Fußball-Presseschau Zähe Abnutzungsschlacht starrer Systeme


Kroatien und der Türkei wird ein feuriges Temperament zugeschrieben. Im Viertelfinale war aber nur Langeweile zu sehen - bis auf den spannenden Schluss. Ebenfalls immer noch heiß diskutiert: der System- und Personalwechsel bei Halbfinalist Deutschland. stern.de und "indirekter freistoß" blicken in die Gazetten.

Thomas Renggli ("Neue Zürcher Zeitung") schreibt über Türkeis Sieg gegen Kroatien: "Es war eine aufwühlende Abnützungsschlacht, die das Publikum im randvollen Ernst-Happel-Stadion zu sehen bekam. Und es war das Duell zweier Mannschaften, die keinen Zentimeter von ihrer taktischen Richtlinie abrückten, so das ganz große Spektakel zwar verhinderten, aber den Rahmen zum ersten echten Drama dieser EM lieferten. Hier die Kroaten, die ihre spielerischen Vorteile mit einer dosierten Vorwärtsstrategie suchten, ein deutliches Chancenplus besaßen, aber in der Schlussphase mit ihrem Latein (und den Kräften) am Ende waren, da die Türken, die mit dem Zementmischer aufgefahren waren und erst in der Verlängerung ans Toreschießen zu denken begannen. Das führte in der Schlussphase der Overtime zur Kulmination der Ereignisse."

In der "Süddeutschen Zeitung" heißt es: "Beiden Mannschaften wird ja ein feuriges Temperament zugeschrieben, doch wer einen hitzigen Schlagabtausch erwartet hatte um die jeweils erste Halbfinalteilnahme überhaupt bei einer EM, der lehnte sich zunächst eher gelangweilt zurück. Zahlreiche kleine Fouls und nicht weniger Missverständnisse nahmen der Partie das Tempo; ohnehin waren beide Teams merklich darauf bedacht, mit ruhigem Aufbau irgendwie der eigenen Nerven Herr zu werden und möglichst den entscheidenden Fehler zu meiden. (…) Es war das zähe Duell zweier statischer Systeme. Sorgenvoll werden Joachim Löws Männer nicht ins Bett gegangen sein, denn die am Ende überglücklichen Türken dürften sie mit ihrer eher tristen Leistung kaum beeindruckt haben."

Benjamin Steffen ("Neue Zürcher Zeitung")

beschreibt die exakte und kluge Linie des holländischen Trainers: "Pünktlich zur Euro-Vorbereitung stülpte Marco van Basten der Mannschaft ein neues System über. Er verabschiedete sich endgültig vom legendären niederländischen 4:3:3-Konzept, gruppierte die Feldspieler im 4:2:3:1 - und verbot freilich weder dem rechten noch dem linken Mittelfeldspieler, die Offensive zu suchen. Nostalgiker wähnten sich, endlich, in der niederländischen Vergangenheit, die nach bedingungslosem Angriff strebte. Allein - die klaren Siege gegen Italien und Frankreich basierten eher auf van Bastens Cleverness als auf offensiver Kompromisslosigkeit. In beiden Partien erkannten die Niederländer rasch die Schwächen des Gegners und gingen nach einem stehenden Ball in Führung, woraus sie später mit Lehrbuch-Kontern Profit zogen. Als van Basten gegen Frankreich zur Pause beim Stand von 1:0 den Flügelstürmer Robben für den defensiven Mittelfeldspieler Engelaar einwechselte, verwirrte dies Feind und Fan. Die Niederlande führt doch? Warum sucht van Basten die Offensive? In Wirklichkeit gingen mit diesem Trick eine defensivere Ausrichtung und der Fokus auf rasche Gegenstöße einher."

Ronny Blaschke ("Süddeutsche Zeitung") schildert den Wandel und die Öffnung des russischen Fußballs: "Das System wirkt wie eine geschlossene Gesellschaft, doch der Fluss des Geldes hat ausländische Profis angelockt. Funktionäre behaupten, die russische Liga sei die fünftstärkste Europas - was die Finanzkraft betrifft. Mittlerweile haben die Würdenträger eingesehen, dass sie dieses Feld am besten von Koryphäen der Konkurrenz bestellen lassen. Guus Hiddink hat den Russen ein holländisches Kostüm übergezogen und Diven wie Stürmer Arschawin auf dem Rasen den Egoismus ausgetrieben. Mit wenigen Pässen soll sich das Team nach vorn bewegen. Guus Hiddink ist das nicht genug. Er würde das Riesenreich am liebsten in eine gigantische Ajax-Schule verwandeln, nach dem Vorbild der Talentförderung aus Amsterdam."

Raphael Honigstein ("Financial Times Deutschland")

unterstreicht die Robustheit der schönen Spanier: "Spaniens Kurzpassfußball ist allenfalls auf den ersten, oberflächlichen Blick selbstverliebt. In Wirklichkeit wissen sie ihn taktisch exzellent einzusetzen. Sie werden auf spanische Art Italien sein: ein defensiv spielendes Team; ohne dass die meisten Zuschauer merken werden, wie defensiv sie spielen. Denn sie werden weiter schön passen, aber die meiste Zeit nur hin und her, um den Ball vor den Italienern zu schützen, und dann ihren Kontern vertrauen. Es gibt gute Gründe, dass Spanien ausscheidet - aber nicht, weil sie immer im Viertelfinale scheitern, sondern weil dieses Italien ein exzellenter Gegner ist, der gerade rollt. Es gibt aber fast genauso viele Argumente, warum Spanien es diesmal schaffen könnte. Diese Elf ist schlichtweg besser als ihre Ahnen. Trainer Luis Aragonés hat nach Anfangsjahren der ewigen Experimente ein Team geschaffen, das seinen Kurzpassstil variabel und mit Automatismen spielt. Keine Elf bei der EM ließ weniger Torchancen zu, keine Elf hat einen Angriff wie David Villa und Fernando Torres, Engel des eiskalten Lächelns."

Dirk Schümer ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") schildert die Sorgen und Nöte Roberto Donadonis: "Italien, traditionell eines der defensivstärksten Teams der Welt, hat nurmehr fünf gesunde Spieler für die Hintermannschaft. Einzig noch mögliche Einwechslung im Defensivverbund ist Marco Materazzi, der derzeit seiner Form und seinen Gegenspielern hinterherläuft und sich nach desaströsen Kritiken nach dem Holland-Spiel beleidigt von der Mannschaft isoliert haben soll. Roberto Donadoni dürfte, abgesehen von der Freude über seinen Weltklassetorwart Gigi Buffon, über die unerwartete Abwehrschwäche länger ins Grübeln kommen, hätte er nicht vorne ein noch gravierenderes Problem: Italien ist von allen Qualifizierten mit den wenigsten Toren, nämlich drei, ins Viertelfinale eingerückt. Spanien hat zum Vergleich acht Treffer erzielt; David Villa lässt mit vier Toren den gesamten Kader Italiens hinter sich. (…) Donadoni wirkt mit seinem amputierten Kader wie ein junger Chefkoch, der aus kargen Resten im Kühlschrank ein Sternemenü zaubern muss. Mit dem Rezept dafür hat er - ohne einen Anflug von Langeweile - alle Hände voll zu tun."

Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung) bescheinigt dem Bundestrainer, kritische Bewährungsproben gemeistert zu haben: "Nach Franz Beckenbauer, Rudi Völler und Jürgen Klinsmann hat nun auch Joachim Löw bei seinem ersten großen Turnier die Erfahrung gemacht, dass er sich unter dem Erwartungsdruck manchmal kaum mehr wiedererkennt. Dieses Erlebnis und diese Erkenntnis sind für Löw, der in der Vorbereitung allzu lange nur aus der Kühle des Taktiklabors kam, allerdings ein unschätzbarer Gewinn. Er hat mit dem spektakulären Sieg gegen Portugal und seinem Mut zur Veränderung nach turbulenten Tagen eine Prägung erfahren, die für den weiteren Turnierverlauf und seine Karriere als Bundestrainer von großer Bedeutung sein dürfte. Löw hat innerhalb von acht Tagen in die Tiefen und die Abgründe geschaut, die das höchste deutsche Fußballamt bereithält, wenn die Erwartungen und Hoffnungen einer Fußballnation enttäuscht zu werden drohen. Er hat all das überstanden und den Sieg gegen Portugal damit auch in einen ganz persönlichen Triumph verwandelt. Er hatte den Mut und die Kraft, sich und seinen Weg an wichtigen Stellen zu ändern, ohne dabei von seiner sportlichen Linie grundsätzlich abzuweichen. Das ist für Löw ein weit größerer Gewinn, als es ein Weg ohne Hindernisse bis ins Halbfinale gewesen wäre."

Auch Jan Christian Müller (Frankfurter Rundschau)

macht einen Lernzuwachs aus: "Seit Joachim Löw mit Urs Siegenthaler für die taktische Ausrichtung der Nationalmannschaft verantwortlich ist, hat Deutschland unbeirrbar mit zwei Stürmern angegriffen. Sämtliche über vier Jahre eingeübten Mechanismen beruhten auf diesem System. Siegenthaler und Löw haben ihre Doktrin über Nacht aufgegeben, um einer zuvor verunsicherten Mannschaft Fußwerkzeug für ihre Defensive zu reichen. Das war eine kühne Entscheidung. Denn wäre die in nur einer einzigen Trainingseinheit eingeübte Taktik nicht aufgegangen, wären den beiden Gesinnungsgenossen der Verrat an den eigenen Idealen vorgeworfen worden. Aber offenbar ist es ihnen gelungen, den Spielern die Neuausrichtung verständlich zu machen. Man darf gespannt sein, was die gegen Kroatien und Österreich noch taktisch tapsigen Löw und Siegenthaler nun fürs anstehende Halbfinale aushecken."

Markus Völker (tageszeitung)

spekuliert über eine Einflussnahme des Kapitäns (was einer Machtprobe gleichkäme): "Das neue 4-2-3-1-System war Grundlage des Sieges, aber woher kam die Neuerung; womöglich sogar vom Kapitän und Siegtorschützen höchstselbst? Darüber darf spekuliert werden, tauchte es doch bereits vorm Spiel in Bild auf und auch auf der ZDF-Taktiktafel Toni Schumachers. Steckte Ballack hinter diesen Indiskretionen? Wollte er damit den Druck aufs Trainerteam erhöhen? Sollten sie, Joachim Löw und Hansi Flick, gar nicht mehr anders können, als dem Wunsch des Chelsea-Spielers zu folgen? Fest steht jedenfalls: Im Vergleich zum WM-Turnier, das von einem kontrollsüchtigen und machtbewusstem Jürgen Klinsmann geprägt wurde, ist dieses Trainerteam schwächer. Das kommt Ballack zugute, der in England zum internationalen Star gereift ist. Damals, am Beginn des Sommermärchens, konnte man noch sehen, dass Klinsmann gegenüber Ballack das letzte Wort hatte: Es ging seinerzeit um ‚die Wade der Nation'. Ballack hatte Bild Informationen über den maladen Muskel gesteckt, und das passte Klinsmann gar nicht. Der ‚Capitano' wurde gerügt. Ballack übte sich fortan in Zurückhaltung im Umgang mit seinen Spezies vom Boulevard. (…) Sollte Ballack wirklich der (Mit-)Initiator sein, dann gebührt ihm das Etikett ‚Spielertrainer'."

Philipp Selldorf (Süddeutsche Zeitung)

spürt die traditionelle deutsche Konzentration wirken: "Die Ängste des schlauen Trainers Scolari bewahrheiteten sich: Löws Spieler siegten mit zeitgemäßen, aber eben auch mit typisch deutschen Mitteln, sie gewannen die Partie im Kopf. Neben all den Würdigungen für Löws Spielsystem, den berechtigten Hymnen auf Schweinsteiger, Podolski, Ballack oder Lahm muss daher auch der intakt überlieferten deutschen Fußball-Mentalität ein Kompliment gemacht werden. Gewisse Dinge ändern sich nicht: Der Kölner Dom steht in Köln, durch Hamburg fließt die Elbe - und Deutschland ist eine Turniermannschaft, die zur rechten Zeit weiß, wie man die entscheidenden Spiele gewinnt. Das ist auch im Jahr 2008, wo jeder über den wissenschaftlichen Fußball debattiert, eine Tatsache von Belang."


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