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Podolski und Köln: Führungsfigur oder Spaltpilz?

Wenn Lukas Podolski nächsten Sommer zum 1. FC Köln zurückgekehrt, ist beim Fußball-Bundesligisten nichts mehr wie es einmal war. Denn aktuell spielt ein funktionierendes Kollektiv ziemlich erfolgreich. Das wird beim Hype um die Rückholaktion des verlorenen und von Heimweh geplagten Sohnes gerne unterschlagen.

Von Frank Hellmann, Belek

Der 1. FC Köln ist ein außergewöhnlicher Verein. Einer, der Emotionen zu schüren weiß. Das ist ganz gut an Thomas Häßler zu bewundern, der offiziell als Techniktrainer im Team von Christoph Daum fungiert. "Icke", ein begnadeter Fußballer, vermag den Ball immer noch so gekonnt zu behandeln, wie in seinen besten Tagen - und zeit seiner Karriere hat er das am liebsten für den 1. FC Köln getan.

Bei seiner Verabschiedung heulte Häßler einst Rotz und Wasser. Ähnlich eng verbunden mit dem Klub war Pierre Littbarski, der mal viel Geld zahlte, bloß um am Geißbockheim wieder kicken zu dürfen. Manager Michael Meier erzählt dieser Tage im Wintertrainingslager an der türkischen Riviera wieder gerne die Geschichte von Häßler und Littbarski, um zu verdeutlichen, "dass der 1. FC Köln ein spezieller Verein ist." Meier: "Es gibt Argumente, die sind nicht rational in Worte zu fassen, sondern nur noch emotional."

Vergangene Meriten

So wie bei Lukas Podolski. Beschäftigt beim FC Bayern München, wo aber nicht einmal sein einstiger Förderer Jürgen Klinsmann ihn glücklich machen kann. Er ist 23 Jahre jung. Aber schon 60-facher Nationalspieler, 31-facher Torschütze. Teilnahme an drei großen Turnieren.

Bester Nachwuchsakteur bei der WM 2006. Besser als Cristiano Ronaldo bei der EM 2008. Mal auf der Wunschliste des AS Rom oder Manchester City. Aber Podolski hat seinen Entschluss längst gefasst. Der verlorene Sohn aus Bergheim und junge Familienvater -Freundin Monika, Sohn Louis - ist von Heimweh geplagt und will zurück. Zu seinem Heimatklub und in seine Heimatstadt.

"Komfort-Zone" Köln

"Der FC Bayern sagt ja selbst immer, dass ein Spieler sich wohlfühlen müssen. Dann muss man festhalten, dass sich die Familie von Podolski in dieser Stadt nicht wohl fühlt", erklärt Meier. "Man muss sich das einmal vorstellen", ergänzt Daum und in der Stimme schwingt ein bisschen Pathos mit, "da will ein Spieler, ein aktueller Nationalspieler, vom FC Bayern zum 1. FC Köln. Da werde ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten voll für einsetzen."

Der Klub unternimmt wahre Kopfstände, um die Rückholaktion definitiv erst zum Sommer dieser Tage endgültig perfekt zu machen. Doch noch wird ums liebe Geld gefeilscht; der 1. FC Köln hat eben kein Festgeldkonto, von dem sich mal eben so zweistellige Millionenbeträge abbuchen lassen.

Weitere Gespräche nötig

"Materiell sind das keine Kleinigkeiten. Wir sind auf die Kooperationsbereitschaft des FC Bayern angewiesen." Meier dementiert die Meldungen nicht wirklich, demnach der Aufsteiger ein Paket geschnürt hat, das etwa 7,5 Millionen Euro Fixsumme, die Überlassungen von 15 Länderspielabstellungen á 40 000 Euro und zwei Ablösepartien zur Garantiesumme von je einer Million vorsieht.

Doch noch hakt es in den Verhandlungen, die Meier und Kollege Uli Hoeneß weder in Belek noch in München persönlich zu führen gedenken. "Es ist nicht geplant, dass ich abreise", sagt Meier am Rande des Trainingsplatzes an der türkischen Riviera. Hoeneß will ja unbedingt noch einen Blick auf den Kontrakt werfen, der bei Podolskis Wechsel 2006 aufgesetzt worden ist und der den Kölnern ein Vorkaufsrecht respektive einer Beteiligung an der Ablöse über zehn Millionen vorsieht.

Köln funktioniert eigentlich

"Die Zeit sollten wir ihm lassen", erklärte Meier mit einem Schmunzeln, "der Kontrakt ist ja nicht auf 'Kölsch' und nicht auf Bayerisch verfasst." Der FC-Manager sagt, er sei druckresistent - weder die mitgereisten Fans noch drängelnde Münchnern könnten die Abwicklung der Personalie beschleunigen. Allerdings wäre es auch ihm am liebsten, wenn alle Beteiligten möglichst bald zu einem Ergebnis in der Sache kämen: "Wir müssen uns auf die Rückrunde konzentrieren und darauf, die Klasse zu halten."

Ein guter Einwand. Denn bei dem monatelangen Hype um einen Sommertransfer geht fast unter, dass der Neuling - ohne Podolski - eine mehr als passable Figur im Oberhaus abgegeben hat. Eine viel bessere etwa, als der 1. FC Köln 2005/2006 - mit Podolski - in die erste Liga auf- und gleich wieder abstieg. Mit 22 Punkten hat die Daum-Elf nun das erklärte Ziel von 20 plus X Zähler erreicht. Elfter. Nie besser als Platz acht, nie schlechter als Rang 13. Man ist absolut im Soll, was bei der Zusammenstellung eines Multi-Kulti-Kaders, dem nach der Winterverpflichtung des ghanaischen Nationalspielers Derek Owusu Boateng (25, Beitar Jerusalem) Akteure aus 17 Nationen angehören, nicht unbedingt abzusehen war.

"Poldi-Hype" in der Domstadt

Der Trumpf ist das funktionierende Kollektiv, auch wenn der zehnfache Torschütze Milivoje Novakovic herausragt. Doch die wahren Führungsspieler sind - schon aufgrund der Sprachbarriere - eher Leisetreter. Etwa der portugiesische Routinier Petit, das brasilianische Abwehrtalent Pedro Geromel. In der Hinrunde lag in der Ruhe innerhalb der Mannschaft auch ihre Kraft.

Die empfindlichen Strukturen dieses Gebildes hat die Podolski-Debatte schon in der Hinrunde gestört, wie Daum frank und frei einräumt. "Im Kölner Raum ist jede Podolski-Schlagzeile ein Verkaufsgarant. Und als im Herbst das Thema auf den Markt kam, hat sich keine Sau mehr dafür interessiert, wie wir in der Bundesliga stehen." Alles drehte sich um einen, der von 1995 bis 2006 beim 1. FC Köln gespielt hatte, die letzten drei davon im Profibereich, wo er in 81 Spielen gleich 46 Tore schoss, aber beim FC Bayern meist auf der Bank sitzt und Ladehemmung beklagt. Nach einem 3:1-Sieg beim VfB Stuttgart sei den Kölner Profis daraufhin der Kragen geplatzt - sie beschwerten sich bei Daum persönlich über die Missachtung ihrer Leistungen.

Alles ausgerichtet auf Podolski

"Es kam Unmut auf", bestätigt der Cheftrainer. Und er sagt auf: "Wir sind in dieser Sache nicht blauäugig. Wir haben das Für und Wider dieses Transfers ausführlich diskutiert. Man kann natürlich sagen, er überfordert uns, er bringt Unruhe ein. Aber er ist auch eine absolute Führungsfigur und wird unser Gesicht in Zukunft prägen." Das kann man wohl sagen: Schon jetzt gerät die Domstadt eingedenk der bevorstehenden Rückkehr von "Prinz Poldi" in den Ausnahmezustand. Auf Schloss Gymnich in Erftstadt bei Köln fand bereits eine Comeback-Party statt, die Kultband Höner entwarf ein eigenes Lied - zur Melodie von "Schnaps, das war sein letztes Wort" heißt es: "Köln, das war sein letztes Wort. Dann ließen ihn die Bayern fort." Sogar das seriöse WDR-Rundfunkorchester stimmte in den Podolski-Hype mit dem Stück "Holt den Lukas nach Haus" ein.

Werden da einem Jungstar nicht zu viele Erwartungen aufgebürdet? In und um Köln wird jeder Schritt, jede Tat, jedes Wort von Podolski in Zukunft verbreitet und bewertet werden. Und die künftigen Kollegen werden sich auf ruhigere Zeiten einstellen dürfen, was die Medienarbeit betrifft. Der Rückkehrer wird allen den Rang ablaufen. Wie das der Starkicker mit polnischen Wurzeln, seine künftigen Kollegen und der latent labile Klub verkraften, ist eine spannende Frage.

Ganz nebenbei muss Daum auch ein neues taktisches Korsett schnüren, denn die derzeitige Kölner Spielweise, die auf Ordnung, Disziplin und Defensive fußt, ist eine, die für Podolskis Angriffslust nicht gerade maßgeschneidert ist. Auch solche Vorbehalte wischen die Verantwortlichen ziemlich eilig beiseite. Daum: "Lukas Podolski wird mit seiner menschlichen und charakterlichen Seite hier alle überzeugen." Man will ja hoffen, dass dies ab der Saison 2009/20010 die Realität sein wird.

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