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P. Köster: Kabinenpredigt Freiwillig zurückgetreten worden

In dunkelblauem Rollkragen-Pulli steht Jogi Löw am Rand eines Fußball-Platzes und lacht. Der Rasen im Hintergrund ist unscharf
Sehen Sie im Video: Fußball-Fans auf Twitter suchen Nachfolger für Bundestrainer Joachim Löw.




Jogi Löw gibt den Posten als Bundestrainer nach der Fußball-EM auf. Die Nachricht löst auf Twitter lustige wie lebhafte Diskussionen aus. Denn bei mehr als 80 Millionen Bundestrainern in Deutschland stellt sich natürlich die Frage, welcher der ganzen Experten nun Nachfolger von Jogi Löw wird. Von ernstgemeinten Vorschlägen wie Jürgen Klopp oder Julian Nagelsmann ist man auf Twitter schnell weg. Einige erklären sich selbst bereit, andere schlagen Peter Neururer oder Lothar Matthäus vor. Geheimfavorit als Löw-Nachfolger ist womöglich am Ende dann doch Virologe Christian Drosten.
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Bundestrainer Joachim Löw hört auf. Nicht aus freien Stücken, sondern notgedrungen. Die Suche nach einem Nachfolger dürfte kompliziert werden, glaubt stern-Stimme Philipp Köster.

Rücktritt als Bundestrainer im Sommer? Als vor ein paar Monaten die DFB-Spitze bei Joachim Löw vorfühlte, ob er nicht eventuell nach der Europameisterschaft freiwillig Platz machen könne, hat der Coach noch empört reagiert. Nun aber verkündete Löw selbst seine baldige Demission – nach 15 Jahren als Bundestrainer und zwar "ganz bewusst, voller Stolz und mit riesiger Dankbarkeit, gleichzeitig aber weiterhin mit einer ungebrochen großen Motivation".

Nun gehört es zum kleinen Einmaleins der Krisenkommunikation, derlei Rücktrittserklärungen möglichst pathetisch zu formulieren, um gar nicht erst den unschönen Eindruck entstehen zu lassen, man habe diesen Schritt nicht freiwillig vollzogen. Im Falle Jogi Löws verhielt es sich nämlich genau so, dass der Bundestrainer durchaus noch gerne bis zur WM 2022 oder eventuell sogar bis zur Europameisterschaft im eigenen Land 2024 weitergemacht hätte. Schließlich ist es ein angenehmes Leben als Bundestrainer und es gibt es für ihn, den mittlerweile 61-jährigen, keine allzu attraktiven Joboptionen im Profifußball mehr.

Noch kann Löw das Ende als Bundestrainer selbst bestimmen

Es muss sich aber irgendwann, rund um den Jahreswechsel, die Erkenntnis bei Löw durchgesetzt haben, dass sich das Zeitfenster für ein selbstbestimmtes Ende als Bundestrainer rasch schließen würde. Mitten in der EM-Vorbereitung seinen baldigen Rücktritt zu verkünden, war für Löw ebenso wenig vorstellbar, wie nach einer verkorksten EM von Medien und Funktionären vom Hof gejagt zu werden. Nun hingegen ist er wieder Herr des Verfahrens, einen eh rücktrittswilligen Trainer kann man nicht mehr feuern – ein gerade noch rechtzeitiger Akt der Denkmalpflege.

Denn klar ist auch: Allzuviel Kredit hatte Löw nicht mehr. Nicht bei den Anhängern, die dem Coach das desaströse Auftreten bei der WM in Russland ebenso übel nahmen wie den entrückten Habitus in den letzten Monaten. Nicht bei den Funktionären, denen die offenkundige Abhärtung gegen jedwede Kritik auf die Nerven ging. Und nicht bei den Spielern, die zunehmend an den Konzepten des Coachs zweifelten - das 0:6 gegen Spanien war ja nur das deutlichste Zeichen, wie erodiert Löws Autorität bei der Mannschaft zuletzt war.    

Macht das Team Löw ein Abschiedsgeschenk?

Natürlich stellen sich jetzt zwei Fragen: Erstens, wie wohl die Mannschaft auf den bevorstehenden Abgang des Trainers reagieren wird? Empfindet sie die beendete Debatte um die Zukunft des Coachs als Befreiung und begreift es nun als Mission, dem Weltmeister-Trainer als Abschiedsgeschenk noch, sagen wir mal,  eine gesichtswahrende Halbfinal-Teilnahme zu überreichen? Schön wär's, aber die massiven Probleme der Mannschaft in der Innenverteidigung und im Spielaufbau löst auch die Löw'sche Pressemitteilung nicht.   

Die zweite und auf Sicht deutliche spannendere Frage: Wer wird wohl der Nachfolger? Eher Hansi Flick, der mit sechs Titeln in einem Jahr mit den Bayern von jetzt vom glücklosen Übungsleiter zum Wundertrainer avancierte, der aber nicht gerade als Menschenfischer gilt. Oder doch Jürgen Klopp, der gerade in Liverpool durch eine tiefe Krise watet, aber seit Jahren schon deshalb als Idealbesetzung für den Posten gilt, weil er formvollendet die Sprache des Fussballvolks spricht? Der Deutsche Fußball-Bund kann sich glücklich schätzen, wenn er auch nur einen von beiden überzeugen könnte. Denn so sehr der Bundestrainerposten immer noch als zweithöchstes Staatsamt nach der Kanzlerin gilt, so sehr haben Klopp und Flick gute Gründe, vorerst dankend abzulehnen. Beide kennen das groteske Missverhältnis zwischen öffentlicher Wirkung und tatsächlichem Einfluss, das diesem Amt innewohnt. Beide wissen auch, dass der DFB als Verband seit Jahren tiefgreifende Reformen eher verschleppt als befördert. Und schließlich haben beide im ungleich spannenderen Klubfußball noch eine Menge vor. Die Nationalmannschaft zu coachen, ist ja eher die Endmoräne des Trainerdaseins.

DFB muss Fehler korrigieren

Klopp oder Flick oder ein Überraschungskandidat wie Ralf Rangnick oder gar Julian Nagelsmann? Oder Florian Kohfeldt? Oder als humoriger Verzweiflungsakt der von der "Bild"-Zeitung geforderte "Loddar" Matthäus? Viel wichtiger als diese Personalie dürfte sein, ob der Fußballbund konsequent die Fehler des letzten Jahrzehnts korrigiert und endlich wieder eine anständige Nachwuchsarbeit betreibt. 

All das wird sich bald erweisen. Bis dahin allerdings sehen wir die große Abschiedstournee des Joachim Löw. Noch ein halbes Jahr hat er Zeit, einen besonderen Schlusspunkt zu setzten. Mit der Gewissheit, dass er es bald hinter sich hat, aber natürlich auch mit "einer ungebrochen großen Motivation".

tis / tkr

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