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Tunesien: Mit Glück durch die Vorrunde

"Wir sind wütend, auch auf den Trainer" - die Stimmung in Tunesien ist alles andere als euphorisch. Trotzdem lassen sich die Fußball-Anhänger nicht von dem zuletzt schlechten Abschneiden ihrer Mannschaft demoralisieren.

Die meisten Tunesier sind schon im WM-Fußballfieber, glauben trotz aller Rückschläge an ihre Elf und sind sicher, dass ihr Team in Deutschland die Vorrunde übersteht. Viel höher wagt in Tunis aber kaum jemand die Latte zu legen. Die Aufbauarbeit des französischen Trainers Roger Lemerre (64) zahlte sich zwar 2004 mit dem Gewinn der Afrika-Meisterschaft aus. Doch Lemerre ist - wie zuvor bereits als Nationalcoach in Frankreich - in dem nordafrikanischen Land nicht unumstritten.

Staatspräsident Zine El Abidine Ben Ali, der Lemerre zu einem "Großoffizier des nationalen Verdienstordens" erhob, will sein straff geführtes Urlaubsparadies am südlichen Mittelmeerrand jedenfalls weiter internationale Punkte sammeln sehen. Und die Fans in den Teestuben von Tunis wollen das auch.

"Afrika-Cup nicht mit WM vergleichen"

Selbst wenn Lemerre bei der WM für seine Equipe "alles für möglich" hält und Reiseveranstalter längst damit begonnen haben, für die WM tunesische Sonderflüge zu organisieren, so gilt es zunächst doch, sich von jüngsten Enttäuschungen nicht zu sehr beeindrucken zu lassen. Beim letzten Afrika-Cup kam das Aus für den Titelverteidiger schon in der zweiten Runde im Elfmeterschießen gegen Nigeria. Und das Testspiel am 1. März in Radès nahe der Hauptstadt Tunis ging mit.0:1 gegen das starke Serbien und Montenegro verloren. "Wir sind wütend, auch auf den Trainer", schimpften Fußballfans.

"Man kann den Afrika-Cup doch nicht mit der Weltmeisterschaft vergleichen", gibt sich der Trainer gelassen. "Ich habe dabei viel gelernt und werde unseren europäischen Freunden sagen, sie sollten in den nächsten Jahren sehr den afrikanischen Fußball im Auge haben." Tunesien war bisher drei Mal bei einer WM mit von der Partie und hat das Ziel, nun endlich auch mal über die Vorrunde hinauszukommen.

Keine Karte - trotzdem zur WM

Zählen kann das kleine Land dabei darauf, dass von den mehr als zwei Millionen Tunesiern, die im Ausland leben, etliche anreisen und ihre Elf in Deutschland den Rücken stärken wollen. In Tunesien waren jedenfalls alle Tickets innerhalb von wenigen Tagen vergeben. Der Haken: Sein reserviertes und bezahltes Ticket kann nur abholen, wer ein Visum bekommt. Also hoffen viele, noch zum Zuge zu kommen, weil der Nachbar doch nicht reisen kann. Tausende tunesische Fans, die in Frankreich leben, dürften im Juni noch versuchen, in die deutschen Stadien zu kommen, obwohl sie bislang keine Karte haben.

WM-Organisationschef Franz Beckenbauer hat selbstverständlich den Tunesiern auch nicht den Wind aus den Segeln nehmen wollen. Bei dem Besuch in Tunis meinte er, die WM-Gruppe H, in der Tunesien spielt, sei zwar nicht leicht. "Tunesien hat jedoch reelle Chancen, in die zweite Runde zu kommen, auch wenn Spanien und die Ukraine Gegner von Gewicht sind."

"Wir werden unser Bestes tun"

Der tunesische Abwehrspieler José Clayton sieht das erste Match gegen Saudi-Arabien als Schlüsselspiel: "Wenn wir weiter kommen wollen, dann müssen wir das gewinnen, sonst können wir die zweite Runde vergessen. Wir werden unser Bestes tun."

Im unterfränkischen Schweinfurt wird Lemerres Kader am 6. Juni Quartier beziehen. "Das ist eine ruhige Stadt mit herrlichen, liebenswerten und gastfreundlichen Menschen", hatte Franz Beckenbauer die tunesische Wahl gelobt. Entscheidend war wohl - neben der Nähe zum Firmensitz des Trikotsponsors - dass die 55.000-Einwohner-Kommune günstig zu jenen drei Stadien in München, Stuttgart und Berlin liegt, in denen Tunesien in der Vorrunde spielen wird.

"Wir können uns keine Fehler leisten"

Adel Chedli und Jawhar Mnari - die beim Bundesligisten 1. FC Nürnberg unter Vertrag stehen - werden den Sommer jedenfalls in Nähe zu ihrer sportlichen Heimat verbringen können. Auch viele andere ihrer Kollegen in Tunesiens WM-Kader stehen bei europäischen Clubs unter Vertrag.

Trainer Lemerre, der keine Interviews gibt und dessen Verhältnis mit der Presse nicht gut ist, hat bis zum WM-Start gleich noch mehrere Trainingslager anberaumt. "Wir können uns keine Fehler leisten und müssen sehr konzentriert spielen", meint Lemerres Assistent, Ex-Nationalspieler Nabil Maloul - in der Hoffnung, dass der nordfranzösische Coach, der mit den "Bleus" bei der WM 2002 kläglich in der Vorrunde scheiterte, die im Herbst danach begonnene Aufbauarbeit in Tunesien mit einem Vorrücken ins Achtelfinale krönt. Dann dürfte ihm noch ein Orden sicher sein.

Hanns-Jochen Kaffsack/DPA / DPA

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