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P. Köster: Kabinenpredigt Immer weiter in den Abgrund – die Krise auf Schalke

David Wagner
David Wagner sollte beim FC Schalke im besten Fall eine Ära begründen. Am Wochenende wurde er nach dem 1:3 gegen den SV Werder Bremen entlassen.
© Christof Stache/AFP
Der FC Schalke müsste eigentlich neu anfangen, mit soliden Finanzen, klaren Strukturen – und mit Ralf Rangnick. Stattdessen macht er einfach so weiter wie bisher. Sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Als der FC Schalke 04 im Sommer 2019 David Wagner als neuen Coach vorstellte, gaben sich Funktionäre und Fans kurz der Hoffnung hin, hier beginne gerade eine neue Ära. David Wagner war die perfekte Projektionsfläche für hochfliegende, sportliche Träume. Kloppo-Trauzeuge, Taktikfuchs, Kumpeltyp, mit dem Außenseiter Huddersfield erfolgreich in die Premier League aufgestiegen – für all das stand Wagner, der den FC Schalke endlich wieder aus dem Kernschatten des Lokalrivalen aus Dortmund befreien sollte. Und für ein paar Monate schien die Prophezeiung tatsächlich aufzugehen, Schalke spielte herrlich offensiv, kombinierte prächtig und grüßte zwischenzeitlich von Platz 2. Dann aber passierte das, was seit vielen Jahren immer nach einer gewissen Phase der Euphorie geschieht – Absturz, Krise, Trainerdiskussion.

Diese Diskussion hat nun ein erwartbares Ende gefunden. Der Rauswurf von Trainer Wagner, schmucklos am Sonntag nach der Heimpleite gegen Bremen vollzogen, folgte einer seit vielen Jahren eingeübten Choreographie aus Treueschwüren, ersten Absetzbewegungen und öffentlicher Kritik an Taktik und Aufstellung, bis hin zur Freistellung, die dann wie immer betont unsentimental verkündet wurde. Unvergessen, wie die Schalke-Führung noch in der Sommerpause vom "totalen Vertrauen" in Wagner sprach. Nun zeigt das Procedere wieder einmal, wie substanzlos diese Bekundungen waren und wie dysfunktional Schalke derzeit aufgestellt ist.

Schalke und die rasant wechselnden Stimmungen

Denn wer weniger auf die Krise blickt als auf die Versuche, sie zu bewältigen, wird feststellen, dass es den Schalker Funktionären einfach nicht gelingt, stabile Leitplanken für ihr Handeln zu entwickeln, sei es ein stimmiges sportliches Konzept oder seien es ökonomische Prinzipien, die sich nicht allein in der Hoffnung erschöpfen, dass es hoffentlich in den nächsten Jahren mal wieder mit der Qualifikation für die Champions League klappt. Stattdessen machen sich die Funktionäre von oft rasant wechselnden Stimmungen im Klub und natürlich von der medialen Großwetterlage abhängig. Mit der Folge, dass ein vertrauensvolles Miteinander verlässlich von Misstrauen und Taktiererei der Gremien unterhöhlt wurde.

Dabei elektrisiert den FC Schalke nichts so sehr, wie die Vorstellung, den Klub endlich neu, schlank und effektiv aufzustellen, mit soliden Finanzen, klarem Konzept und ohne die zahllosen offenen und verdeckten Hierarchien, deren Kämpfe seit vielen Jahren den Klub lähmen. Immer dann jedoch, wenn sich einmal eine unverhoffte Möglichkeit ergibt, strukturelle Änderungen voran zu treiben, greifen die alten Prinzipien des Machterhalts. Bestes Beispiel: Als Patriarch Clemens Tönnies Ende Juni nach zahlreichen Skandalen zurücktrat, beeilten sich die Funktionäre wortreich einen Neustart anzukündigen. Bescheiden und solide und mit jugendlichem Eifer soll der Klub fortan auftreten. Dann aber zeigte sich die Führungsspitze beim Auftaktspiel in München einträchtig mit Tönnies auf der Tribüne, und es war sicher kein Zufall, dass in der ersten Ausgabe des Stadionmagazins "Kreisel" nach der Tönnies-Demission kein einziges Wort zum Rücktritt stand. Das Signal: Es geht alles so weiter wie bisher.

Und natürlich wird auch die nun anstehende Trainersuche nichts dazu beitragen, diese Strukturen zu gefährden. Denn es gibt nur einen Kandidaten, der sofort und ohne rhetorische Kunststücke einen wirklichen, nicht nur sportlichen Neuanfang symbolisieren würde. Leider aber ist seine Verpflichtung derzeit auch die unrealistischste: Gelänge es dem Klub, Ralf Rangnick zu einer Rückkehr an den Schalker Markt zu bewegen, wäre das ein Zeichen, es mit der in den letzten Wochen so oft beschworenen neuen Ausrichtung ernst zu meinen. Denn Rangnick hat in den letzten Jahrzehnten, natürlich oft mit erheblichen finanziellen Mitteln ausgestattet, bewiesen, wie er Klubs effizient und erfolgreich strukturieren kann.

Erstens jedoch kann sich Schalke, das seit Monate tollkühn am finanziellen Abgrund entlang navigiert und sogar das Land NRW als Kreditbürgen bemühen muss, das übliche Salär einer Spitzenkraft wie Rangnick nicht einmal ansatzweise leisten. Der müsste also zu erheblichen Abstrichen beim Gehalt einverstanden sein. Und zweitens würde Rangnick wohl nur kommen, wenn ihm ähnliche Kompetenzen zugebilligt werden würden wie zuvor in Leipzig – wogegen sich wohl sämtliche offenen und verdeckten Hierarchieebenen beim FC Schalke nach Kräften wehren würden, allen voran Sportvorstand Jochen Schneider, der bereits knapp zwei Jahre unter Rangnick in Leipzig gearbeitet hat.

Am Ende wird deshalb wohl Manuel Baum als neuer Coach beim FC Schalke 04 anfangen, wenn der DFB ihn freigibt. Oder Sandro Schwarz, wenn es mit Baum nicht klappt. Oder Valérien Ismaël, wenn man sich mit Schwarz nicht einigen kann. Was es nicht geben wird: einen Neuanfang, der diesen Namen verdient.

tim

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