Argentinien Die weiß-blaue Maradona-Show


Drogensucht und Herzinfarkt, Diego Maradona war schon ganz unten. Doch egal was er tut, Argentinien liebt ihn mehr denn je: "Wir sind alle Maradonas", heißt es aus Buenos Aires.

Argentiniens Fußball bleibt eine Diego-Maradona-Show. Er war einer der beste Fußballer der Welt, trug die legendäre Nummer 10 bei den "Albiceleste" und führte sie zum Gewinn der Weltmeisterschaft 1986. Heute taucht er unangemeldet im WM-Quartier der Argentinier in Herzogenaurach auf, geht dort mit seiner geschiedenen Frau und der gemeinsamen Tochter ein und aus und pafft dabei meist eine überdimensionale kubanische Zigarre.

Vor dem WM-Start mischte er sich massiv in die Aufstellung von Trainer José Pekerman ein, machte sich für junge Spieler stark, die seine eigenen Söhne hätten sein können. Der gerade 19 Jahre alt gewordene Lionel Messi und der 22-jährige Carlos Tevez wurden bereits als die Erben Maradonas gefeiert, doch bei der WM saßen sie bislang meist auf der Bank. "Er ist unser Idol und ein Idol für die Menschen", sagt Tevez, der nicht nur optisch, sondern auch spielerisch Maradona ähnelt. "Jedes Mal, wenn er auftaucht, bringt er uns zum Lachen, und wenn er wieder geht, fühlen wir uns stärker als wir wirklich sind."

Gott ist Argentinier

Vor dem Trainingsgelände in Herzogenaurach parkt ein alter VW, auf dem ein Spruch prangt, der die ganze Verehrung für Maradona deutlich macht: "Der Papst ist Deutscher, Gott ist Argentinier. Diego X." Ein paar Schritte weiter vor dem abgesperrten Eingang steht der 22 Jahre alte Ignacio Anselmo. Als er sein Argentinien-Trikot hebt, kommen drei Maradona-Tätowierungen zum Vorschein. Sein Freund aus Buenos Aires, Federico D'Andream krempelt seinen rechten Ärmel hoch, um ein weiteres Maradona-Tattoo auf der Schulter zu enthüllen. Anselmo erklärt: "In Argentinien ist Fußball alles, und er ist alles - alles, was er in 30 Jahren getan hat - nicht nur bei der WM 1986. Die negativen Dinge über ihn sind nicht wichtig. Das sind seine Privatangelegenheiten."

Mit 45 Jahren ist Maradona ein Überlebender. Vor zwei Jahren erlitt er nach einer Überdosis Kokain einen Herzanfall. Seitdem sei er clean, sagt er. Zudem ließ er sich den Magen verkleinern, um abzunehmen. Im vergangenen Jahr wurde seine Talkshow "La Noche del 10" ("Der Abend der Nummer 10") ein Erfolg. Seine Fernsehkarriere geht bei der WM weiter. Für den spanischen Sender La Cuatro arbeitet er als Kommentator. "Die Welt kennt Maradona als legendären Fußballspieler", sagt La-Cuatro-Sprecher José Enrique Melendez, der zugleich einräumt, dass das Engagement seinen Sender eine beträchtliche Stange Geld gekostet habe.

Zwiespalt zwischen Genie und Maßlosigkeit

Maradona hat sich schon in seiner aktiven Karriere nicht nur Freunde gemacht. Den ganzen Zwiespalt zwischen Genie und Maßlosigkeit zeigt der legendäre 2:1-Sieg der Argentinier gegen England im WM-Viertelfinale 1986. Maradona erzielte beide Treffer. Einer wurde später zum Tor des Jahrhunderts gewählt, beim anderen griff laut Maradona die "Hand Gottes" in die Fußball-Geschichte ein. Der Argentinier hatte den Ball mit der Hand ins Tor befördert, doch der Schiedsrichter gab den Treffer. Erst im vergangenen Jahr gestand Maradona, dass er selbst den Ball berührt habe - eine Aussage, die er in einem BBC-Interview mit Gary Lineker - Mitglied der englischen WM-Elf 1986 - kürzlich wiederholte. Die BBC soll für dieses Interview mehrere zehntausend Euro gezahlt haben.

Drogencocktail - 15 Monate Sperre

Die schwärzeste Stunde als Spieler erlebte Maradona bei der WM 1994 in den USA. Er wurde vom Turnier ausgeschlossen, nachdem bei einer Dopingprobe laut FIFA "ein Drogencocktail aus verschiedenen leistungssteigernden Mittel" bei ihm nachgewiesen wurde. Maradona wurde für 15 Monate gesperrt, aber kehrte trotzdem als Held in seine Heimat zurück.

"Die Menschen leben Maradonas Erfolge und Misserfolge, als wären es ihre eigenen", sagt der argentinische Soziologe Sergio Levinsky, Autor eines Buches über Maradona ("Rebelde con causa" - "Rebell mit Grund"). Fußball sei für die Menschen in dem südamerikanischen Land so wichtig, "weil der durchschnittliche Argentinier jeden Tag.0:5 verliert. Aber ein 1:0-Sieg in einem Fußballspiel ist die Revanche für mindestens eine Minute." Immer wieder legte sich Maradona mit Autoritäten an. Er kritisierte offen den verstorbenen Papst Johannes Paul II. oder US-Präsident George W. Bush bei dessen Argentinien-Besuch. Gäste seiner Talkshow waren polarisierende Persönlichkeiten wie Ex-Boxchampion Mike Tyson oder der kubanische Regierungschef Fidel Castro, ein persönlicher Freund Maradonas. Sogar mit Pele legte er sich in der Show an. Der Brasilianer habe wohl einige seiner offiziell 1.260 Tore beim Kicken mit seinen Neffen im Hinterhof erzielt, stichelte Maradona vor Millionen Fernsehzuschauern.

Wir sind alle Maradonas

Auch bei der laufenden WM sorgte Maradona schon mehrfach für Schlagzeilen. Wegen zu schnellen Fahrens erhielt er eine Geldstrafe. Beim Viertelfinale der Argentinier gegen Mexiko wurde er von der Tribüne geschickt, weil er sich - im Widerspruch zur Anti-Raucherkampagne der FIFA - die obligatorische Zigarre angesteckt hatte. Als er sich Anfang des Monats in Italien aufhielt, konfiszierte die Polizei zwei seiner Rolex-Uhren im Gesamtwert von mehr als 10.000 Euro - angesichts der Steuerschulden von mehr als 30 Millionen Euro aus seiner Zeit beim SSC Neapel nicht einmal ein Tropfen auf einen heißen Stein. "Wir sind in gewisser Weise alle Maradonas", sagte Alejandro Apo von Radio Continental, einer von Argentiniens anerkanntesten Radiomoderatoren. "Er ist der Beste und der Schlechteste von uns. Er sagt und tut Dinge, die über den Fußball hinausgehen, und was er sagt, hat Gewicht wegen der Macht des Fußballs in der argentinischen Populärkultur. Wenn er sich einen Gegner sucht, dann wählt er den größten, den mächtigsten. Er tut die gleichen Dinge, die er auch auf dem Fußballplatz getan hat."

Stephen Wade/AP AP

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