fußballerische Themen gegeben. Beispielsweise, wie es durch eine Vielzahl kleiner taktischer Umstellungen geschafft hat, das so schwer zu beherrschende Leipziger Gegenpressing auszuhebeln. Oder wie es der vormals so desolate FC Schalke durch einen beeindruckenden Matchplan geschafft hat, den Bayern einen Punkt abzuluchsen.

Darüber mehr zu lesen, wäre ein Traum. Wir würden durchdrehen vor Freude. Fast so wie Tuchel nach dem 1:0.   

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