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P. Köster: Kabinenpredigt: Warum sich die Bundesliga auf Arminia Bielefeld freuen kann

Arminia Bielefeld ist nach elf Jahren wieder erstklassig. Auf den ersten Blick eine graue Maus, auf den zweiten Blick ein alter Bekannter mit bemerkenswerter Courage und innovativer Spielanlage. Findet Arminia-Fan und stern-Stimme Philipp Köster.

Nach dem Sieg über Dresden ist der Aufstieg von Uwe Neuhaus Arminia Bielefeld so gut wie sicher 

Nach dem Sieg über Dresden ist der Aufstieg von Uwe Neuhaus Arminia Bielefeld so gut wie sicher 

DPA

Vor der Alm warteten schließlich doch 200 Fans auf die Mannschaft, begleiteten die abfahrenden Autos der Spieler mit brennenden Bengalfackeln und Gesängen. Drinnen im leeren Stadion hatte ein Handvoll Vereinsmitarbeiter den Job als Einheizer übernommen und kurz nach dem Abpfiff des mit 4:0 gewonnenen Spiels gegen Dresden die ersten "Bielefeld, Bielefeld"-Choräle angestimmt.

Finanzstärkere Konkurrenz ausgestochen

Es war der Schlussakkord einer für den Klub und die Stadt denkwürdigen Abends. Denn sollte der VfB Stuttgart nicht in einem der letzten drei Spiele seine Gegner mit historischen Kantersiegen zu Klump schießen und die Arminia zeitgleich alle ausstehenden Partien wehrlos wegschenken, dann besetzen die Bielefelder in der nächsten Saison die ostwestfälische Planstelle in der Bundesliga. Was eine formidable Leistung ist, nicht nur angesichts der deutlich zahlungsfreudigeren Konkurrenz aus Hamburg, Stuttgart, Nürnberg, sondern auch im Lichte des Ausnahmezustands durch die Coronakrise.

Dass die Arminia im Laufe der Saison nur zwei Niederlagen kassierte und nun vorzeitig als Aufsteiger feststeht, ist das Verdienst ganz unterschiedlicher Leistungsträger, die auch der Bundesliga gut zu Gesicht stehen werden: Da ist Keeper Ortega Moreno, der nicht nur konstant auf höchstem Niveau hielt, sondern auch den zielsicher nach vorne gedroschenen Abschlag als neue Angriffsvariante etablierte. Da ist Kapitän Fabian Klos, der gefühlt seit 1987 bei der Arminia kickt, aber noch nie so zuverlässig traf wie in dieser Saison. Und da ist Coach Uwe Neuhaus, der schon bei Union Berlin und Dynamo Dresden bewies, dass er mehr will als den üblichen Zweitliga-Arbeiterfußball. Neuhaus brachte der Arminia die gepflegte Spieleröffnung bei und ließ die Mannschaft so intensiv das Positionsspiel proben, dass sich Stürmer Klos ans schulische Vokabellernen erinnert fühlte.

Nun kehrt die Arminia nach elf Jahren wieder ins Oberhaus zurück. Für jüngere Fußballfans, die keinen anderen deutschen Meister als den FC Bayern und die TSG Hoffenheim nur als Bundesligisten kennen, ist der Klub ein unbeschriebenes Blatt. Für betagtere Anhänger ist die Arminia ein alter Bekannter, der in den siebziger und achtziger Jahren ein Dauergast in der ersten Liga war. Gekickt wurde damals in der alten Bretterbude Alm, einem wilden aus Rohren und Holz zusammengeschraubten Verhau. Die Stürmer wie Gerd-Volker Schock oder Ewald Lienen trugen wuchernde Schnauzbärte, hinten traten entschlossene Verteidiger auf alles, was sich bewegte, und wenn doch mal einer durchkam, hielt ein langer Lulatsch namens Wolfgang Kneib mit stoischer Ruhe und ausgeleierter Joggingbuchse den Kasten sauber. Die Herren sind alle längst in Rente, etwas vom ungestümen Geist der Schnauzbart-Ära hat jedoch bis heute überdauert.

Berg- und Talfahrt durch den deutschen Fußball

Zwischen damals und heute lag eine im deutschen Fußball durchaus außergewöhnliche Berg- und Talfahrt. Mehrfach schlitterte die Arminia an der Insolvenz vorbei, beschäftigte mit Rüdiger Lamm einen der exzentrischsten Manager der Bundesliga-Geschichte, wechselte bisweilen binnen weniger Jahre von der dritten in die erste Liga und natürlich auch irgendwann wieder retour, stieg 2014 in der letzten Minute eines Relegationsspiels ab, und konnte in all der Zeit trotzdem vor allem auf zweierlei bauen: erstens, dass sich immer wieder genügend Zuschauer fanden, die sich das bisweilen gruselige Gekicke anschauen wollten. Und zweitens, dass in höchster Not immer noch ein wohlmeinender ostwestfälischer Unternehmer den Geldbeutel öffnete.

Den örtlichen Wirtschaftsmagnaten ist es auch zu verdanken, dass die Arminia-Funktionäre nicht mehr auf jeder Jahreshauptversammlung schweißgebadet über gestiegene Verbindlichkeiten berichten müssen, sondern nahezu schuldenfrei in die erste Liga spazieren. Dass dort rasch Ernüchterung einkehren könnte, weil die Arminia natürlich in dieser Saison am oberen Rand ihres Leistungsvermögens gekickt hat und strukturell auch Newcomern des vergangenen Jahrzehnts wie dem FC Augsburg hinterherhinkt, darüber ist sich auch die Bielefelder Geschäftsführung um Markus Rejek und den sportlichen Planer Samir Arabi klar.

Aber das sind alles trübe Gedanken für den Herbst, wenn die Liga wieder los geht. Nun will die Arminia erst einmal im nächsten Heimspiel gegen Darmstadt am Donnerstag den letzten, zur rechnerischen Sicherheit notwendigen Punkt holen. Damit die Vereinsmitarbeiter nach dem Schlusspfiff wieder ausgelassen singen können.

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