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P. Köster: Kabinenpredigt: Sieg gegen den BVB? Die Bayern interessiert allein Real!

Der Sieg gegen den BVB ist für den FC Bayern ein Meilenstein zur Meisterschaft. Klingt gut, sorgt in München aber nur für Achselzucken. Was allein zählt, ist das Duell mit Real Madrid, sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Bayern-Trainer Carlo Ancelotti (r.) und BVB-Trainer Thomas Tuchel begrüßen sich vor dem Bundesliga-Spiel, das für die Bayern nicht die große Bedeutung gehabt haben dürfte

Bayern-Trainer Carlo Ancelotti (r.) und BVB-Trainer Thomas Tuchel begrüßen sich vor dem Bundesliga-Spiel, das für die Bayern nicht die große Bedeutung gehabt haben dürfte

Carlo Ancelotti bringt nichts mehr aus der Ruhe. Auch nicht ein Viertelfinale gegen Real Madrid. "Wenn wir zu viel über Real nachdenken, können wir nicht schlafen", sprach der Bayern-Trainer nach dem 4:1 gegen Borussia Dortmund und fügte hinzu: "Wir brauchen viel Schlaf in den nächsten Tagen". Ein Nachsatz, der dann doch ein bisschen die Anspannung erkennen ließ, die den in den Tagen vor dem Duell mit Real gefangen hält.

Es war bezeichnend, dass Ancelotti nach dem Spiel nicht allzu ausführlich zum gerade bezwungenen Gegner befragt wurde. Denn so sehr sich die Bayern auch freuen konnten über den ungefährdeten Sieg gegen den , der zwischendurch froh sein konnte, nicht noch höher verloren zu haben, so sehr ist auch klar, dass das Gelingen der gesamten Saison nicht mehr an Triumphen in der Bundesliga oder im DFB-Pokal hängt, sondern am Abschneiden in der Champions League. Scheidet der FC Bayern gegen Real Madrid im Viertelfinale aus, wird auch diese Saison nur als ganz normale, eher durchschnittliche, keinesfalls herausragende Spielzeit gewertet werden.

Der FC Bayern München ist der Liga entwachsen

Das ist zwar ungerecht, weil der FC Bayern in dieser Saison viele schön anzuschauende Bundesliga-Spiele abgeliefert hat und den durchaus anspruchsvollen Wechsel von Pep Guardiola zu nach anfänglichen Verunsicherungen formidabel hinter sich gebracht hat. Aber es ist nun mal so, dass der FC Bayern dem nationalen Wettbewerb längst entwachsen ist. Davon zeugen die derzeit zehn Punkte Vorsprung, davon zeugt die Kaderbesetzung, davon zeugen die Gehälter, die der FC Bayern zahlt. Und wer ein wenig in die Zukunft blickt, etwa auf die bald anstehende Reform der Champions League, die Klubs wie dem FC Bayern noch mehr Gelder in die Kassen spült, weiß: Die nationale Vormachtstellung der Münchner wird noch erdrückender werden.

Herausforderungen suchen sich die Münchner längst nur noch international, ungeachtet aller Beteuerungen, wie sehr man sich wieder nationale Gegner auf Augenhöhe wünsche. Aber der FC Bayern konkurriert eben nicht mehr mit Borussia Dortmund oder RB Leipzig oder gar Schalke 04 und Gladbach um nationale Meriten und Gelder, sondern mit Real Madrid, Juventus Turin, Manchester United und dem FC Barcelona um internationale Silberware und asiatische Märkte.

Und um dort voran zu kommen, sind große Erfolge der beste Treibstoff. Der FC Bayern im Konfettiregen des Champions-League-Finales ist wie immer das vorrangige Saisonziel, auch wenn das niemand offen sagt. Aber natürlich werden immer mal wieder die Parallelen zur Triple-Saison unter Jupp Heynckes gezogen. Wie damals muss dafür einiges zusammenkommen, eigene Stärke und die Schwäche der Gegner, ein wenig Losglück wäre auch nicht schlecht. Aber der Anspruch ist da und jeder im Klub weiß das - auch Coach Carlo Ancelotti.

Carlo Ancelotti hat das Team variabler gemacht

Er hat sich diesem Druck bislang mit Charme und Gelassenheit entzogen. Er muss ja niemandem mehr etwas beweisen. Und er kann mit Stolz auf seine Mannschaft verweisen, die er nach seinen Vorstellungen neu modelliert hat. Er hat ein Team, das über Jahre auf Pep Guardiolas bisweilen etwas eindimensionalen Ballbesitzfußball eingeschworen worden war, variabler gemacht hat. Wie sehr, zeigte das Spiel gegen , wo das Team mal dominant auftrat und bis an die Strafraumkante beeindruckend rasant kombinierte, aber auch immer wieder blitzschnell die Lücken im Dortmunder Verbund zum Kontern nutzte.

Trotzdem, so mitleidslos ist das Geschäft, wird Ancelotti allein am Abschneiden in der Champions League gemessen werden. Europäische Erfolge machen in den Unterschied, das hat schon Guardiola erfahren müssen. So schwebt der FC Bayern also in diesen Tagen trotz feststehender Meisterschaft und trotz Halbfinale im DFB-Pokal im Ungewissen, was das eigentlich für eine Saison wird.

Man kann dennoch zuversichtlich sein, dass Carlo Ancelotti vor dem Spiel noch ein wenig Schlaf findet.


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