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Thomas Doll: Der Unantastbare

Kein Erfolg, kein Glück und keine Disziplin im Team - längst hätte er gefeuert sein müssen. Doch Trainer Thomas Doll soll den Hamburger SV auch in der Rückrunde der Fußballbundesliga vor dem für Fans und Stadt Undenkbaren bewahren: dem Abstieg. Warum eigentlich?

Von Marc Bielefeld

Große Siege sind nicht billig zu haben, das wussten schon die alten Griechen, Herkules schickten sie durch die Hölle. Nach der Hölle war vor der Hölle, auch das gab es bereits, und erst als alle Grauen überstanden waren, entstieg die Mythenfigur den Schlünden als Superheld. Als Unantastbarer.

Die Leute lieben so was, noch immer. Dramen, gepfeffert mit allen Zutaten, hochgekocht bis zum Siedepunkt. Es ist feinste Unterhaltung: Protagonisten am Abgrund.

Eines der heißesten Schauspiele liefert zurzeit der Hamburger Sportverein und der Fall seines Trainers Thomas Doll, 40, lustige Locken, lockerer Typ, Mann des Volkes - aber momentan die tragischste Figur im Schraubstock der modernen Fußballmaschinerie.

Es ist warm in Dubai, Mitte Januar 2007, Thomas Doll ruft "gut, Schmitti!", "ja, Kirsche, so ist's richtig", "weiter, Benni, geht doch!" über den Platz des Al-Nasr-Klubs neben dem Al-Maktoom-Stadion. Er lässt Ballarbeit verrichten, Laufeinheiten um halb acht morgens, er sitzt bis nachts über den Trainingsplänen. Auf dem Rasen flitzt er umher, pfeift Spieler herbei, "los, jetzt, nicht müde werden!", seine Arme in fliegenden Gesten, als wollte er die ersehnte Rettung in der Luft herbeikneten.

Und manchmal sieht man es in seinen Augen. Die Höllen haben sich verändert. Aber es gibt sie noch.

Der von Rückschlägen gebeutelte Doll ist mit seinem Team im Trainingslager, es ist die Vorbereitung auf die wichtigste Schlacht seiner Karriere: den Beginn der Rückrunde, das Spiel gegen Arminia Bielefeld am 27. Januar. Wenn Dolls Kämpen das nicht gewinnen, wäre es wie das Verpassen des letzten Anschlusszuges.

Längst hätte Doll nach allen geschriebenen und ungeschriebenen Fußballgesetzen gefeuert sein müssen. Doch Doll ist noch auf dem Posten. "Er ist der einzige Trainer weltweit, der nahezu ergebnisunabhängig betrachtet wird", sagt sein Boss, der Klubvorsitzende Bernd Hoffmann. "Das ist ein Phänomen."

Aber doch, das geht, und die Liga, das gierige Publikum, sie alle blicken auf diesen Mann wie auf einen blutenden Schwimmer im Haifischbecken. Er geht unter, taucht wieder auf, die Haie kommen näher, ganz nah, sie schnappen, aber sie kriegen ihn nicht. Kaum ein Coach hat eine derart niederschmetternde Hinrunde überlebt. Kein Heimsieg, jämmerliche 13 Punkte, verpatzte Chancen, rote Karten, Dauerausfälle. Doll ist mit dem HSV vom dritten Rang aus der vorigen Saison nun auf den vorletzten Platz hinabgerast, dabei "so ziemlich alles an Pech einsammelnd, was am Wegrand zu finden war". Doll sagt das inzwischen wieder mit neuem Mut im Bauch. Mit großen blauen Augen und einem seltsam entwaffnenden Lächeln, freundlich, Blick stoisch nach vorn.

Dabei droht der Abstieg. Es wäre das erste Mal, dass der HSV, der "Dinosaurier" der Liga, in die Niederungen der zweiten Klasse verbannt würde. Für Hamburg der GAU, das Undenkbare. In der Hansestadt parfümiert sich die feine Gesellschaft gern mit dem Flair des Vorzeigeklubs; an den Büfetts im Stadion flanieren hohe Herren aus Wirtschaft und Politik und reden vom Mitmischen ganz oben, vom großen Spiel auf internationalem Niveau. Und nun, watsch! Der Stolz und der Glamour - verblasst im Tabellenkeller.

Der Druck auf Doll ist brutal. Nach den schlimmsten Spielen sah man es ihm an, sein Gesicht, seine Augen, angeschlagen, matt, bedrückt. "Am nächsten Tag aber war er immer wieder derselbe. Wie er das macht, weiß ich nicht. Ich könnte das nicht", sagt Bastian Reinhardt, 31. Der Verteidiger ist einer, der um das Spiel und die Spielchen weiß. "Ich kenne Trainer, die würden sich in so einer Phase fünf Tage in der Kabine eingraben."

In Dubai legen sich die Spieler ins Zeug. Allein einer nörgelt, legt sich mit den Klubärzten an. Der Abwehrspieler Atouba. Doll schickt ihn heim, er muss Autorität beweisen. Es zeigt, wie brüchig und sensibel das Verhältnis zur Mannschaft sein kann. Ausgerechnet Atouba. Zur Vorstandssitzung kurz vor Weihnachten, als Dolls Rausschmiss fast beschlossen war, hatte er noch eine Plakataktion der Profis initiiert. Sie gingen aufs Feld, und die ganze irre Fußballwelt sollte ihr Statement lesen: "120 Prozent mit Doll ...!"

Doch "Papa Doll" greift jetzt durch. Die Sprache muss klar sein in solchen Situationen, das war sie nicht immer. Dennoch, der Kader steht nach wie vor hinter ihm, vielleicht der wichtigste Grund, aus dem er noch weitermachen darf. Reinhardt: "Wenn es Stimmen im Team gegeben hätte, aus denen man hätte heraushören können, dass das alles so nicht mehr passt, dann wäre er vielleicht nicht mehr da."

Doll ist noch da. Er rennt, schleppt Tore, rammt die Pappkameraden in den Boden. Doll schwitzt, hochgekrempeltes T-Shirt, rotes Leibchen, er schreit: "Los jetzt, rüber da, halleluja, macht schon!" Er straft: "Hinlegen, du machst jetzt 20!", gemeint sind Liegestütze, "da kommst du mal zur Besinnung!"

Noch gut zwei Wochen bis Bielefeld. Sprint-Training. Die Jungs dribbeln, bolzen, rennen, und sie rennen dabei auch um das Leben ihres Trainers. Denn hinter dem Fall Doll versteckt sich ein sonderbares Entscheidungsgewebe, das den Coach mal höher, mal tiefer baumeln lässt - ihn bisher aber nicht hat fallen lassen. Oder ihn nicht hat fallen lassen können.

Und dies ist der brodelndste Nebenschauplatz dieser Geschichte. Einer aus Gesagtem und Nichtgesagtem, ein Abwägen und Taktieren zwischen Vorstand, Coach und dem ganzen lauten Drumherum. Es ist viel Schauspielerei dabei, ein Zerren verschiedener Zwänge, Einflüsse und Anschauungen. Und sein Plätzchen will dabei keiner so schnell räumen.

Vorstandschef Hoffmann, 44, Diplomkaufmann und früherer Sportrechte-Vermarkter, galt als jemand, der die Lösung forcierte, ohne Doll in die Rückrunde zu gehen. Hoffmann kommt aus der Zahlenwelt, er ist, er muss der Kalkulierer sein, und er dürfte das hanseatisch-dollsche Kicker-Drama erleben wie eine Überdosis an Gefühlsduselei. Hoffmann sitzt in der Hotelhalle in Dubai, auf dem Trainingsgelände war er kaum zu sehen. Die Wege zwischen Fußballschweiß und Firmendenke kreuzen sich in diesen Zeiten nicht allzu oft. Hoffmann sagt: "Als Gesamtverantwortlicher ist man abhängig von den nackten sportlichen Ergebnissen. Sie sind das Vorzeichen für alles andere, was wir tun. Da wiegt es extrem schwer, wenn man seine Ziele so deutlich verpasst. Das steht im krassen Gegensatz zum Aufwand, den wir hier betreiben. Auch auf den Vorstand ist der Druck immens." Hoffmann spricht schnell und bestimmt, ein Mann der Fakten, der sagt, dass die Emotionalität und das Schwungrad der Medien schnell den Blick auf die Realität trüben würden. Hoffmann sagt: "Jetzt zählen nur noch blanke Resultate. Das weiß jeder."

Es waren die Tage nach der gruseligen Hinrunde, die Tage um den 19. Dezember, als sich Dolls Fädchen zum Zerreißen spannte. Drei Tage Vorstandsdiskussion, "Gespräche", wie sie das nennen. Sportchef Dietmar Beiersdorfer, kein Typ der vorschnellen Worte, spielte dabei eine Schlüsselrolle. Beiersdorfer ist ein vorsichtiger, besonnener Mensch. Ein Ruhepol im Fußballgewimmel, und manchem fällt es nicht ganz leicht, ihn richtig einzuordnen.

Er hat Spieler wie van Buyten ausgegraben, die erst beim HSV zu Stars aufstiegen. Nur im medialen Fegefeuer verkaufte sich Beiersdorfer nicht immer gut. Er gab stockende, keineswegs branchenübliche glatte Interviews. Fans und Vereinsobere waren entsetzt. Beiersdorfer spricht über solche Situationen im Existenzkampf ganz offen: "Einem Menschen wie mir gehen dann auch mal die Worte aus." Vor der Paukenschlagrunde überlegte er dann sehr lange und sehr gründlich. Und eines war klar: Wenn Doll geht, muss auch er gehen.

Ein bezauberndes Stück Fußballtheater im vorweihnachtlichen Nieselregen, und Beiersdorfer tat, was er tun musste. Er schloss die Front zwischen Spielern und Trainer hermetisch ab. Da mussten mindestens 100 Prozent Loyalität ran, zu dünn die Fäden. Das "Hamburger Abendblatt" titelte: "Gemeinsam - oder gar nicht."

Hoffmann sprach danach von einem "reinigenden Gewitter". Bis Bielefeld herrscht nun Waffenstillstand, und vielleicht währt dieser auch noch ein, zwei Spiele länger. Trainer und HSV-Führung geben sich zurzeit brüderlich, alle glauben an ihr Konzept, natürlich, sie wollen das jetzt gemeinsam durchziehen. Aber Doll musste einiges wegstecken. Er sei zu weich, besitze zu viel Spielernähe, krakeelten das Umfeld, die Presse. Schönrednerei und plumpe Durchhalteparolen wurden ihm vorgeworfen. Zack, die frische, nette, leichte Art des Thomas Doll geriet in die Kritik - man wollte auf einmal Härte statt Herz sehen.

Muss sich ein Trainer ändern? Kann er sich ändern? Hat er sich geändert? "Hoffentlich nicht", sagt Doll dazu. "Sonst hätte ich ja nur eine Rolle gespielt. Jeder hat seinen Stil, mein Stil ist Kommunikation." Auch Rafael van der Vaart, der Star im Team, bestätigt: "Er ist immer der gleiche Typ geblieben." Aber natürlich ist Doll auch nicht Doll geblieben. Als Trainer hat er die Schrauben angezogen. Bastian Reinhardt: "Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren schon mal so hart trainiert zu haben." Und beim Nachdenken über die Ausmaße der Situation und bei der Frage, ob er für sich etwas gelernt habe, wartet Doll mit seinen sonst flinken Antworten eine Sekunde länger. "O ja. Ich denke, dass ich da viele Sachen mit rausnehme. Ich werde meinen Umgang mit dem einen oder anderen ändern, ganz klar." Doll unterstreicht seine Sätze gern mit "das ist ganz klar", "natürlich", "aber ja". Es ist die Suche nach Glaubwürdigkeit in diesem Hexenkessel, vor den anderen, vor sich selbst. "Ich bin bei mir geblieben, das ist ganz wichtig, ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen."

Doll blättert gelegentlich mal im Buddhismus, nicht dogmatisch, nicht verbohrt. Er habe hin und wieder lediglich ein paar Sachen daraus mitgenommen. "Respekt, sich fallen lassen, den ganzen Unrat an sich vorbeischwimmen lassen."

Dass der Schleudersitz des Trainers noch nicht hochging und er selbst nicht die Faxen dicke hatte, liegt aber noch an etwas anderem, es ist der Faktor Liebe, in Hamburg nennen sie das: das Vereinslogo, die Raute, im Herzen tragen. Die Fans stehen noch immer mehrheitlich hinter Doll, zu groß seine früheren Taten beim HSV. Dem Boss Hoffmann wurde des Öfteren gesagt: "Wenn du ihn jetzt entlässt, reißen sie die AOL-Arena nieder."

Doll kam als Spieler aus dem Osten, von Hansa Rostock und Dynamo Berlin. Als Profi spielte er sich mit dem HSV von ganz unten nach ganz oben, von den Anhängern auf Händen getragen. Doll, der Star zum Anfassen, ohne Allüren, ohne Arroganz. Einer der Güteklasse Seeler, Kevin Keegan. Er macht nach Ende seiner Spielerkarriere den Trainerschein, er trainiert die Amateure beim HSV, und plötzlich der Raketenstart ins Rampenlicht der ersten Liga. Oktober 2004: Doll übernimmt das Profi-Team auf dem letzten Tabellenplatz und will eigentlich nur eine "Übergangslösung" sein. Was nun folgt, liest sich wie eine getunte Erfolgsstory. Mit Beiersdorfer wird ein neues Scouting-System aus dem Boden gestampft, es werden verkrustete Strukturen durchbrochen, auf einmal kommen Stimmung ins Stadion, neue Spieler, werdende Stars, ein van der Vaart, ein Boulahrouz. Dann die Siege. Doll saust mit dem HSV auf den dritten Platz, endlich raus aus der ewigen Mittelmäßigkeit. Champions League. Die Fans, der Klub - Hamburg ist im Rausch. Die Crew um Doll, Beiersdorfer und Hoffmann leistet drei Jahre exzellente Arbeit. Der HSV jagt Schalke, Bremen, Bayern, im Juli 2006 sagt Doll: "Wir wollen im Weltfußball anklopfen." Dann der Absturz.

Drei Jahre hart erkämpfte Aufholjagd - die in nur einer Saison vernichtet wären. Dazu dräut eine düstere Zukunft. Der Etat von 120 Millionen Euro müsste auf die Hälfte gekürzt werden, etwa 60 Arbeitsplätze wären im Verein in Gefahr. Große Stars dürften Hamburg dann fernbleiben, "wir werden uns im Sommer keine weiteren Toptransfers leisten können", sagt Hoffmann. Und Publikumsliebling van der Vaart wird kaum zu halten sein. Der Holländer hat alles andere vor, als in der Abstiegszone der Bundesliga rumzuhampeln, geschweige denn in der Zweitklassigkeit.

Ein Albtraum das alles, einer, der halb Hamburg erfassen würde. Der HSV ist eine Identifikationsstätte, ein Aushängeschild, mit ihm will sich die Stadt für Olympia 2016 bewerben - aber was ist schon ein Fischbrötchen ohne Fisch? Vor allem aber den drei Hauptdarstellern könnte ein Scheitern nachhaltig unter die Haut gehen. Für den Klubchef wäre es "der größte berufliche Misserfolg, den ich mir vorstellen kann". Der Abstieg würde am Schicksalstrio Hoffmann, Beiersdorfer, Doll kleben wie Teer. HBD - das Kürzel des Untergangs.

Am Ende werden die Tore alles entscheiden, die verfluchten Punkte. Doch so lange wird der immer freundliche Thomas Doll seine effektivste Waffe einsetzen: Er bleibt nett, beherrscht, auf dem Teppich. Immer. Demut, er weiß das genau, ist eine mächtige Tugend - seinen Kritikern nimmt er damit den Wind aus den Segeln.

Selbst am Wochenende, nach dem 0 : 2 im Testspiel gegen die Bayern, blieb der Motivator wieder Motivator. Er machte seine großen blauen Augen: "Gegen Bielefeld wird es ganz anders aussehen, davon bin ich überzeugt." Doll kann mitreißend lächeln. "Wenn ich durch dieses Tal gehe, werde ich gestärkt daraus hervorgehen."

Es könnte ein großer Sieg werden. Für ihn, die Spieler, seine Weggefährten. Ein erhabener Tanz im Treue-Jubel. Ja, dies zu schaffen, wäre sehr wichtig für ihn, sagt Doll. Aber nicht, um jemandem etwas zu beweisen. "Überhaupt nicht. Ich hege keinen Groll. Ich bin nicht nachtragend."

Nach einem derart herkulischen Triumph wäre es die Reaktion eines Weisen. Ein mildes Lächeln in der Fußballhölle. Es wäre wohl Buddhismus.

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