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P. Köster: Kabinenpredigt: Lasst die Fans doch Timo Werner auspfeifen!

Die allgemeine Empörung wegen der Pfiffe gegen Timo Werner ist völlig übertrieben und außerdem kontraproduktiv. Für den Spieler und die Funktionäre gilt: Einfach mal die Klappe halten, findet stern-Stimme Philipp Köster.

Nationalspieler Timo Werner ist nicht gerade der Liebling der Fans

Nationalspieler Timo Werner ist nicht gerade der Liebling der Fans

Es spricht nicht gerade für den Spannungsgehalt des einseitigen WM-Qualifikationskicks gegen San Marino, dass hinterher nicht über die bisweilen fahrlässige Chancenverwertung der deutschen Elf beim 7:0 debattiert wurde, sondern über die Pfiffe, die sich der Leipziger Stürmer bei seiner Einwechslung anhören musste. 

Was war anschließend die Aufregung groß. Bei den Medien, die gleich mal mit ganz großen Kanonen schossen. "Unfassbar dämlich" seien die gewesen, keuchte die "Welt", der "Express" fand sie gleich "einfach nur erbärmlich" und Eurosport erblickte zitternd "eine wahre Hetzjagd". Anders als mit derart pochender Halsschlagader können heute fußballerische Themen offenbar nicht mehr verhandelt werden. Was auch an der Dauerempörung der Funktionäre liegt. RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff keifte "Frechheit" und Bundestrainer Jogi Löw barmte, einer, der 21 Tore in der Liga geschossen habe, "der darf nicht ausgepfiffen werden!"

Jeder darf pfeifen, wenn er will

Es wird Löw und die anderen Funktionäre erstaunen, aber tatsächlich dürfen Zuschauer in Fußballstadien pfeifen, wann und wo sie wollen. Der Erwerb eines Tickets verpflichtet nicht dazu, brav bei jedem schnöden Kurzpass zu jubeln und bei jedem eingewechselten Stürmer ekstatisch zu jubeln. Derzeit jedenfalls noch nicht, aber vielleicht überarbeitet Oliver Bierhoff ja gerade schon die Geschäftsbedingungen.

Dabei muss man überhaupt nicht darüber streiten, dass die Pfiffe gegen Werner albern sind. Der junge Mann ist vor längerer Zeit mal etwas zu engagiert durch den Schalker Strafraum geflogen, wobei die Schwalbe handwerklich nicht einmal ordentlich gearbeitet war. Sicher, anschließend wäre ratsam gewesen, den Pfiff des Referees nicht auch noch mit gerecktem Daumen zu quittieren und hinterher ein bisschen fixer Reue zu zeigen. Aber er ist noch "so jung" (Joachim Löw), man könnte es also irgendwann auch mal gut sein lassen, was nicht minder für die bescheuerten Gesänge gilt, Timo Werners Mutter entstamme dem horizontalen Milieu.

Man muss allerdings auch konstatieren, dass sowohl Timo Werner als auch die umgebenden Funktionäre bislang keine allzu glückliche Figur machen. Um es kurz zu machen: Wäre der junge Nationalspieler klug beraten gewesen, hätte er einfach mal den Mund gehalten. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass immer mal wieder einzelne Spieler zu Sündenböcken gemacht werden. Er ist nicht der erste und nicht der letzte, dem so etwas passiert. Damit muss und kann man klar kommen. So wurde Mario Gomez ja über Jahre beharrlich ausgepfiffen. Der Stürmer nahm die Pfiffe des Publikums stets gelassen und unaufgeregt hin, jammerte nicht, kickte unverdrossen weiter und ist inzwischen wieder ein sehr wohlgelittenes Mitglied des Löw-Ensembles.

Timo Werner: "Ein bisschen frech"

Werners Einlassungen zu dem Thema waren hingegen eher konfliktfördernd. "Ein bisschen frech" seien die Pfiffe gewesen, konstatierte Werner. Das klang tatsächlich so, als weise ein Lehrer einen vorlauten Schulbuben zurecht. Auch sein Hinweis darauf, das Thema werde nur deshalb aufgebauscht, weil er bei RB Leipzig spiele, war eher unglücklich, lud diese Bemerkung die Pfiffe doch völlig unnötig noch mehr auf, nicht nur als Kritik an Werner, sondern en passant auch noch als Kritik am Brause-Franchise RB Leipzig. 

Es sind die alten Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie: Je mehr öffentlichen Widerhall die Pfiffe finde, je mehr sich das Establishment aufregt, je mehr Schlagzeilen aufgeregt einen vermeintlichen Tabubruch verkünden, desto mehr werden sich die Leute beim nächsten Länderspiel wieder die Seele aus dem Leib pfeifen. Nicht, weil Werner das "Kollektiv-Feindbild der Fans" ist, wie verkündet wurde. Sondern, weil es so verlockend ist, mit ein paar billigen Pfiffen die Fußballwelt in Aufruhr zu versetzen.

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