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Diego Maradona wird 50 "Er dachte, ich sei ein Zwerg"


Als Spieler eine Legende, als Nationaltrainer gescheitert: Keine andere Fußball-Persönlichkeit fasziniert und polarisiert so wie Diego Maradona. Nach Drogenexzessen und Fettsucht schon einmal für tot erklärt, feiert der Argentinier nun seinen 50. Geburtstag.
Von Kai Behrmann, Buenos Aires

Die große Geburtstagsparty muss ohne ihren Protagonisten auskommen. Wenn sich am Samstag tausende Italiener in Neapel auf der Piazza del Plebiscito versammeln, um ihrem Idol zu huldigen, wird Diego Maradona rund zwölf Flugstunden entfernt in Argentinien im engsten Familienkreis feiern. Seinen 50. Ehrentag will sich der ehemalige Weltklassespieler nicht von der italienischen Steuerbehörde vermiesen lassen. Rund 37 Millionen Euro fordert der Fiskus in Maradonas einstiger Wahlheimat angeblich noch von ihm aus der Zeit, als er virtuos die Fäden im Mittelfeld des SSC Neapel zog und den Klub 1987 und 1990 jeweils zum Meistertitel führte. Die schönsten Dribblings und Tore von damals werden zur Feier des Tages noch einmal über eine riesige Leinwand flimmern.

Eine Stufe abwärts vom Heldensockel

Seine Landsleute haben dagegen kein rauschendes Fest für Maradona geplant. Zwar sind die Heldentaten, die "El Diez" im Trikot der Albiceleste bei vier Weltmeisterschaften zwischen 1982 und 1994 vollbracht hat, nach wie vor nicht vergessen. Noch immer ziert Maradonas Konterfei zahlreiche Häuserwände in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires und keine Unterhaltung über Fußball, in der die Gesprächspartner nicht von dessen Jahrhunderttor gegen England bei der WM 1986 in Mexiko und dem anschließenden Titelgewinn schwärmen. Doch sein erfolgloses Intermezzo als Nationaltrainer hat die Liebe der Argentinier zu ihrem einstigen Helden abkühlen lassen. Statt den zweifachen Weltmeister zu neuem Glanz zu führen, bleiben aus Maradonas nur knapp zweijährigen Amtszeit in erster Linie dessen verbale Entgleisungen gegenüber Journalisten inklusive wochenlanger Sperre durch die Fifa sowie das Bild des wild fuchtelnden Einpeitschers im feinen Zwirn an der Außenlinie in Südafrika in Erinnerung.

Begonnen hat Maradonas kometenhafter Aufstieg an einem regnerischen Sommertag vor fast genau vierzig Jahren. Und das eher durch Zufall. Goyo Carrizo, damals ein hochtalentierter Mittelstürmer, hatte soeben ein Probetraining unter Argentiniens mittlerweile verstorbene Trainerlegende Francis Cornejo erfolgreich absolviert, als er beim Abschied beiläufig sagte: "Danke, aber dort in Fiorito gibt es einen, der ist wirklich gut." Warum er nicht mitgekommen sei, wollte Talentspäher Cornejo wissen. Kein Geld für den Bus, erwiderte der Junge. Name? "Keine Ahnung. Wir nennen ihn Pelusa." Der Fussel. Cornejo griff in seine Hosentasche und fischte zehn Pesos hinaus. Am nächsten Tag tauchte Diego Maradona auf.

"Er dachte, ich sei ein Zwerg"

Der Himmel über der Millionen-Metropole Buenos Aires war an jenem Dezembermorgen wolkenverhangen. Es regnete in Strömen. An der Seite von Cornejo stand dessen Freund Rodolfo Fernandez. Er erinnert sich: "Nach wenigen Minuten raunte Francis: Siehst Du das." Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Die beiden Männer konnten nicht glauben, was der zehnjährige Junge aus "Villa Fiorito", einem Elendsviertel am Rande der argentinischen Hauptstadt, vor ihren Augen mit dem Ball veranstaltete. Sie zweifelten an ihrem Verstand. In seiner Biografie "Ich bin Diego" offenbart Maradona: "Francis glaubte mir nicht. Er dachte, ich sei ein Zwerg." Heute steht Augenzeuge Fernandez (72) in seinem kleinen Sportartikelladen, ein Steinwurf entfernt vom Stadion der Argentinos Juniors. Jenem Verein, in dem Argentiniens Fußball-Idol als Knirps seine Weltkarriere startete. An der Wand hängt ein Foto, signiert von Maradona: "Mit Zuneigung für Fernandez." Der Stuhl vor dem Verkaufstisch ist seit gut zwei Jahren verwaist. Bis zu seinem Tod nahm dort Francis Cornejo Platz. "Er kam jeden Tag für einen kleinen Plausch vorbei", sagt Fernandez.

Von klein auf sah Fernandez dem aufstrebenden Talent beim täglichen Training zu. Erst in der legendären Jugendmannschaft der Argentinos Juniors, den "Cebollitas", den "Zwiebelchen", später bei den Profis. Heute sagt Fernandez: "Den wahren, großen Maradona haben wir hier bei Argentinos Juniors erlebt." Das Jahrhunderttor bei der WM 1986 in Mexiko im Viertelfinale gegen England? Fernandez zuckt mit den Schultern und sagt: "Das war für seine Verhältnisse ein ganz gewöhnlicher Treffer." Nichts im Vergleich zu dem, was er beispielsweise Mitte der 1970er in einem Training beobachtete. "Einen Ball vom Torwart nahm er aus der Luft mit der Brust an, drehte sich, spielte sich das Leder mit dem Hintern wieder nach vorne auf den Fuß, zog direkt ab - Tor", erinnert sich Fernandez. Der Trainer sagte daraufhin nur: "Jungs, das reicht. Wir machen Schluss für heute." Schieres Genie paarte sich bei Maradona mit unglaublichem Ehrgeiz. Wenn seine Mannschaftskameraden längst unter der Dusche standen, schob er noch Sonderschichten. "Er übte und übte wie ein Besessener, immer", sagt Fernandez. Einmal geriet Fernandez wegen Maradona sogar kurzzeitig ihn Polizeigewahrsam, "weil ich ihn verteidigt habe". In einer Partie der "Cebollitas" schickte der gegnerische Trainer einen Spieler auf den Rasen, der das Ausnahmetalent aus Fiorito ständig unfair attackierte. "Ich habe mich daraufhin lautstark eingemischt. Am Ende kam es zu einem Handgemenge und ich wurde abgeführt", verrät Fernandez. "Maradona ist die Synthese Argentiniens, der argentinischen Identität"

Bis 1981 trägt Maradona das Trikot der Argentinos Juniors. Dann zieht es ihn hinaus in die große Fußballwelt. Boca Juniors, FC Barcelona und schließlich der SSC Neapel. Der Junge aus ärmlichen Verhältnissen triumphiert in seiner Glanzzeit auf großer Bühne. Höhepunkt ist der WM-Titel 1986 in Mexiko. Seine Erfolge verzaubern die Menschen am Rio de la Plata, er bringt seine Heimat zum träumen. "Maradona ist die Synthese Argentiniens, der argentinischen Identität", sagt Guillermo Oliveta, Präsident des argentinischen Marketingverbunds. Oliveta weiter: "Er entstammte einer schrecklichen Armut und erlangte so schnell einen hohen sozialen Status. Und er ist gefallen - wurde so viele Male k.o. geschlagen und ist gescheitert, so wie das Land."

In kurzen Hosen auf dem Rasen unwiderstehlich, strauchelt Maradona ohne Ball unzählige Male. Drogenexzesse, Doping, Fettsucht, Schulden. Die Vita des früheren Weltklassespielers abseits des Platzes ist gepflastert von Skandalen. Maradona-Biograf Daniel Arcucci stellt fest: "Alles, was ihn betrifft, ist übertrieben. Das Gute und das Schlechte." Einen Mittelweg gebe es bei ihm nicht. "Als Spieler war er eine Eins. Er kann charmant sein, aber in seinem Privatleben hat er alle Regeln gebrochen", so Arcucci.

Spektakel mit heroischen Zügen

Sein Leben nach dem Ende der aktiven Laufbahn: Ein einziger Exzess, der ihn im April 2004 fast ins Grab gebracht hätte. Aufgedunsen mit hohem Blutdruck, Atemnot und Lungenentzündung wurde Maradona in eine Klinik in Buenos Aires eingeliefert. Heute, sagt Maradona, habe er sein Leben wieder im Griff: "Das Schlimmste habe ich schon hinter mir. Ich war ganz unten, und meine Töchter haben mich da herausgeholt." Demütigung an der Seitenlinie beim Debakel gegen Deutschland

Doch trotz aller Höhen und Tiefen habe sich Maradona im Kern nie verändert, versichert Fernandez. "Er ist heute noch genauso, wie damals, als er keinen Centavo hatte. Ein einmaliger Mensch, sehr bescheiden", sagt er. Der Kontakt mit Maradona ist nie abgerissen. Letztmals haben sich beide vor rund einem halben Jahr beim Saisonfinale der Argentinos Juniors gesehen - und den dritten Meistertitel der Vereinsgeschichte gemeinsam in einer Loge gefeiert. Was ihm als Spieler gelang, war ihm als Nationaltrainer Argentiniens nicht vergönnt. Zunächst führte er die Gauchos mit viel Glück durch eine chaotische WM-Qualifikation nach Südafrika, ehe seine Elf um Superstar Lionel Messi dort nach starker Vorrunde im Viertelfinale von Deutschland beim 0:4 regelrecht gedemütigt wurde. Das Debakel führte auch dem letzten Fußballfan am Rio de La Plata vor Augen, dass Maradona zwar ein begnadeter Motivator ist, in Sachen taktischer Raffinesse allerdings den Ansprüchen des modernen Fußball nicht genügt.

Auf dem Platz aber faszinierte Maradona. Der 91-fache argentinische Auswahlspieler sorgte für Spektakel mit heroischen Zügen. Vier Jahre nach der Niederlage im Falklandkrieg gegen Großbritannien, standen sich beide Nationen bei der WM 1986 in Mexiko auf dem Fußballplatz gegenüber. Mit Genie und List führte Maradona sein Team zum Sieg - und später zum Titel. "Das Tor mit der Hand zu schießen war so, als würde man einen Dieb berauben", zitierte Arcucci Jahre später den Schützen des legendären "Hand Gottes"-Tores.

"Ich erfinde mich ständig neu"

In Italien konnte Maradona das Husarenstück 1990 zwar nicht wiederholen. Trotz einer Verletzung, die seinen Knöchel auf die Größe eines Tennisballes hatte anschwellen lassen, biss er auf die Zähne und dirigierte eine mittelmäßige Elf aber erneut ins Finale. Die Niederlage gegen Deutschland tat der Bewunderung keinen Abbruch. Maradona hatte eine erneute sportliche Heldentat vollbracht - und seiner Heimat Stolz und Freude bereitet. Rodolfo Fernandez sagt: "Einen wie Maradona wird es kein zweites Mal geben." Er muss es wissen.

Derweil bleibt Maradonas größter Wunsch zum 50. Geburtstag unerfüllt, vorerst zumindest. Bis zuletzt hatte er gehofft, vielleicht doch weiter die Geschicke der Selección lenken zu dürfen. Nach seinem geräuschvollen Abgang nach der WM, bei dem er Verbandsboss Julio Grondona als "Lügner" und Teammanger Carlos Bilardo als "Verräter" betitelt hatte, schlägt er mittlerweile wieder leisere Töne an. "Ich würde mein Leben dafür geben, wieder Trainer der Selección zu sein. Ich warte auf den Anruf", hatte Maradona jüngst in einem Interview verraten. Wann und ob dieser kommen wird, bleibt abzuwarten.

Vorhersagbar ist bei Maradona nur das Überraschende. "Ich erfinde mich ständig neu", sagt der Mann mit den tausend Gesichtern über sich. Er will es noch einmal wissen. Denn verantwortlich für Argentiniens WM-Aus war laut Maradona ohnehin ein ganz anderer, nämlich Kraken-Orakel Paul. Dessen Ableben vor wenigen Tagen kommentierte Maradona via Twitter erleichtert: "Ich bin froh, dass Du von uns gegangen bist. Es war Deine Schuld, dass wir die WM verloren haben."


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