Real-Debakel "Sie haben uns aufgefressen"


Die sportliche Führung ausgewechselt, die Mannschaft runderneuert - allein der Misserfolg ist Real Madrid auch beim Start in die Champions-League-Saison treu geblieben. Die heimische Presse drischt nach der Blamage in Lyon auf Beckham und Co. ein.

"Dieser Verein ist nicht mehr zu retten. In der Abwehr entsetzlich, im Angriff ohne Ideen. Es scheint, als verachte Real den Ball", fällte die Zeitung "El Pais" nach der 0:2-Niederlage bei Olympique Lyon am Donnerstag ein vernichtendes Urteil über Spaniens Fußball-Rekordmeister, der wie vor Jahresfrist im Stade Gerland geradezu gedemütigt wurde. Einen erfolgreichen Auftakt verbuchten dagegen mit dem AC Mailand (3:0 gegen AEK Athen) und Manchester United (3:2 gegen Celtic Glasgow) zwei andere Titelkandidaten.

Obwohl Real-Trainer Fabio Capello mit dem zuletzt in der Liga drei Mal erfolgreichen Ruud van Nistelrooy und Antonio Cassano voll auf seine neuen Offensivkräfte gesetzt hatte, stand die Mannschaft gegen die wie entfesselt aufspielenden Franzosen auf verlorenem Posten. "Nur Torhüter Casillas und ein mysteriöser Heiligenschutz haben Real vor einer historischen Tracht Prügel bewahrt", schrieb "El Pais". Vor zwölf Monaten waren David Beckham und Co. in Lyon mit einer 0:3- Packung nach Hause geschickt worden.

Weder Charakter noch Biss noch Seele

"Sie haben uns regelrecht aufgefressen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie physisch so viel stärker sein würden", räumte Capello nach dem Debakel ein, das nach Treffern des Brasilianers Fred (11.) und von Portugals Nationalspieler Tiago (31.) schon zur Pause besiegelt war. "Die Stars von Real glichen einem durchsichtigen Sieb. Das Team hat ein trauriges Bild der Ohnmacht abgegeben", stellte die Zeitung "As" fest. "Marca" bescheinigte Real "weder Charakter, Biss, Seele noch Fußballkunst" und rechnete vor: "Pro Minute verloren die Spieler einen Ball, in 96 Minuten gab es nur zwei Torschüsse."

Während die Real-Spieler ihre Wunden leckten und Roberto Carlos die Teamkollegen aufforderte, "jetzt nicht mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen", verlangte Olympique-Trainer Gerard Houllier endlich Anerkennung und Respekt für sein Team. "Alle reden immer nur von den Galaktischen, aber ich möchte, dass man auch über meine Spieler redet. Es gibt im Moment nichts, um das wir Real beneiden müssten", sagte der Franzose, der seiner Mannschaft attestierte, in der ersten Halbzeit "nahe der Perfektion" gespielt zu haben.

"Milan hebt sofort ab"

Davon war ManU im britischen Duell gegen Celtic Glasgow weit entfernt. Mit zwei Treffern und der Vorarbeit zum 3:2 durch Ole Gunnar Solskjaer wurde der Franzose Louis Saha zum Matchwinner für den souveränen Premier-League-Tabellenführer. Trainer Alex Ferguson kritisierte allein die mangelnde Treffsicherheit seiner Angreifer: "Wir hätten heute zehn Tore schießen müssen." Mit einer Verletzung von Ryan Giggs bezahlte Manchester den Erfolg allerdings teuer.

Mit dem 3:0 gegen Athen versetzte der AC Mailand seine Fans nach Wochen der Depression gleich wieder in Hochstimmung. "Ich habe so viele Talente in unserer Mannschaft gesehen, dass ich sie durcheinander gebracht habe", schwärmte Clubchef Silvio Berlusconi. Besonders ins Auge stach der 20-jährige Franzose Yoann Gourcuff, dem mit dem 2:0 sein erstes Pflichtspieltor gelang. "Milan hebt sofort ab", feierte die "Gazzetta dello Sport" die Italiener, die es als Folge des Fußball-Skandals erst über den Umweg der Qualifikation in die Champions League geschafft hatten.

DPA/kbe


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