Trainerwechsel VfB Stuttgart "Ich bin der Chef"


"Trainer-Lehrling" Markus Babbel steigt zum Teamchef in Stuttgart auf. Die Ära des Meistermachers Armin Veh ging nach einer sportlichen Talfahrt zu Ende. Die Erneuerung des Kaders glückte Veh nicht, zuletzt wirkte er verschlossen und eigensinnig.
Von Oliver Trust, Stuttgart

Als der Neue nach seinem ersten Training im Schneetreiben am späten Sonntagvormittag um die Ecke bog, war der einstige Meistermacher Armin Veh als Cheftrainer entlassen und längst daheim in Augsburg. Und Markus Babbel verkündete, was die Führungsgremien beim VfB Stuttgart in der Nacht und am frühen Morgen beschlossen hatten. "Ich bin der Chef", sagte der ehemalige Nationalspieler, der vom Assistenten und "Trainer-Lehrling" nun zumindest vorübergehend zum Boss aufsteigt, vorerst aber als Teamchef geführt wird, weil ihm die nötige Trainerlizenz fehlt. Deshalb wird Rainer Widmayer, früher Amateurspieler des VfB und zuletzt als Assistent mit Krasimir Balakow bei diversen Vereinen - unter anderem beim Schweizer Klub FC St. Gallen - tätig, offiziell als Trainer fungieren. "Es ist ein Gefühl wie beim ersten Bundesligaspiel. Ich bin neugierig und sehr aufgeregt", sagte Babbel, der seit seinem Karriereende vor eineinhalb Jahren in Stuttgart als Assistent von Veh arbeitete. "Die Spieler wirkten blockiert, diese Blockade müssen wir auflösen. Glaube und Wille müssen wieder erkennbar sein", sagte der 36-Jährige. Neben Babbel saß bei der in aller Eile anberaumten Pressekonferenz Stuttgarts Manager Horst Heldt und sah blass aus. "Wir hatten das Gefühl, einen neuen Reiz setzen zu müssen. Babbel kennt die Mannschaft wie kein anderer", sagte Heldt. Armin Veh, der im Februar 2006 seinen Posten von Giovanni Trapattoni übernommen hatte und den VfB 2007 zur deutschen Meisterschaft führte, traute man nicht mehr zu, die sportliche Krise zu bewältigen. Veh wird sich noch bei Gelegenheit von seiner ehemaligen Mannschaft verabschieden, am Sonntag wollte er offenbar nur noch weg.

Nächtliches Krisengespräch

Noch in Wolfsburg nach dem ernüchternden 1:4 und auf dem langen Heimweg hatten sich Veh und Heldt darüber verständigt, später ein intensives Gespräch führen zu wollen. Das dauerte nach der Rückkehr nach Stuttgart mehr als drei Stunden, und man schlief nicht viel in dieser Nacht. "Wir waren in wichtigen Punkten unterschiedlicher Meinung", berichtete Heldt und meinte, die Unterhaltung sei mitunter sehr emotional abgelaufen. Nach knappen drei Stunden Schlaf steuerte Heldt dann aufs Klubzentrum zu, wo man sich gemeinsam mit Präsident Erwin Staudt und Sportdirektor Jochen Schneider noch mal mit Veh besprach und ihm die Entscheidung der Trennung mitteilte. Veh verließ noch vor neun Uhr am Morgen das Klubgelände, zog sich zurück und war nicht mehr erreichbar. "Wir haben drei Jahre sehr intensiv zusammen gearbeitet und das erfolgreich. Diese Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen", sagte Heldt. "Aber es gibt bis zur Winterpause noch wichtige Ziele zu verfolgen, deshalb haben wir den jetzigen Zeitpunkt für eine solche Entscheidung gewählt". Schon am Donnerstag wird Babbel als Teamchef in der Uefa-Cup-Partie in Genua auf der Bank sitzen. Widmayer wird am Montag zur Mannschaft stoßen. Ob Babbel nur eine Zwischenlösung bleibt, ließ Heldt offen. Und Babbel meinte: "Ich freue mich, dass der Verein mir das zutraut und denke jetzt erst einmal ans nächste Spiel. Für die Mannschaft war das alles auch ein kleiner Schock, jetzt müssen vor allem die älteren Spieler Flagge zeigen". Er sehe aber seine Zukunft in "dem Bereich".

Verschlossen und bedrückt

Die Trennung von Veh war das Ende einer sportlichen Talfahrt, die auch dazu führte, dass sich zwischen Manager Heldt, dem Verein und Veh eine immer größere Distanz entwickelte. Veh lehnte es stets ab, seine Spieler öffentlich an den Pranger zu stellen und galt vielen am Ende als zu verschlossen und eigensinnig, was seine Personalführung betraf. "Es gab unterschiedliche Ansichten, wie eine Mannschaft zu führen ist", meinte Heldt. Mehrfach hatte sich Veh über die zu hohe Erwartungshaltung im Verein beschwert und neues Personal gefordert. Im Klub drängte sich nach und nach der Eindruck auf, in einer Sackgasse gelandet zu sein. Veh galt zwar immer als profunder Fachmann mit viel Weitblick und Einfühlungsvermögen, wirkte aber immer öfter seltsam bedrückt und nach außen hin leidenschaftslos.

Auf die falschen Einkäufe gesetzt

Vergangenen Freitag hatte der gebürtige Augsburger dann die eigene Personalpolitik kritisiert und Fehler eingestanden. Veh hatte dabei auch namentlich Manager Heldt und Sportdirektor Jochen Schneider einbezogen. "Das hat keine Rolle gespielt", meinte Heldt, der zusammen mit Veh für zahlreiche "Fehleinkäufe" verantwortlich gemacht wurde. Seit Wochen wurde das Duo hart kritisiert. "Wir haben nicht die richtigen Leute geholt", sagte Veh. Und: "Dafür bluten wir jetzt alle zusammen". Vorerst hat es dabei allein ihn getroffen.

Weder die Millionen-Einkäufe wie Gledson, Yildiray Bastürk, noch Jan Simak oder Raphael Schäfer und Sergiu Radu, Ciprian Marica, Khalid Boulahrouz oder Ewerthon konnten die Erwartungen erfüllen. Nach dem Gewinn der Meisterschaft wollten Heldt und Veh für frischen Wind im Team sorgen und scheiterten. Für Heldt, der in den vergangenen Wochen mehr und mehr in die Rolle des Vereinsvertreters geschlüpft war, bleibt das vorerst ohne Konsequenzen. "Wenn es ein Alibi gegeben hat, dann gibt es jetzt keines mehr", meinte Heldt. Gelingt es den Schwaben als Elftem der Tabelle nicht, dem grauen Mittelmaß der Liga bald zu entfliehen, könnte auch Horst Heldt bald unter Druck geraten. Nach der Partie gegen Genua steht am kommenden Sonntag das Heimspiel gegen Schalke 04 auf dem Programm.


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