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Champions League: Messi und das Trauma: Warum der FC Barcelona gegen Liverpool scheiterte

Der FC Barcelona hat sich im Champions-League-Halbfinale gegen Liverpool bis auf die Knochen blamiert. Trotz eines 0:3- Sieges im Hinspiel verlor er das Rückspiel auf der Insel mit 0:4 - das hat verschiedene Ursachen.

Anfield war an diesem Abend zu groß für Messi und den FC Barcelona

Anfield war an diesem Abend zu groß für Messi und den FC Barcelona

Getty Images

Nach dem Fiasko gegen den FC Liverpool hat die spanische Presse mächtig auf den FC Barcelona eingeprügelt. Die beeindruckendste Metapher, um die blamable 0:4-Niederlage an der Anfield Road zu beschreiben, fand die Sportzeitung "AS": "Anfield (Liverpool) hat ein zitterndes Barça plattgemacht wie eine Kakerlake", schreibt das Blatt aus Madrid über die Niederlage, mit der das Team von Ernesto Valverde einen 3:0-Vorsprung aus dem Hinspiel verspielte und den Einzug in das Finale verpasste.

Die Wortwahl mag drastisch sein, aber sie drückt das, was sich am Abend im Stadion des FC Liverpool abspielte, wahrscheinlich am besten aus. Jürgen Klopps Liverpool demütigte das Team um Lionel Messi und man kann davon ausgehen, dass sich die Barca-Profis tatsächlich wie zertretende Küchenschaben fühlten, als sie in der Kabine saßen.

Der FC Barcelona ergab sich in sein Schicksal

Schon während der 90 Minuten zuvor auf dem Platz machte die Mannschaft einen merkwürdigen Eindruck. Das frühe 0:1 steckte sie noch gut weg. Phasenweise hatte Barcelona die Partie in der ersten Halbzeit sogar im Griff. Sie verteidigte wie im Hinspiel klug und war in der Offensive zielstrebiger und präziser als Liverpool. Nur ein überragender Alisson Becker im Tor der Engländer verhinderte, dass Barcelona den Ausgleich schoss. Doch nach der Pause war die Konzentration weg, Barcelona verteidigte gegen leidenschaftlich spielende Liverpooler dilettantisch und kassierte innerhalb von 60 Sekunden zwei Gegentreffer.

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Es war ein Einbruch, wie man ihn auf diesem Niveau selten erlebt. Spätestens von diesem Zeitpunkt an war in den Gesichtern der Barca-Profis wie auch in den Gesichtern der mitgereisten Fans abzulesen, dass sie dass heraufziehende Unglück zwar sahen, aber absolut keine Idee hatten, wie sie es verhindern sollten. Selbst der sonst so selbstbewusst und provozierend auftretende Luis Suarez wirkte überfordert und hilflos, Messi machte nur noch große Augen. Der geniale Superstar setzte zwar ein paar Sololäufe an, die aber alle in einem Knäul von Gegenspielern versandeten.

Die gesamte Mannschaft wirkte mental gelähmt. Der groteske Tiefpunkt war der Eckball-Trick, als der 20 Jahre alte Trent Alexander-Arnold die gesamte Abwehr des FC Barcelona vorführte wie eine Kindermannschaft, und Divock Origi durch sein Tor zum 4:0 das Scheitern der Katalanen endgültig besiegelte. "Sie haben uns einfach überrollt," sagte Trainer Valverde. Mittelfeldspieler Sergio Busquets bat nach der Partie um Vergebung: "Ich entschuldige mich bei den Fans, weil es uns nach Rom schon wieder passiert ist", sagte er, "das ist sehr hart."

Schon vor einem Jahr war der FC Barcelona in einer ähnlichen Situation gescheitert. Im Viertelfinale war auf einen 4:1-Sieg gegen AS Rom eine 0:3-Niederlage im Rückspiel gefolgt - nun also wieder. 

Es gibt sicherlich mehrere Ursachen, warum diese große und erfahrende Mannschaft in zwei Jahren hintereinander dermaßen einbricht und sich blamiert. Einer davon: Wenn alles um Messi herum wegbricht, kann auch er nicht mehr richten. Das ist zumindest eine Lehre aus diesem Spiel. Im Hinspiel war der Argentinier noch der gefeierte Spieler, zwei Tore hatte er selbst erzielt, eines durch einen traumhaften Freistoß direkt in den Winkel. Messi zeigte eine seiner überirdischen Leistungen, die Lobeshymnen auf ihn waren voller sich selbst überbietender Superlative. Jetzt, im Rückspiel, wirkte der Außerirdische auf einmal wieder ganz menschlich. Vielleicht auch, weil sich seine Mitspieler an ihn klammern, wenn es nicht läuft, und alle Verantwortung auf ihn abwälzen.

Offenbar ist aber auch, dass der Star sich wohl fühlen muss. Im heimischen Camp Nou spielt er in der Champions League regelmäßig groß auf, dort hat er ein Publikum, dass ihn bedingungslos verehrt. Dort kann er seine Mitspieler mitreißen. Vor einer beeindruckenden Kulisse wie an der Anfield Road kann auch ein Messi auf Normalgröße schrumpfen.

Ernesto Valverde hat keine Zukunft bei Barca

Der FC Barcelona besteht natürlich nicht aus Messi allein, aber es gab keinen anderen Spieler, der die nötigen Impulse für eine Gegenwehr setzte. Wo waren andere Größen wie Gerad Piquet, Jordi Alba, Sergio Busquets oder Philippe Coutinho? Vielleicht gehört auch eine gewisse Sattheit zu den Ursachen für den Einbruch. Liverpool ist ein hungrige Mannschaft, die nach Titeln lechzt, während Barcelona eine Meisterschaft nach der anderen gewinnt. Und viele Spieler haben die Champions League schon mehrmals gewonnen, wie zum Beispiel Messi oder Piquet, die den Henkelpott vier Mal in Händen hielten.

Und dann ist da die Frage nach dem Trainer Ernesto Valverde. Offenbar war er nicht in der Lage, sein Team auf ein Worst-Case-Szenario einzuschwören. Oder eine satte Truppe auf allerhöchstem Niveau zu motivieren. Als es nicht lief gegen Liverpool, gab es keinen Plan B. Die Wahrscheinlichkeit, dass Valverde in der nächsten Saison seinen Job behält, sind eher gering, obwohl sein Vertrag erst im Februar um ein Jahr verlängert wurde. Aber ein Barcelona-Trainer, dessen Mannschaft zwei Jahre in Folge in der Champions League kläglich scheitert, hat keine Zukunft. Schon im Vorjahr war er nach dem Aus gegen Rom knapp an einer Entlassung vorbeigeschrammt. Es nützt ihm auch nicht, dass er die Mannschaft in dieser Saison vermutlich erneut zum nationale Double führt.

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