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Udo Lattek: Der streitlustige Meistertrainer

Früher sammelte Udo Lattek wie kaum ein anderer Trainer Titel und Pokale. Heute zittert regelmäßig die ganze Bundesliga vor seinen bissigen Kommentaren. Das soll auch mit 70 Jahren noch lange so bleiben.

Der 70. Geburtstag weckt bei Udo Lattek gemischte Gefühle. "Ich habe kein Problem mit dem Älterwerden, aber die Zahl 70 schreckt mich ein bisschen", bekennt der bis heute zu den erfolgreichsten Fußball-Trainern zählende gebürtige Ostpreuße. Jung geblieben ist er durch seine vitale Angriffslust als einer der Chefkritiker des deutschen Fußballs. "Ich habe das Lebensgefühl eines 50-Jährigen", sagt Lattek, der sich mit Tennisspielen, Radfahren und Skilanglauf fit hält.

Kein Rückzug ins ruhige Rentnerleben

Ans Aufhören als Kolumnist für Zeitungen und als Experte für das Deutsche Sportfernsehen (DSF) denkt er noch lange nicht. "Ich bin absolut noch nicht müde und möchte mindestens bis zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland weitermachen", kündigt der in Köln-Lövenich ansässige Lattek an. "18 Löcher Golf zu spielen, war mir immer zu wenig." Einige wird es freuen, andere, denen er mit seiner scharfen Kritik auf den Schlips getreten ist, werden es nicht gerne hören. Dass er immer wieder aneckt und selbst angeschossen wird, stört ihn aber nicht. "Ich habe oft auf die Schnauze bekommen, kann aber auch gut einstecken", meint Lattek, der aber auch zugibt: "Nach außen hin spiele ich den Knallharten, aber es ist nicht so."

Keinen Zweifel lässt er aufkommen, dass er sich bei seinen Äußerungen nicht von anderen beeinflussen lässt. Geld spielt dabei für ihn keine Rolle. "Ich bin nicht gezwungen, mich nach Regeln zu richten. Wenn ich etwas sage, ist das auch meine Meinung. Es ist aber manchmal sehr pointiert, um Gehör zu finden", gibt Lattek zu.

"Kein Anlass zur Euphorie"

Nichts auszusetzen hat er bislang an der Arbeit von Bundestrainer Jürgen Klinsmann. "Ich freue mich, dass er gleich Tabula rasa gemacht hat. Wie er losgelegt hat, war sehr ordentlich. Er geht konsequent seinen Weg und lässt sich nicht belatschern." Allerdings hält er nach den jüngsten Auftritten der deutschen Nationalmannschaft und der Bundesligisten im Europapokal Überschwang für nicht angebracht: "Es gibt keinen Anlass, euphorisch zu sein. Die Belastungsproben kommen noch." Dies gelte auch für die momentan hochgelobten "jungen Wilden" wie Robert Huth, Philipp Lahm, Lukas Podolski oder Per Mertesacker. "Der Jugend-Boom musste notgedrungen kommen, doch bis zur WM werden sicher wieder einige Alte auflaufen."

Abgetreten als Trainer ist Udo Lattek praktisch bereits 1988 als gerade 53-Jähriger. 15 Titel hatte er zwischen 1972 und 1987 gewonnen - in Deutschland war nur Ottmar Hitzfeld (16) erfolgreicher. Immerhin zehn dieser Trophäen (Meister 1972-74 und 1985-87, Pokalsieger 1971, 1984, 1986 sowie Europapokalsieger der Landesmeister 1974) gewann er mit dem FC Bayern München. Zwischen seinen beiden Engagements an der Isar, die er "als schönste Zeit, die hängen geblieben ist" bezeichnet, setzte er seine Erfolgsserie bei Borussia Mönchengladbach (1976 und 1977 Meister sowie 1979 UEFA-Pokalsieger) fort.

Rotes Tuch Bayer Leverkusen

Um den Leukämie-Tod seines damals 15 Jahre alten Sohnes Dirk zu verarbeiten, suchte Lattek die Herausforderung im Ausland beim FC Barcelona, den er 1982 zum Sieg im Europapokal führte. Ein wenige Monate dauerndes Kurzintermezzo bei Schalke 04 (1992/93) und die Rettung von Borussia Dortmund (2000) vor dem Bundesliga-Abstieg waren die letzten Stationen seiner Trainer-Laufbahn. Bei Verhandlungen um einen Einsatz als "Feuerwehrmann" beim in Abstiegsnot geratenen Renommierclub Bayer 04 Leverkusen (2002/2003) fühlte sich Lattek verschaukelt. "Gegenüber der Leverkusener Vereinsführung ist der Baron von Münchhausen ein Wahrheitsfanatiker", höhnte Lattek damals. Heute ist er froh über das geplatzte Engagement: "Das wäre nicht gut für mich gewesen."

Dreieinhalb Jahre nach der Entfernung eines Gehirntumors ist der Genuss am Leben sowieso das Wichtigste geworden. "Carpe diem, lebe den Tag, ist mein Ziel", so Lattek. Seinen Geburtstag wird er im engsten Familienkreis mit seiner Frau Hildegard und seinen Töchtern Sabine und Nadine feiern. "Nur ich weiß, wohin es geht", so Lattek.

Andreas Schirmer/DPA / DPA
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