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P. Köster: Kabinenpredigt 21 Spiele ohne Sieg: Was Schalke jetzt noch Hoffnung macht

Vier Fußballspieler in blauen Schalke-Trikots gehen niedergeschlagen über den Platz
Die Derby-Niederlage gegen den BVB bedeutete für die Spieler von Schalke 04 das 21. Spiel ohne Sieg in Folge
© Leon Kuegeler/Reuters-Pool / DPA
Für Lothar Matthäus ist Schalke ein sicherer Abstiegskandidat. Dabei haben die Königsblauen gute Aussichten, bald wieder aufwärts zu blicken – wenn sich der Klub auf seine Wurzeln besinnt. Sagt stern-Stimme Philipp Köster.

21 Spieltage sind eine lange, lange Zeit. Seit dem 17. Januar 2020 hat der FC Schalke in der Bundesliga nicht mehr gewonnen, das mit 0:3 vergeigte Derby gegen Borussia Dortmund war nur eine von unzähligen deprimierenden Pleiten der letzten Monate. Zugleich war die Schlappe im Revierduell so gespickt von individuellen Fehlern und kollektiven Aussetzern, dass Sky-Experte Lothar Matthäus gleich feststellte, der FC Schalke sei nun für ihn "ein sicherer Abstiegskandidat".   

Ein solches Verdikt ist nach dem 5. Spieltag nicht viel mehr als Dampfplauderei. Und trotzdem reihte sich Matthäus ja damit nur ein in die schier endlose Galerie jener, die dem FC Schalke eine düstere Zukunft prophezeien, mit sportlichen Misserfolgen, Abstiegen und größter finanzieller Not.  Diese Kassandrarufe gibt es nicht ohne Grund, die Lage der Gelsenkirchener ist in der Tat prekär, nicht nur in der Bundesliga, wo es bislang nur zu einem Pünktchen und Tabellenplatz 17 gereicht hat, sondern auch finanziell, wo sich der Klub bei Kreditgebern einen derart lausigen Ruf erarbeitet hat, dass am Ende die NRW-Landesregierung mit einer Bürgschaft um die Ecke kommen musste. Und als wären das nicht genug Baustellen, ist der Leumund des Klubs seit der unseligen Affäre um den früheren Klubchef Tönnies und dessen Herrenreitersprüche arg beschädigt, weil sich die klare Kante gegen Rassismus eher als Rundbogen erwies, als es darum gegangen wäre, einen der Mächtigen mit den Regeln des Klubs zu konfrontieren.

FC Schalke gehört nicht ins sportliche Nirgendwo

Auf den ersten Blick also wirklich keine guten Aussichten für baldige Besserung, zumal der gerade erst neu installierte Coach Manuel Baum nach dem Derby schon wieder jenen altbekannten melancholischen Blick der Vergeblichkeit aufgesetzt hatte, den Schalke-Trainer eigentlich immer erst nach längeren Niederlagenserien und mehrfach verpufften Appellen an Ehre und Mentalität bemühen. 

Doch so trist die sportliche Gegenwart ist, so sehr befremdet die Vehemenz, mit der der FC Schalke derzeit ins sportliche Nirgendwo geplappert wird. Und dass nicht nur, weil es in den ersten fünf Spielen immerhin auch gegen drei Spitzenklubs und nun ja, gegen Werder Bremen, ging. Sondern weil der Kader natürlich genügend Substanz hat, um von einem klugen Trainer, wie Baum einer ist, zu einer Mannschaft geformt zu werden, die entspannt im Mittelfeld der Tabelle einlaufen kann.

Prinzipientreue - bis jetzt

Viel wichtiger sind derzeit jedoch Entscheidungen, die weniger mit dem aktuellen sportlichen Betrieb als mit den grundlegenden Strukturen des Klubs zu tun haben. Der FC Schalke ist ja seit jeher ein Großverein, an dem viele Kräfte zerren – die Wirtschaft, die Politik, die Anhänger, die Medien. Der Verein muss ein Wirtschaftsunternehmen sein, ein erfolgreicher Fußballverein, er muss schillerndes Entertainment bieten und zugleich eine zweite Heimat für hunderttausende Anhänger. Die Schalker haben sich oft verheddert in all diesen Ansprüchen und Begehrlichkeiten – und sie waren in ihrem Scheitern oft auch Objekt des Spottes, gerade der Dortmunder Nachbarn, die der Tradition schon viel früher entschlossen ein Preisschild umgehängt haben.  

Trotzdem ist der Klub seinen ehernen, durch ein Jahrhundert praktischer Ausübung gefestigten Prinzipien nie untreu geworden. Zu diesen Prinzipien gehört der unbedingte Zusammenhalt ungeachtet der Herkunft, der Hautfarbe, des Vermögens. Und dazu gehört auch die Überzeugung, dass eine echte Gemeinschaft nur dann entstehen kann, wenn Schalke allen gehört, die sich durch Mitgliedschaft zum Klub bekennen.     

Sündenfall Tönnies

Schalke war diesen Grundsätzen immer treu. Bis zum letzten Jahr. Da durfte Schalke-Boss Tönnies rassistisches Zeug plappern, ohne wirkliche Konsequenzen und ohne echte Einsicht ins eigene Fehlverhalten, was all die lobenswerten Initiativen gegen den Fremdenhass, all das Engagement des Klubs auf einen Schlag entwertete und in den Schmutz zog. Seither hat der Klub sein moralisches Geländer verloren, der Glaubenssatz des Schalker Zusammenhalts über alle Unterschiede hinweg ist derzeit nur eine leere Phrase. 

Und auch die Gemeinschaft der Schalker, der vielbeschworenen "tausend Freunde", wird bald nur noch Makulatur sein, wenn die Ausgliederungspläne des Vorstands Realität werden. Noch im März hatte Marketing-Boss Alexander Jobst gewarnt, es sei keine gute Idee, "eine Ausgliederung mit dem jetzigen Liquiditätsengpass zu koppeln". Nun findet er das plötzlich doch eine gute Idee. "Entweder wir verabschieden uns von unseren langfristigen sportlichen Zielen - dann können wir weitermachen wie bisher", barmte Jobst. "Oder aber wir wollen auch in Zukunft ein ambitionierter Verein sein, dann müssen wir uns mit einer Strukturveränderung beschäftigen". 

Schalke sollte auf die hervorragende Jugendarbeit setzen

Da könnte man den schneidigen Reformer glatt beim Wort nehmen und Strukturen beim FC Schalke ändern. Etwa die Struktur, dass im Zweifelsfall immer lieber noch ein hektischer Zukauf mit einem Millionenvertrag ausgestattet wird, anstatt entschlossen auf die hervorragende Jugendarbeit des Klubs zu setzen. Oder die Struktur der zahllosen diskreten Nebengremien, Büchsenspanner und Einflüsterer zu beenden, die aus dem autokratischen System von Abhängigkeiten unter Clemens Tönnies hervorgegangen ist. Oder schließlich die Struktur, die im Zweifelsfall wirtschaftliche Interessen immer höher gewichtet als die Interessen der Anhänger und Mitglieder. 

Für all das muss sich der FC Schalke nicht einmal neu erfinden, sondern auf das besinnen, was ihn immer ausgemacht hat. Die Begeisterung für den Fußball, den Respekt vor dem Nebenmann, die Liebe der Menschen für den Klub und den bedingungslosen Zusammenhalt. Eben tausend Freunde, die zusammenstehen.

tkr

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