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P. Köster: Kabinenpredigt: Das Videobeweis-Experiment muss beendet werden!

Seit Monaten quälen die Fußballverbände Spieler, Trainer und Zuschauer der Bundesliga mit dem Videobeweis. Allerhöchste Zeit, das unausgegorene Experiment sofort zu beenden, sagt stern-Stimme Philipp Köster .

Der Videobeweis in der Fußball-Bundesliga führt immer wieder zu Wartezeiten - nicht nur deshalb steht er in der Kritik

Der Videobeweis in der Fußball-Bundesliga führt immer wieder zu Wartezeiten (hier Schiedsrichter Marco Fritz beim Spiel FC Augsburg gegen Borussia Dortmund) - nicht nur deshalb steht er in der Kritik

Müssen die Schiedsrichter rebellieren? Oder die Zuschauer auf die gehen? Oder was muss eigentlich noch passieren, damit die Fußballverbände DFB und DFL die Bundesliga endlich vom VAR, dem Video Assistant Referee, befreien?

Denn eines lässt sich nach bisher elf Spieltagen klar feststellen. Vom erklärten Ziel, die Spiele gerechter und die Entscheidungen der Referees transparenter zu machen, ist das großangelegte Experiment der deutschen Eliteklasse nach wie vor Lichtjahre entfernt.

Jubel nur noch mit angezogener Handbremse

Das liegt weniger am Grundgedanken: Besonders strittige und nach erster Ansicht der Fernsehbilder einfach zu korrigierende Entscheidungen der Schiedsrichter rasch zurückzunehmen, ist zunächst einmal eine gute Idee. Und bisweilen ist sie auch in der Praxis hilfreich wie in der Sonntagspartie zwischen dem und Hertha BSC. Da wurden nämlich zwei klare Abseitstore des Gastgebers zunächst gegeben und dann, nach Sichtung der Bilder, zurückgenommen. Das war ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit.

Leider verdeutlichten eben diese beiden Entscheidungen auch die erwartbaren Kollateralschäden, die der Videobeweis mit sich bringt: Denn inzwischen wird in vielen Stadien nur noch mit angezogener Handbremse gejubelt. Warum sich zu früh richtig emotional verausgaben, schließlich könnte der Treffer noch annulliert werden. Und das nicht nach ein paar Sekunden, sondern oft nach elend langer Warterei, in der die Zuschauer im Stadion nichts weiter sehen als einen Referee, der mit den Fingern ein Viereck formt und anschließend mit den Spielern auf dem Rasen herumsteht, bis in Köln in der VAR-Zentrale endlich eine Entscheidung getroffen worden ist, die dann allerdings vom Supervisor zurück ... ach nein, dazu kommen wir später.

Videobeweis ist völlig intransparent

Denn es sind ja nicht einmal diese erwartbaren Effekte, die den zu einem gescheiterten Experiment machen. Dass die Stimmung leiden würde, dass der Spielfluss gestört würde – all das wusste man vorher. Es sind hingegen die eklatanten handwerklichen Fehler, die fehlende Transparenz während der Entscheidungsfindung und die vollends unklaren Kriterien, wann der VAR eingreift, die die Liga in eine unhaltbare Situation gebracht haben.


Müßig aufzuzählen, wie häufig der VAR bemüht wurde, ohne dass die Ansicht der Videobilder zweifellos zur Klärung der Situation geführt hätte. Was zu grotesken Situationen auf dem Rasen führte wie vor Wochenfrist in Stuttgart, als Referee Tobias Stieler ein Laufduell zwischen Freiburgs Söyüncü und VfB-Kicker Ginczek zunächst nicht abpfiff, geschlagene 50 Sekunden später nach einen Hinweis des Video-Assistenten Felix Zwayer das Spiel unterbrach, in der sogenannten Review Area die Bilder anschaute und schließlich Söyüncü wegen Handspiels des Platzes verwiesen. Nach den bis dahin verkündeten Regularien hätte sich Zwayer nicht zu Wort melden dürfen, da keine klar ersichtliche Fehlentscheidung vorlag und der Schiedsrichter hätte nicht die rote Karte zücken dürfen, da keine klare Torchance vereitelt wurde.

Aus zur Winterpause?

Eine Szenerie, die deutlich machte, dass auf dem Platz zahlreiche Situationen entstehen, die sich auch nach vielfachem Studium der Szenen nicht eindeutig bewerten lassen. Dass viele Befürworter des Videobeweises vor der Testphase stets den Eindruck erweckten, fortan herrsche Gerechtigkeit auf dem Platz, fällt ihnen nun auf die Füße. Denn es ist eine neue Art der Ungerechtigkeit entstanden. Wann der Video-Referee eingreift, ist inzwischen eine regelrechte Lotterie, die nicht nur die Autorität des Unparteiischen auf dem Feld unterminiert, sondern auch für die anderen Akteure völlig intransparent ist. Denn der Peinlichkeiten nicht genug: Inzwischen wurde offenbar, dass die Regularien des Videobeweises klammheimlich geändert wurden, dass also nicht nur bei glasklaren Fehlentscheidungen, sondern bei nahezu jeder x-beliebigen Situation eingegriffen werden kann. Warum man versäumt hatte, diese tiefgreifende Reform nicht den Klubs und der Öffentlichkeit mitzuteilen, dafür gibt es bis heute keine einleuchtende Erklärung.


Die Heimlichtuerei passte aber ins Bild eines völlig verkorksten Experiments, ebenso wie die jüngsten Meldungen, nach denen beim Spiel des FC Schalke 04 der Projektleiter Hellmut Krug als Supervisor des Spiels den eigentlichen Video-Assistenten Marco Fritz zweimal bei Strafstoß-Entscheidungen zu Gunsten der Königsblauen überstimmt hat.

Mönchengladbachs Trainer Dieter Hecking prognostizierte am Wochenende das Aus für den Videobeweis zur Winterpause. "Es ist eine Testphase. Wir geben diesem Test aber überhaupt keine Chance. Wir tun alle alles dafür, dass er keine Chance bekommt", sprach er. Ich sehe das anders. Er hatte seine Chance. Und hat sie nicht genutzt.


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