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Niederlande: Im Nostalgie-Trikot endlich Weltmeister werden

Wenn die Niederlande im Sommer in Deutschland Fußball-Weltmeister werden, hat dann die tief verwurzelte Rivalität zwischen beiden Mannschaften ein Ende? Der Journalist und Buchautor Auke Kok muss lange überlegen. "Ich glaube nicht", sagt er dann.

"Nach der ersten Euphorie werden wir wieder denken, dass das schon 1974 hätte sein müssen." Das 1974 in München mit 1:2 verlorene WM-Endspiel gegen die Bundesrepublik kann ein niederländischer Fußballfan nicht vergessen. "Wir haben immer noch das Gefühl, etwas gutmachen zu müssen", glaubt Kok, der die Fußballbeziehungen zwischen beiden Ländern kennt wie kaum ein anderer. Er hat ein ganzes Buch ("1974 - wir waren die besten") über dieses Spiel geschrieben, dessen Ausgang die Niederländer als extrem ungerecht empfanden - derweil sie nach Koks ausgiebigen Recherchen schlicht schlecht vorbereitet waren.

Der heutige Nationaltrainer Marco van Basten spielte mit, als Oranje Revanche nahm. Im Halbfinale der Europameisterschaft 1988 schoss er in Hamburg in der 89. Minute den Siegtreffer zum 2:1 gegen die Deutschen. Millionen Niederländer gingen freudetrunken auf die Straße. "Endlich Rache", triumphierte der "Telegraaf".

"Manchmal halten sogar die friedlichen Fans die Randalierer in Schach."

Den Fans von heute seien solche Gefühle fremd, versichert Lloyd Vandenberg, der Vorsitzende des offiziellen Oranje-Fanclubs. Seine 60.000 Mitglieder starke Fußballgemeinde zählt zu den friedlichsten Europas - im Gegensatz zu den gewalttätigen Anhängern von Vereinen wie Ajax Amsterdam oder Feyenoord Rotterdam, die jetzt gegenseitiges Stadionverbot haben.

Zwar kann nicht völlig verhindert werden, dass niederländische Krawallmacher zur WM reisen. "Aber ich erwarte keine Probleme", sagt Vandenberg zuversichtlich. "Manchmal halten sogar die friedlichen Fans die Randalierer in Schach." In allen WM-Städten hat er schon mit Polizei und Stadtverwaltung vorbereitet, wie und wo seine Leute sich versammeln können. Immerhin 10.000 bis 15.000 Fans pro Spiel erwartet er - doch höchstens 4000 Karten wird es jeweils geben, bedauert er.

"Noch nicht reif für die WM"

Auch ein cooler Denker wie van Basten dürfte sich von erregten Emotionen kaum leiten lassen, wenn er am 6. Juni in Hinterzarten das erste WM-Quartier bezieht. Seit der 58-malige Nationalspieler Ende Juni 2004 das Oranje-Ruder übernahm, läuft es mit der "Elftal" bestens. Zehn Spiele lang blieb man ohne Niederlage, bis im November 2005 Italien mit einem 3:1-Sieg ausgerechnet in Amsterdam die Erfolgsserie beendete. "Noch nicht reif für die WM", kommentierten erfahrene Spieler wie Phillip Cocu.

Aber van Basten blieb ruhig, bis zur WM war und ist noch Zeit. Er hat noch vier Vorbereitungsspiele und zwei Wochen Trainingslager, um seine Mannen zusammenzuschweißen. Star-Allüren und Ego-Trips hat er längst abgestellt. "Die gemeinsame Begeisterung ist großartig", weiß der Kenner Kok, der für sein neues Buch ("Unsere Jungens") mit fast allen Spielern ausführlich gesprochen hat. "Marco war für sie alle der Jugendheld, sie folgen ihm in großer Eintracht."

Ein "bleischweres Los", so schrieben Kommentatoren, traf die Niederländer bei der Zusammenstellung der Vorrundengruppen. Van Basten findet die Gruppe nur "interessant". Seine Elf trifft auf Serbien-Montenegro, die Elfenbeinküste und den Mitfavoriten dieser WM, Argentinien. Auf diesen Gegner freuen sich eigentlich nur Kronprinz Willem-Alexander und dessen argentinische Frau Màxima.

"Ein Sieg über Deutschland ist immer das Größte"

Der Rest der fußballbegeisterten Niederländer wünscht sich, dass Oranje in der Höhle des Löwen den Löwen selbst besiegt: "Ein Sieg über Deutschland ist immer das Größte, am besten natürlich im Finale" - da ist sich Autor Kok mit Millionen Landsleuten einig. Ein Sieg aber, das gilt als Ehrensache, muss mit gutem, intelligentem und schönem Fußball errungen werden. Die Niederländer, meint Kok, zeigen gern, dass sie es besser wissen und können. Auf den am Endergebnis orientierten deutschen Kampfgeist seien sie aber ein wenig neidisch.

Ein wichtiges Thema kann Oranje bereits abhaken: Die Kleiderfrage ist beantwortet. Zu auffällig langen Hosen trägt der niederländische WM-Profi Nostalgie-Trikots. Das eine ist orange, hat einen Kragen und wurde im Original 1959 beim 9:1 gegen Belgien zur Aufführung gebracht. Das andere ist weiß mit einem Streifen in den Nationalfarben rot-weiß-blau und wurde sogar schon 1905 getragen. In diesem altmodischen Outfit will van Bastens Team mit modernem Spiel den WM-Pokal holen.

Thomas P. Spieker/DPA / DPA

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