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P. Köster: Kabinenpredigt Der Fußball zieht trotz Corona eisern sein Programm durch – das wird schiefgehen

Ein Kollege von Werders David Selke wurde zuletzt positiv auf das Coronavirus getestet
Ein Kollege von Werders David Selke wurde zuletzt positiv auf das Coronavirus getestet, daraufhin konnte die Mannschaft zwei Tage lang nicht trainieren
© Tom Weller / DPA
Dem Profifußball droht ein erneuter Stopp des Ligabetriebs. Um den zu verhindern, muss der Terminkalender rasch ausgedünnt werden. Sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Es hatte in den letzten Wochen immer wieder Meldungen über positiv auf Corona getestete Fußballer gegeben, zuletzt sorgte die von Serge Gnabry, dem Bayernstürmer, für Aufsehen. Trotzdem war die Nachricht aus Bremen ein besonders lautes Alarmsignal: Weil der Test eines Profis des SV Werder Bremen positiv ausfiel, wurden er und zwei weitere Mitglieder des Teams am Mittwoch zu einer 14-tägigen Quarantäne verpflichtet, auch das komplette Team des Bundesligisten ging daraufhin freiwillig in häusliche Isolation. Tests am Freitag sollen zeigen, ob sich weitere Spieler angesteckt haben. An Training für das Spiel am Sonntag gegen die TSG Hoffenheim ist bis dahin nicht zu denken.

Nun kann der SV Werder noch mal Glück gehabt haben und es gibt keine weiteren infizierten Spieler. Und doch zeigt das Bremer Beispiel, auf welch hauchdünnem Eis derzeit der Profifußball durch die Saison schlittert. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch hier in Deutschland Klubs gleich eine Vielzahl von Infektionen melden werden. So wie in Italien, wo der CFC Genua gleich zehn positive Spieler auswies und auch bei Juves Topstar Cristiano Ronaldo das Virus nachgewiesen wurde. Und so wie in Paris, wo Spitzenklub PSG gleich sieben Fälle zu verkraften hatte.

Der Fußball zieht den Terminkalender eisern durch

Obwohl kein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo in Europa neue positiv getestete Spieler vermeldet werden, hat der Spitzenfußball seinen um sechs Wochen verspäteten Terminkalender bislang eisern durchgezogen. Nationaler Ligabetrieb, Champions League und Europa League, dazwischen mussten die Nationalmannschaften noch auf Länderspielreise in der Nations League und die Pokalgewinner zum Reigen der Supercups – das alles im Drei-Tage-Rhythmus und mit zahllosen quer durch Europa reisenden Teams. Diese Terminhatz ist allein monetären Gründen geschuldet. Nur wenn gespielt wird, kommt frisches Geld in die Kasse, das gilt für die normalen Bundesliga-Spieltage genauso wie für völlig bedeutungslose Freundschaftsspiele wie das der deutschen Nationalelf gegen die Türkei vor zehn Tagen.

Man könnte das natürlich als Geldgier geißeln. Dann aber würde man die Situation der Klubs in Corona-Zeiten ignorieren. Denn Fakt ist: Das Gros der Profiklubs würde bei einer erneuten Einstellung des Spielbetriebs umgehend in größte finanzielle Schwierigkeiten geraten. Die meisten Klubs haben sich derzeit mit verlängerten Krediten, Bürgschaften, Staatshilfen und Einsparungen einigermaßen stabilisiert und könnten eine Saison ohne Zuschauereinahmen mit Not überleben. Einen erneuten Ausfall der Fernsehgelder jedoch könnten nur die wenigsten Klubs kompensieren, dann ginge es gerade für die kleineren Vereine sofort um die Existenz.

Es ist also ein Überlebenskampf, dem wir da gerade zusehen. Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir all die Verrenkungen betrachten, mit denen die Klubs versuchen, den Betrieb irgendwie aufrecht zu erhalten. Klar ist aber auch: Dieser Versuch wird scheitern, trotz der vorbildlichen Hygienemaßnahmen, die die deutschen Klubs umgesetzt haben. Denn wenn die Pandemie in den nächsten Wochen und Monaten in Deutschland wütet, wird sie mit Macht auch in den Profiklubs ankommen – kein noch so ausgefeiltes Konzept kann das verhindern.

Es muss über Notfallszenarien nachgedacht werden

Und deshalb muss schon jetzt und nicht erst, wenn in unzähligen Staaten wieder ein genereller Lockdown ausgerufen wird, konkret über Notfallszenarien nachgedacht werden. Das betrifft die Bundesliga und die bange Frage, wann überhaupt noch ausfallende Spiele nachgeholt werden könnten, vielmehr aber noch die internationalen Wettbewerbe. Denn erstens ist die grenzüberschreitende Mobilität ein besonderer Treiber der Pandemie, zweitens sind die nationalen Ligen im Zweifel deutlich schützenswerter als etwa die Champions League, sichern die Bundesliga & Co doch das finanzielle Grundgerüst des Profifußballs.

Das bedeutet: Eine verkürzte Gruppenphase der Champions League muss ebenso diskutiert werden wie eine Aussetzung der ohnehin sportlich fragwürdigen Nations League, darüber hinaus sollten die Freundschaftsspiele der Nationalmannschaften gestrichen werden – ungeachtet der finanziellen Einbußen der Verbände. Und für den restlichen Fußballbetrieb muss gelten, dass die Hygienekonzepte noch rigider umgesetzt werden als ohnehin schon.

Dann und nur dann könnte der Profifußball einigermaßen glimpflich aus der Krise kommen. Bleibt alles so wie jetzt, ist eine Katastrophe unabwendbar.  

tis

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