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Presseschau: "Killer-Klinsi gegen den FC Bayern"

Die Kommentatoren sind sich einig: Die Entscheidung Klinsmanns, jetzt eine Antwort auf die seit langem schwelende Torwartfrage zu geben, war richtig.

Nach fast zwei Jahren, so die stellt die "Berliner Morgenpost erleichtert fest, hat sich Bundestrainer Jürgen Klinsmann im Torwart-Streit endlich entschieden. Es sei auch der richtige Zeitpunkt gewesen, schreibt die "Sächsische Zeitung".

Und auch an der sportlichen Qualifikation Lehmanns herrscht Einigkeit unter den Kommentatoren. Der Verlierer des Duells, Oliver Kahn, habe sich in letzter Zeit einige Patzer geleistet, während der Arsenal-Torhüter eine überragende Saison spielt, so das Fazit der meisten Zeitungen.

Und auch Klinsis Mut, der übermächtigen Lobby des FC Bayern München die Stirn zu bieten, nötigt vielen Respekt ab. Allerdings muss sich der Bundestrainer auch die Frage gefallen lassen, ob er nicht zu lange gewartet hat und vor allem: Ob Kahns Abgang von "Killer-Klinsi" nicht schon von langer Hand vorbereitet war.

"Rheinische Post"

Der Fußball war mal die schönste Nebensache der Welt. Das ist lange her. Als der Satz noch galt, saßen die Menschen auf harten Holzbänken in zugigen Stadien und schauten anderen Menschen beim Sporttreiben zu. Fußball ist mittlerweile so wichtig, dass erwachsene Menschen das Wohl einer Volkswirtschaft mit dem Ausgang einer WM verbinden. Folglich ist gestern eine der wichtigsten Entscheidungen der Nachkriegsgeschichte gefallen. Jens Lehmann steht im Tor jener Nationalelf, die dem Land im Sommer gefälligst den Titel gewinnen soll. Der Aufruhr um diese Wahl unter zwei Klasse-Torhütern spiegelt eine hart an Hysterie grenzende Aufgeregtheit, die das Land zwei Monate vor dem Turnier erfasst hat. Er ist aber auch Ergebnis der Tatsache, dass Torhüter nicht allein in ihren Klubs das große Geld verdienen, sondern ebenfalls in der Werbung. Wer im Sommer spielt, der verdient mehr. Deshalb haben sich die Lobbyisten im Wettbewerb zwischen Lehmann und Oliver Kahn so lautstark in Stellung gebracht. Dafür hatten sie fast zwei Jahre Zeit. Daher muss sich Bundestrainer Jürgen Klinsmann nur einem Vorwurf stellen: Er hat viel zu spät gesagt, wohin die Reise geht. Fachlich ist seine Wahl richtig.

"Oldenburgische Volkszeitung"

Lehmann entspricht in der Summe seiner Eigenschaften eher den Vorstellungen des Bundestrainers. Oliver Kahn ist vom Potenzial womöglich der bessere Keeper. Aber die häufigen Irritationen um seine Person haben ihm sicher nicht geholfen; genauso wenig die gereizten Bayern-Attacken gegen den Trainer- und Managerstab der Nationalmannschaft. Jürgen Klinsmann sah sich jetzt zu einer Entscheidung fast genötigt; wäre sie auf Kahn gefallen, hätte das als Einknicken vor dem mächtigsten Verein im Land gewertet werden können. Lehmanns Berufung erscheint auch als logischer Schlusspunkt der von Klinsmann angeordneten Torwart-Rotation. Und damit sollte in dieser Frage, die die Nation bewegte, Ruhe einkehren.

"Münchner Merkur"

Sicher ist, dass die Stunde der Verschwörungstheoretiker schlagen wird. Hat Jürgen Klinsmann, genannt "Killer-Klinsi", den vormaligen Spielerkollegen Kahn über knapp zwei Jahre demontiert, gemobbt, terrorisiert? Wollte er Jens Lehmann, der beim selben Berater, einem Schweizer Rechtsanwalt, unter Vertrag steht, amigomäßig ins Torwartamt heben? Hat er abgewartet, bis der Spezi ein Formhoch erwischte und der Gegenspieler verletzt und malade ist - und haben sich aufgrund dieser Aktualität die Sympathiewerte verschoben? Man kann vieles vermuten hinter der Entscheidung, aber man muss auch festhalten: Sportlich ist sie zu vertreten, nach den Eindrücken der letzten Wochen hat nichts mehr gegen den Champions-League-Souverän Jens Lehmann gesprochen.

"Abendzeitung"

Innerlich muss Klinsmann gegrinst haben beim vorletzten Akt des Kahn-Dramas, das eine lang angelegte Demontage des einst besten Torwarts der Welt war und dessen Schlussgong Kahns Rücktritt sein wird. Dass es ihm die Bayern so leicht machten, indem sie im für Kahn schlechtesten Moment auf die Entscheidung drängten, hat Klinsmann gnadenlos ausgenutzt - und sich stillos von einer Institution getrennt. Gewiss ist es das Recht des Trainers, Lehmann für den besseren Torwart zu halten, doch Fairness gegenüber Kahn und Respekt vor dessen Verdiensten wären seine Pflicht gewesen. So bleibt, wenn er nicht Weltmeister wird, von Klinsmanns Intermezzo nur eines hängen: Er war der Killer des Titans.

"Hamburger Abendblatt"

Klinsmanns Wahl ist nachvollziehbar. Lehmanns Spielweise passt bestens zur offensiven Ausrichtung der DFB-Auswahl, im Gegensatz zu Kahn befindet sich der Torwart von Arsenal London außerdem seit Monaten im Formhoch und untermauert das auch in der Champions League. Fußball-Deutschland täte gut daran, Klinsmanns Entscheidung zu respektieren. Und der demontierte Ex-Titan Kahn täte gut daran, seinen Rücktritt von der Nationalmannschaft zu erklären.

"Sächsische Zeitung"

Jürgen Klinsmann hätte keinen besseren Zeitpunkt für seine Entscheidung in der Torwart-Frage finden können. Oliver Kahn offenbarte seit einigen Tagen ungewohnte kleinere und größere Schwächen sowohl in der Fußball-Nationalmannschaft als auch beim FC Bayern München. Statt der gewohnten Souveränität der Nummer eins im deutschen Tor fiel eine ungewohnte Verunsicherung auf. Der Herausforderer Jens Lehmann konnte sich im Fernduell somit begnügen, fehlerlos zu bleiben. Das war nicht schwierig, denn hinter der Superabwehr von Arsenal London hätte auch der Fahrer des Mannschaftsbusses keine schlechte Figur abgegeben.

"Kölnische Rundschau"

Jetzt ist es also raus. Jens Lehmann ist bei der bevor stehenden Fußball-WM im eigenen Land die Nummer eins im deutschen Tor - und nicht Oliver Kahn. War es der immer größer werdende Druck durch die öffentliche und veröffentlichte Meinung? Oder die schärfer werdenden Kampagnen des Boulevards? Bundestrainer Jürgen Klinsmann konnte in Anbetracht der ungeheuren Fokussierung einer ganzen Nation auf dieses eine Thema wohl nicht mehr länger warten. Das ist einerseits gut! Denn nun wird es zwar in den nächsten Tagen Lob geben. Und Kritik hageln - insbesondere natürlich von den Großkopferten im Süden der Republik bei Kahns Club FC Bayern. Spätestens bei Beginn der intensiven Vorbereitung auf das Turnier Ende Mai dürften aber alle Argumente ausgetauscht sein. Und es kehrt - hoffentlich - Ruhe ein.

"Stuttgarter Nachrichten"

Der Empörungsschrei aus München ist laut, aber ungerechtfertigt. Sicher: Kahn kann eine Menge Meriten aufweisen. Nichts aber zählt im Fußball weniger als die Erfolge früherer Tage. Zuletzt hatte der Münchener immer wieder gepatzt. Die Begründung, daran sei die Ungewissheit, ob er im Sommer im DFB-Tor stehen werde, schuld, ist absurd. Wer im eigenen Land Weltmeister werden will, muss mit diesem Druck umgehen können. Lehmann dagegen spielt konstant auf hohem Niveau und steht mit Arsenal London im Halbfinale der Champions League.

"Berlin Morgenpost"

Fast zwei Jahre hat das sportliche und verbale Torwartduell nun gedauert. Es war ein Zweikampf, den es in dieser Art und Weise zuvor noch nie gegeben hat. Er hat Schlagzeilen produziert und für Unruhe innerhalb einer Mannschaft gesorgt, die derzeit alles andere als selbstbewusst und hoffnungsfroh agiert. Insofern ist es in erster Linie gut für das WM-Projekt, dass die brisante Torwart-Frage endlich entschieden ist. Klinsmann wollte mit dem Entschluss ursprünglich zwar noch bis Anfang Mai warten, doch letztlich hat er sich dem öffentlichen Druck gebeugt und wohl am Ende auch eingesehen, dass er den Beteiligten mit seinem Zögern keinen Gefallen tut. Jens Lehmann wird aber ab sofort unter einer Beobachtung stehen, die er in dieser Form noch nie erlebt hat.

"Express"

Mal ehrlich: Wären Sie in den letzten Woche gerne Oliver Kahn oder Jens Lehmann gewesen? Gestandene Torhüter, die plötzlich in einen Rivalenkampf gezerrt werden, als hinge das Glück einer ganzen Nation davon ab? Wohl kaum. Das ewige Theater um die Frage, wer bei der WM ins Tor darf, hat viel zu lange gedauert. Wie Jürgen Klinsmann jetzt aber entschieden hat, verdient Anerkennung. Er entscheidet sich für Lehmann, weil der in den Wochen des Nervenpokers sicherer war. Er entscheidet sich für Lehmann, weil der viel besser zu dem offensiven Fußball passt, den Klinsmann liebt, der uns beim Confederations Cup alle begeistert hat. Und er entscheidet sich für Lehmann, obwohl dessen Kollege Kahn bei den einflussreichen Bayern gewaltige Fürsprecher hat. Unser Bundestrainer hat eine eigene Meinung und riskiert dafür auch mal Ärger. Charakterzüge, wie sie Champions mitbringen.

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