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Testspiel Polen gegen Deutschland Spiel der Angst


Wenn am Abend das DFB-Team in Danzig gegen Polen testet, spielt auch die Angst vor Hooligan-Randale mit. Genug Gefahrenpotenzial ist schon ein Jahr vor Beginn der EM vorhanden.
Von Stefan Rommel, Danzig

Grzegorz Lato kann den ganzen Hype gar nicht verstehen. Polens Fußball-Legende empfindet die Panikmache über ein angebliches Sicherheitsproblem bei der Fußball-EM im kommenden Jahr für nichts als heiße Luft. "Das Hooligan-Problem wird aufgebauscht und überbewertet", sagt er. Zu gerne möchte man ihm glauben.

Deutlich pragmatischer geht Dariusz Lapinski die Sache an. "Es gibt noch einige Unwägbarkeiten. Aber eines kann man jetzt schon gewiss sagen: Während der EM werden die Stadien die sicherste n Orte schlechthin sein!" Lapinski, 38, arbeitet beim polnischen Fußballverband PNPZ in der Abteilung Prävention. Sein Job ist es, die Sicherheit in und um die Stadien in Polen zu organisieren.

Das Testspiel der deutschen Nationalmannschaft am heutigen Dienstag in Danzig gegen die Auswahl Polens dient als echter Gradmesser für den Stand der Dinge in Sachen Sicherheit im EM-Gastgeberland. Auf den ersten Blick erscheint das Konfliktpotenzial zwischen polnischen und deutschen Hooligans hoch. Das liegt in erster Linie an den "Fans" des Nachbarlandes. Denn während bisher der "heilige Krieg" in den großen Städten wie Krakau, Warschau oder Posen tobt und "untereinander ausgetragen wird", wie es ein Hooligan von Wisla Krakau umschreibt, wird es spätestens 2012 andere, "gemeinsame Ziele" geben. Aber vielleicht auch schon eher.

Bis jetzt keine Zwischenfälle

Mit Deutschland und England sei noch eine Rechnung offen, heißt es immer wieder in polnischen Hooligan-Foren im Internet: Die polnische Hooliganszene erwartet die Gleichgesinnten aus dem Westen, das lässt sich immer wieder gut herauslesen, mit geballter Kraft. Genau dieses Szenario gilt es zu verhindern, das ist die Aufgabe von Kräften wie Dariusz Lapinski. Jetzt und in Zukunft.

Die Tage vor dem Test der Nationalmannschaft sind bisher ruhig verlaufen, weder in der Danziger Altstadt noch in den angrenzenden Stadtteilen Sopot und Gdingen gab es nennenswerte Zwischenfälle. Auch am Spieltag selbst schlenderten deutsche Fußball-Touristen noch verträumt durch die Stadt. Alles scheint ruhig und friedlich. Und trotzdem ist die Lage bei Lapinski und seinem Stab angespannt.

Das hat auch etwas mit einem schrecklichen Vorfall Anfang des Jahres zu tun. In Krakau wurde im Januar der 31-jährige Hooligan Tomasz C. auf offener Straße regelrecht hingerichtet. Krakau beheimatet die beiden ältesten Klubs des Landes, Wisla und Cracovia. Selbst die gefährlichste deutsche Feindschaft zwischen Anhängern von Lok Leipzig und Sachsen Leipzig ist nichts gegen das brutale Vorgehen der Wisla- und Cracovia-Hools gegeneinander.

Null-Toleranz-Politik

Tomasz C. wurde von etwa 20 Maskierten überfallen und mit Äxten und Macheten malträtiert. Am Ende sollen mehr als zwei Dutzend tiefe Hieb- und Stichwunden festgestellt worden sein. Der erst 31-Jährige war einer aus der Führungsriege der Cracovia-Hooligans, der Mord wird relativ eindeutig dem Lager der Wisla-Fans zugeschrieben.

Die Regierung im Warschau kündigte nach dem brutalen Verbrechen von Krakau eine "Null-Toleranz-Politik" für Hooligans. Die Strafen wurden drastisch verschärft. Das Gesetzpaket sieht jetzt unter anderen Fußfesseln für Straftäter mit Stadionverbot, gerichtliches Schnellverfahren für Randalierer und ein Vermummungsverbot vor. "Wir müssen den Hooligans zeigen, dass wir nicht der wilde Osten sind", sagt Lapinski auch im Hinblick auf das Testspiel gegen Deutschland in Danzig. Es wäre der Gau für den EM-Veranstalter, würden sich auch nur kleinste Ausbrüche von Gewalt vor, während oder nach der Partie in der neuen PGE-Arena ereignen.

Die polnischen Behörden setzen deshalb 1600 Polizisten zur Sicherung des Länderspiels ein. Die Beamten der Ostseestadt werden Dienstagabend durch Polizisten aus Allenstein, Stettin und anderen Städten verstärkt, kündigte Jan Kosciuk von der Polizei der Region Pommern an. Zur Unterstützung bei Problemen mit deutschen Fans reisen außerdem 16 deutsche Polizeibeamte an. Ob das reicht? Beim letzten Auswärtsspiel der deutschen Nationalmannschaft Anfang Juni in Wien gegen Österreich kam es zu schweren Ausschreitungen. Deutsche Hooligans verlegten damals ihr "Einsatzgebiet" in die Innenstadt. Kneipen wurden zerlegt, Polizisten angegriffen. 213 Festnahmen waren die Folge.

Der Glaube an das Gute

Für die Partie am Abend im pittoresken Danzig ist also genügend Gefahrenpotenzial vorhanden. "Es ist nicht auszuschließen, dass der eine oder andere deutsche Hool plant, sich ins Auto zu setzen, um mal zu schauen, was sich in Polen tut", sagt Helmut Spahn. Der war jahrelang Sicherheitsbeauftragter des DFB und arbeitet nun für das neu ins Leben gerufene "Internationale Zentrum für Sicherheit im Sport" (ICSS) in Doha.

Dariusz Lapinski glaubt trotz allem immer noch an das Gute - auch und gerade im Hinblick auf die EM im nächsten Jahr. "Deutschland, England, Holland - ich wünsche mir, dass alle Mannschaften, die viele Fans mitbringen, bei uns in Polen und nicht in der Ukraine spielen", sagt er und klingt dabei felsenfest überzeugt, dass alles friedlich bleibt. Ob der Mann ein Träumer ist, lässt sich vielleicht schon nach dem Testspiel in Danzig feststellen.


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