FC Bayern Laptop-Coach statt Peitschenknall


Als der damalige Nationaltrainer Jürgen Klinsmann sein DFB-Reformprojekt vor der WM 2006 durchboxte, lästerten die Bayern-Macher noch. Nun wird Klinsmann im Sommer Bayern-Coach - und ein freiwilliger Abzug der alten Riege deutet sich an.
Von Martin Sonnleitner

Die Geschichte des modernen FC Bayern München beginnt 1971 mit der Reise zweier Visionäre. Die beiden Freunde Uli Hoeneß und Paul Breitner, Jungstars bei den Münchnern, besuchten die USA und hatten ein Ahaerlebnis, das weitreichende Folgen haben und den deutschen Profi-Fußball nachhaltig modernisieren sollte.

Die knapp 20-jährigen Feuerköpfe bekamen mit, dass in den Staaten längst die Vermarktung des Berufssports begonnen hatte. Schnell wurde ihnen klar, dass diese auch in Deutschland kommen musste, schließlich galt das US-amerikanische Sportwesen als protagonistisch, auf zehn Jahre zeitlicher Vorsprung wurde die Professionalisierung der drei größten Sportarten dort, American Football, Basketball und Baseball, damals geschätzt.

Mit der Implantierung des neuen Bayern-Trainers Jürgen Klinsmann, Wahl-Amerikaner und bewährter Modernisierer verkrusteter Strukturen, scheint sich dieser Kreis knapp 40 Jahre später zu schließen. 2010 will Hoeneß, seit 1979 Bayern-Manager, in den Aufsichtsrat wechseln. Die für alle Beteiligten hochriskante Inthronisierung des umtriebigen Klinsmann lässt also nur den Schluss zu, dass der Bayern-Vorstand um Hoeneß bereit ist, den Verein in neues Fahrwasser zu führen und dabei eine gleichzeitige Entmachtung in Kauf zu nehmen. "Es wird definitiv einen Wandel in der Unternehmenskultur geben", prognostiziert der renommierte Wirtschaftsprofessor Bernd Frick.

Welche Rolle nahmen die Trainer in den vergangenen vier Jahrzehnten stolzer Historie des deutschen Rekordmeisters ein? In welche Ahnengalerie ist Klinsmann einzuordnen? Gab es Paradigmenwechsel oder gar Quantensprünge ähnlicher Größenordnung wie die nun anzunehmende?

"Bin ich Trainer mit Worten, mit Herzen"

"Hopp, Jungs, wir playen Futball", waren Tschik Cajkovskis Worte, als er 1963 sein erstes Training beim Süd-Regionalligisten FC Bayern führte. Zwei Jahre später hatte er das Team in die Bundesliga gehievt, 1967 gewannen die Münchner zum ersten Mal einen europäischen Titel, den Europapokal der Pokalsieger. Auch wenn Cajkovski kein Taktik-Apologet war, entwickelte sich in den frühen Bundesliga-Jahren der Bayern ein offensiver Hurra-Stil, der sich auch im Durchschnittsalter von rund 21 Jahren manifestierte. "Bin ich Trainer mit Worten, mit Herzen, nicht mit Peitsche", lautete das undogmatische Credo des pummeligen Jugoslawen, dessen Verdienst es war, spätere Größen wie Beckenbauer, Maier und Müller in die erste Mannschaft integriert und ältere, noch im Dritten Reich sozialisierte Spieler aussortiert zu haben.

Wo Cajkovski noch mit markigen Sprüchen den Gute-Laune-Onkel gab ("Kleines, dickes Müller"), wurde mit Branko Zebec 1968 ein Trainer installiert, dessen primäre Tugenden Strenge, Unnahbarkeit und auch Zynismus waren. In der Summe war Zebec jener Trainer, der als Prototyp des Genres "harter Hund" galt, der mit seinen brachialen Methoden aber immer Erfolg hatte und gerade die anfällige Defensive der Bayern konsequent stabilisierte. Die Münchner wurden gleich in der ersten Saison unter dem jugoslawischen Zuchtmeister Deutscher Meister und sollten fortan die Bundesliga dominieren. Zebec' Demission im März 1970 war einem internen Machtkampf geschuldet, der schon die neuen Zeiten andeutete. Der junge Starakteur und Nationalspieler Franz Beckenbauer war unter der Ägide des umtriebigen Bayern-Managers Robert Schwan zum ersten deutschen Fußball-Werbestar avanciert. Schwans und Beckenbauers Masterplan zeigte sich konträr zu Zebec' anachronistischen Methoden eine Mannschaft zu führen.

Himmelsstürmer und Zauberlehrlinge

Es folgte eine Ära, die den Ruf des FC Bayern als Weltverein bis heute prägt. Der junge DFB-Trainer Udo Lattek übernahm das Zepter und führte die Bayern in den folgenden fünf Jahren zu drei weiteren deutschen Meistertiteln und einem Sieg im Europapokal der Landesmeister. Lattek wurde zu Beginn des Jahres 1975 von Dettmar Cramer abgelöst, mit dem der Klub zwei weitere europäische Landesmeistertitel gewann. Bis zu diesem Zeitpunkt wird eine ungeheure Kontinuität der Vereinspolitik, auch in der Trainerfrage deutlich.

Waren es mit Cajkovski und Zebec zwei Jugoslawen, die in den fünfziger Jahren mit der jugoslawischen Nationalmannschaft brillierten und somit osteuropäisches Fußballwissen transferierten, heuerte man danach zwei gestandene DFB-Trainer an. Cramer war gar Anfang der sechziger Jahre als Coach der Jugendnationalmannschaft mit der expliziten Betreuung des Rohdiamanten Beckenbauer betraut. Lattek wiederum brachte 1970 die kurze Zeit später von der Presse zu "Himmelsstürmern" und "Zauberlehrlingen" hoch gejazzten Juniorennationalspieler Paul Breitner und Uli Hoeneß mit an die Säbener Straße. Doch zwischen 1975 und 1977 moderte der FCB in der Liga zwischen Baum und Borke, ein lähmender Reformstau hatte sich breit gemacht, die taufrischen Fohlen von Borussia Mönchengladbach feierten drei Meistertitel nacheinander und unterbrachen die Bayern-Herrschaft.

Aufbruch in die Moderne

Zu Beginn 1978 startete die erste gelungene Revolte, in deren Folge sich der moderne FC Bayern, wie er heute im Kern immer noch besteht, gestaltete. Beckenbauer hatte den FCB gen USA verlassen, der Ungar Gyula Lorant war Ende 1977 Trainer geworden. Sein Pech war das Machtstreben der zu Alpha-Männchen gereiften Hoeneß und Breitner, die mittlerweile bestens mit den Strukturen des überholten Bayern-Systems vertraut waren. Der schon 1974 wegen der bestehenden Hierarchien in Unfrieden geschiedene Breitner war an die Isar zurückgekehrt und unkte unumwunden: "Lorant fehlen die fachlichen Voraussetzungen." Die Degradierung des durch eine chronische Verletzung zurückgeworfenen Hoeneß auf die Bank rächte sich hingegen dergestalt, dass dieser nur ein Jahr später als erst 27 Jahre alter Jungmanager ins Geschehen drängte, während Lorant schon einige Monate zuvor von seinem Assistenten und Landsmann Pal Csernai ersetzt worden war. Der stille Stratege Csernai galt zwar ebenfalls nicht als sonderlich beliebt im Team, konnte sich aber in einer mannschaftsinternen Kampfabstimmung gegen den als Trainer-Berserker verschrienen Max Merkel durchsetzen. Folge des Spieleraufstands war die Demission des seit 1962 im Amt weilenden Präsidenten und Merkel-Befürworters Wilhelm Neudecker.

Es war eine Episode des Umbruchs, in deren Zeichen zwar zwei Meistertitel standen, die wirkliche Konsolidierung, gerade auch in finanzieller Hinsicht, setzte aber erst wieder ein, als Udo Lattek 1983 abermals für vier Jahre das Zepter übernahm. Sein Nachfolger Jupp Heynckes blieb ebenso lange im Amt. Somit gilt die Zeit zwischen 1983 und 1991 als Ära, an deren Ende fünf deutsche Meistertitel zu Buche schlugen. Diese Phase war der Grundstock der heutigen Marke FC Bayern und seiner Etablierung als Branchenprimus in der Bundesliga.

Aktionismus statt Strategie

Dieses Glanzjahrzehnt zum Maßstab genommen, erscheint die Epoche bis zur Inthronisierung Ottmar Hitzfelds im Jahre 1998 unter dem Stigma des personalpolitischen Hickhack-Kurses. Auch wenn so hochkarätige Trainer-Koryphäen wie Giovanni Trapattoni und Otto Rehhagel Mitte der neunziger Jahre das Zepter bei den Bayern schwangen, ihren Stempel konnten sie diesem stolzen Klub nicht aufdrücken, ebenso wenig wie der beratungsresistente Felix Magath, der trotz zweier Meisterschaften, 2005 und 2006, die Koffer packen musste. Doch auch die Bayern-Granden in der Vereinsführung haben während der vergangenen anderthalb Jahrzehnte Verwundbarkeit offenbart und Federn gelassen. "In dieser Zeit wurde dreimal ein Trainer, der schon einmal im Amt war, zurückgeholt", erkennt Unternehmensforscher Frick "ein merkwürdiges Muster, das eher Aktionismus als Strategie erkennen lässt."

Dies führte wohl zur Erkenntnis, neue Wege beschreiten zu müssen. Die Ära Hitzfeld war somit das letzte Kapitel eines Zeitalters, das nun definitiv vor dem Ende steht. Dass die anachronistischen Strukturen mit einem Mann als Hauptverantwortlichen nicht mehr greifen, zeigt das Scheitern Hitzfelds in seiner zweiten Amtszeit. "Es ist obsolet, alle Machtfülle unter einer Schädeldecke zu vereinen", analysiert Frick. Auch wenn er das Prinzip altbewährter Hierarchien reformistisch interpretiert hat, steht der "General" doch in einer Ahnengalerie mit den Trainern Zebec oder Cramer, die sie "Caesar" respektive "Napoleon" nannten.

Neue Visionen

Ein Name für das Unternehmen Klinsmann muss erst noch gefunden werden. Schon jetzt ist klar, dass dieser sich selbst nicht als Ein-Mann-Unternehmen interpretiert. So wird jetzt schon spekuliert, wer neben einem mächtigen Co-Trainer noch alles in den Stab aufgenommen wird. "Vielleicht kann man mich wirklich Projektleiter nennen", hatte Klinsmann unmittelbar vor der WM gesagt. Was wurde nicht alles geschrieben über sein amerikanisches Fitnessteam, den Sportpsychologen und die nach dem "Anything-Goes"-Prinzip entfaltete Motivationsschule. Auf der anderen Seite stehen die angezählten Bayern-Bosse, die von der meinungsstarken "Bild"-Zeitung schon als wirkliches Problem für den Reformstau ausgemacht wurden. Hoeneß wird dies vernommen haben. Er hofft auf einen weichen Abgang und auf den schmerzfreien Übertritt in eine neue Zeitrechnung. "Es hat mich zwar auch überrascht, dass Klinsmann seine einst schärfsten Kritiker von seinem Modell hat überzeugen können", gesteht Frick, räumt aber ein, dass es letztlich egal sei, "ob jemand ein erfahrener Trainer ist oder ein Organisationstalent, es zählt der Erfolg".

Wer die Mannschaftsfotos der aktuellen Bundesligamannschaften betrachtet, dem fällt der Tross der Betreuerstäbe auf. Der Chefcoach wird zunehmend zum Verwalter eines Teams hinter dem Team. Dieses Prinzip kommt aus den USA und hat sich dort längst etabliert. "Es ist zwar teuer, aber ein innovativer Weg, den man von jedem modernen Manager erwartet", sagt Frick. Insofern kann sich Hoeneß getrost zurücklehnen und an seine schöne Reise von 1971 zurückdenken. Der neue Visionär aus den USA ist im Anmarsch.


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