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Polen: Endlich zurück an die Spitze

Die Erwartungen in Polen sind groß: Nach dem schmählichen Ausscheiden bereits in der ersten Runde der Fußball-WM vor vier Jahren in Japan und Südkorea soll bei der Weltmeisterschaft im Nachbarland Deutschland alles besser und vor allem erfolgreicher werden.

Unter Nationaltrainer Pawel Janas, selbst einer der ehemaligen polnischen Fußball-Helden, soll die Rückkehr zu jenen goldenen Zeiten der 70er Jahre versucht werden, als Polen mit Spielern wie Zbigniew Boniek in der europäischen Spitze spielte und 1974 bei der WM in Deutschland mit Torschützenkönig Grzegorz Lato sogar Dritter wurde.

Dass das Losglück gleich in der Gruppenphase eine Begegnung mit Gastgeber Deutschland ermöglichte, ist für viele polnische Fußballfreunde nur das I-Tüpfelchen. Mit Gelsenkirchen und Dortmund spielt die polnische Mannschaft zudem in zwei Städten, die für viele Polen einen bekannten Klang haben. Einwanderer aus Polen machten einst das Ruhrgebiet mit zum deutschen Bergbaurevier, und auch in den 80er Jahres zog es viele Aussiedler in die Städte zwischen Duisburg und Hamm, in denen Kowalskis fast so häufig sind wie Müllers.

Polen gegen Poldi und Klose

Besonders spannend ist für die Polen natürlich, dass im deutschen Team mit Lukas Podolski und Miroslaw Klose gleich zwei Spieler vertreten sind, die in Polen geboren wurden und dort ebenfalls ihre Fans haben. Vor allem im oberschlesischen Oppeln (Opole), Kloses Heimatregion, werden die Erfolge des Torjägers fast so gefeiert, als spiele er für das rot-weiße Team. Mit Ebi Smolarek von Borussia Dortmund steht ein Bundesliga-Profi im polnischen Team. Star der Mannschaft ist dessen Sturm-Kollege Maciej Zurawski, der bei Celtic Glasgow unter Vertrag steht.

Ein Schatten fällt allerdings auf die Vorfreude: Unter den bis zu 300.000 Polen, die zur Weltmeisterschaft ins Nachbarland kommen wollen, dürften auch zahlreiche gewaltbereite Hooligans sein. Mit blutigen "Fankriegen" trübten sie bereits in der polnischen Liga das Bild des Fußballs. In den Auseinandersetzungen der Club-Anhänger gab es bereits mehrere Tote, zuletzt vor wenigen Wochen im südpolnischen Krakau (Krakow). Für die WM sollen die Gewalttäter, die nach Polizeiberichten längst von der Mafia unterwandert sind, einen Waffenstillstand geschlossen haben: Gemeinsam soll es gegen die Hooligans der anderen WM-Teilnehmerländer gehen.

Sorge über Gewalt trübt WM-Vorfreude

Dass die polnischen Fußball-Schläger einer breiten Öffentlichkeit in Westeuropa noch nicht bekannt sind, liegt an zwei Dingen: Zum einen spielte die in den vergangenen Jahren nicht sonderlich erfolgreiche polnische Mannschaft nicht in vielen internationalen Begegnungen, zum anderen fehlte den Hooligans das Geld etwa für eine Reise zur WM nach Asien vor vier Jahren.

In diesem Jahr ist das anders: Mit Bus, Bahn oder per Fahrgemeinschaft ist Deutschland schnell und unkompliziert erreichbar, ein Visum brauchen die neuen polnischen EU-Bürger nicht mehr. Die polnischen Behörden scheinen das Problem erst relativ spät erkannt zu haben. Denn erst nach dem Tod eines Fans in Krakau kündigte der polnische Justizminister Zbigniew Ziobro an, er wolle sich bei seinem britischen Kollegen über die englischen Methoden im Kampf gegen Fan-Kriminalität informieren. Auch eine Ermittlungskommission zur Fan-Gewalt wurde erst vor wenigen Wochen gegründet.

Entschiedenheit gegenüber Hooligans

Ob genug Zeit bleibt, nach dem Vorbild deutscher, niederländischer oder englischer Behörden bekannte Gewalttäter zu erfassen und Ausreiseverbote zu erlassen, bleibt fraglich. Lediglich etwa 50 Hooligans sind in einer Datenbank der polnischen Polizei als Gewalttäter erfasst und haben Stadionverbot.

An der deutsch-polnischen Grenze, wo gemeinsame Polizeipatrouillen und eine enge Zusammenarbeit der Grenzschützer längst Routine geworden sind, bereiten sich Polizei und Grenzschutz schon jetzt auf den WM-Einsatz vor. In gemeinsamen Übungen an den großen Grenzübergängen proben sie den Umgang mit ungeduldigen und angetrunkenen Fans und das angemessene Verhalten zwischen beruhigender Deeskalation und Entschiedenheit gegenüber denjenigen, die die WM für Schlägereien missbrauchen wollen.

Eva Krafczyk/DPA / DPA

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