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GOAT-Debatte Maradona – ein Ausnahmefußballer, aber der beste? Auf keinen Fall!

Maradona küsst den WM-Pokal
Maradona küsst den WM-Pokal, den er 1986 mit Argentinien gewann
© R4032 / Picture Alliance
Maradona ist tot. Mit ihm hat der Fußball einen Ausnahmespieler verloren. Einige sagen sogar, den besten aller Zeiten. Eine Fehleinschätzung.

Ein Kurzpass eröffnet die Vorstellung. Es folgt der Auftritt des Hauptdarstellers, ein kleiner, kräftiger Mann mit dunkler, lockiger Mähne. Er nimmt den Ball mit seinem linken Fuß an, dreht sich filigran um die eigene Achse und marschiert los – vorbei an seinen Gegnern. Er düpiert sie, einen nach dem anderen, sogar den Torwart, und schiebt den Ball am Ende seiner Vorführung ins leere Tor.

37 Schritte, elf Ballkontakte, sechs Gegner, ein Tor wie ein Gemälde, auf dessen Schönheit Leonardo da Vinci neidisch gewesen wäre. Es ist der 22. Juni 1986, als sich Diego Maradona unsterblich macht mit seinem zweiten Treffer im WM-Viertelfinale gegen England. Wer in den vergangenen Tagen in den sozialen Netzwerken unterwegs war, muss entweder blind oder ignorant gewesen sein, um diese Szene nicht noch einmal gesehen zu haben. So häufig teilten Nutzer das Video dieses Jahrhunderttores, dessen Schütze nun tot ist. Herzinfarkt. Mit gerade einmal 60 Jahren. Die Folge eines exzessiven Lebens.

Deshalb verneigt sich nun die Fußballwelt vor ihm, diesem Ausnahmefußballer. Eine Legende seines Sports, wie es in den Nachrufen der Zeitungen, Magazine und Online-Portale heißt. Völlig zu Recht. Nichts anderes war Maradona als ein hochbegabter Linksfuß, bei dem es so schien, als mache der Ball das, was er ihm befehle. Doch die Huldigungen gehen weiter, viel weiter. Einige nennen Maradona sogar den GOAT, also "Greatest of All Time". Ihrer Auffassung nach sei er der beste Fußballer aller Zeiten. Eine Fehleinschätzung.

Die ewige Debatte um den Besten einer Sportart. Für viele ist die Frage ermüdend. Vergleiche zwischen Sportlern unterschiedlicher Dekaden seien ahistorisch. Dabei würden die Bedingungen der jeweiligen Athleten missachtet. Denn die Kommerzialisierung des Sports ging mit der Professionalisierung einher. Deshalb seien Vergleiche hinfällig, so das Argument. Doch bedeutet das im Umkehrschluss nicht auch, dass die Protagonisten einer Sportart immer besser werden – und deshalb auch die vorherige Generation in den Schatten stellen?

Zugegeben, das ist eine Suggestivfrage, die in ihrer Grundannahme schon radikal daherkommen mag. Doch die These dahinter ist simpel: Der Beste einer Sportart – der GOAT – das ist ein temporärer Titel. Irgendwann gibt es einen, der besser ist als jeder Andere vor ihm. Im Fall von Maradona bedeutet das, die heutigen Weltklassespieler Messi und Cristiano Ronaldo stehen in der Rangfolge der besten Fußballer vor ihm.

Selbst Torhüter laufen heutzutage mehr als damals Feldspieler

Zunächst einmal: Nein, ich habe Maradona nie spielen sehen. Dennoch weiß ich aus Erzählungen, Statistiken und TV-Ausschnitten, dass er als Spieler kaum vom Ball zu trennen war. Das lag zum einen an seiner überragenden Technik – zum anderen an seiner Handlungsschnelligkeit. Er ahnte Situationen voraus, bevor sie passierten. Antizipatives Verhalten nennen die Fußballfachleute diese Fähigkeit. Die Kombination aus beiden Eigenschaften machte Maradonas Spiel so einzigartig. Ohne sie wäre er wohl nicht so groß geworden. Denn ihm fehlte eine professionelle Einstellung.

Bereits zu aktiven Zeiten hatte Maradona Probleme, sein Gewicht zu halten. Er feierte viel und ernährte sich ungesund. Heutzutage ist das ein absolutes No-Go. Im modernen Fußball geht es um Millimeter und Millisekunden, die über Sieg oder Niederlage entscheiden. Darum, welcher Spieler einen Tick eher als der andere am Ball ist, wer eine Nuance höher zum Kopfball springt.

Ein Weltklassespieler kann sich Disziplinlosigkeit deshalb gar nicht erlauben. Er muss fit, schnell und laufstark sein. Dazu braucht er in erster Linie Fleiß. Liefen Beckenbauer & Co. früher gerade mal drei bis vier Kilometer pro Spiel, liegt der Schnitt in der 1. Bundesliga inzwischen bei elf Kilometern. Selbst Manuel Neuer kommt als Torwart in 90 Minuten auf 4,5 Kilometer. Mit anderen Worten: Neuer legt in Spielen mehr Kilometer zurück, als es Maradona zu seiner aktiven Zeit getan hat.

Die Manndeckung machte es Maradona leichter

Zudem hat die Intensität zugenommen. Mehr als 30 Mal sprintet ein Profi in einem Pflichtspiel im Schnitt. Das liegt auch an der Weiterentwicklung des Fußballs. Früher, zu Zeiten Maradonas, war Manndeckung ein probates Mittel, um den Argentinier aus dem Spiel zu nehmen. Heutzutage spielen alle Teams mit Raumdeckung. Was das für einen unterschiedet macht, veranschaulicht das Spiel der Bayern unter Trainer Hans-Dieter Flick.

Die letzte Kette, also die vier Verteidiger, steht meistens bei Ballbesitz des Gegners auf Höhe der Mittellinie. Dabei wird ballorientiert verschoben. Die Bayern geben dem gegnerischen Team so wenig Platz wie möglich. Dazu attackieren Bayerns Offensivspieler die Verteidiger des angreifenden Teams – und sollen Ballverluste und lange Bälle provozieren. Der schnelle Ballgewinn ist das Ziel. Diese Taktik nennt sich Pressing.

Es steht sinnbildlich für den Wandel im Fußball. Weg vom individuellen hin zum kollektiven Verteidigen im Verbund. Dadurch ist es selbst für Ausnahmespieler wie Messi schwieriger geworden, Spiele im Alleingang zu entscheiden. Angreifende Spieler haben weniger Raum, Zeit und Möglichkeiten. Wer sich nun fragt, was das alles mit Maradona zu tun hat: einfach alles. Denn heutigen Weltklassespielern wird viel mehr abverlangt: Sie müssen taktisch geschult, technisch versiert, stark im Dribbling, handlungsschnell sein und aus wenigen Ballaktionen viel machen.

Maradona hatte meist einen Verteidiger im Rücken, seinen Manndecker. Wenn er diesen ausdribbelte, hatte er unendlich viel Zeit und Raum. Das nutzte er phänomenal aus, was allerdings eine logische Konsequenz seiner individuellen Klasse war. Das unterscheidet ihn kaum bis gar nicht von Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi. Bekommen sie zu viel Raum und Zeit, wird das gegnerische Team bestraft. Mit dem Unterschied: Maradona musste weniger laufen, weniger hart trainieren und hatte schlechtere Gegenspieler. Denn die Verteidiger von heute sind denen der 1980er Jahre in allen Belangen überlegen: Technik, Taktik, Zweikampfverhalten, Passspiel.

Maradona prägte ein Jahrzehnt – der Beste ist er dennoch nicht

Nicht falsch verstehen: Maradona war der alles überragende Spieler seiner Zeit. Er führte Argentinien fast im Alleingang zum WM-Titel 1986, machte aus dem SSC Neapel ein Spitzenteam der italienischen Serie A (Italiens erste Fußballliga), gewann mit ihnen zwei Meisterschaften und den UEFA-Pokal. Kurzum: Er prägte ein Jahrzehnt. 

Viele Fußball-Fans blicken deshalb rührselig zurück. Die Sehnsucht nach der Vergangenheit verzerrt die Sicht auf die Gegenwart. Das ist Nostalgie. Ich verstehe das. Wahrscheinlich wird es mir mit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo in zwanzig Jahren ähnlich ergehen. Und dennoch werden neue Spieler kommen, die wiederum besser sein werden. Denn der Fußball und seine Spieler entwickeln sich stets weiter.

Quellen: "Welt", MDR, "Goal"


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