VG-Wort Pixel

Diego Maradona Mehrmals den Tod umdribbelt - Rückblick auf ein begnadet chaotisches Leben

Sehen Sie im Video: Fans und Vereine trauern auf Twitter um Diego Maradona.






Fußballlegende Diego Maradona ist tot.


Medienberichten zufolge verstarb der 60-Jährige in seiner Heimat im Stadtteil San Andrés in Buenos Aires.


Der argentinische Fußballstar gilt als einer der besten Fußballer der Geschichte.


In den sozialen Medien verleihen zahlreiche Nutzer ihrer Trauer Ausdruck.
Mehr
Diego Maradona blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Er war einer der Größten, die jemals gegen den Ball traten. Er war aber auch einer der größten Chaoten, die der Sport jemals produziert hat. Ein Rückblick.

Diego Armando Maradona, was gibt es über diesen Menschen noch zu erzählen? Wie er seine Gegenspieler reihenweise narrte, wie er sogar den Tod zwischenzeitlich umdribbelte? Wie er mit einem Luftgewehr auf Journalisten schoss oder sogar eine Kirche nach ihm benannt wurde? Als Fußballer war Maradona so unbeschreiblich gut wie vielleicht niemand davor oder danach. Als Mensch war er viele Jahre später mal so dick, dass er kaum sprechen konnte. Diego Armando Maradona: Dieser Name steht für ein Leben zwischen den Extremen, zwischen Himmel und Hölle, zwischen Genie und Wahnsinn. Nun ist Maradona im Alter von 60 Jahren gestorben. In seiner Heimat Argentinien, im Stadtteil San Andrés in Buenos Aires.

"Oh mein Gott, was ist bloß aus ihm geworden?" Sportautor Alex Steudel war entsetzt, als er das Fußballidol seiner Jugend in der Doku "Diego Maradona" des britischen Regisseurs und Oscar-Preisträger Asif Kapadia sah. In seiner Kolumne beschrieb Steudel einen alten Maradona, der "fast nicht wiederzuerkennen" sei und "wegen einer Art Ganzkörperarthrose nicht mehr richtig gehen kann. Er humpelt herzzerreißend. Und er redet wie jemand, der unter Drogen steht, die Augen oft so halb zugeklappt (...) Tränen laufen sein aufgeschwemmtes Gesicht hinunter, und du hast selber einen Kloß im Hals und möchtest ihn nur in den Arm nehmen und sagen: Komm, wir machen das Ganze noch mal ganz von vorn, aber diesmal helfe ich dir, und alles wird gut".

Dann sagt dieser erbarmungswürdige Mensch über sich als Spieler: "Ich war krank, drogenabhängig. Ich frage mich immer: Hätte ich keine Drogen genommen, wie gut hätte ich dann gespielt?" Der Rückblick auf seine Triumphe hat Maradona bis zum Schluss gequält.

"Das war die Hand Gottes", sagte Diego Maradon zu seiner legendärsten Aktion
"Das war die Hand Gottes", sagte Diego Maradon zu seiner legendärsten Aktion
© Picture Alliance

Das Wunderkind aus Buenos Aires

Er war einer der Größten der Fußballgeschichte, die Enthusiasten sahen in ihm das "achte Weltwunder". "Mit Maradona zu spielen, kann man nicht beschreiben. Man muss dabei sein. Er war ein Genie", schwärmte der Brasilianer Alemao. Die argentinische Trainerlegende César Luis Menotti griff beim Thema Maradona tief in die poetische Zauberkiste: "Der Ball und er kamen zusammen auf die Welt." Selbst nüchterne Sportbeobachter sahen in Maradona ein Wunderkind. Vermutlich trifft es dieser Begriff am besten. Ein Wunderkind, meist strahlend, immer naiv, aber auch eigensinnig, trotzig und jähzornig, wenn es mal nicht so brillant lief.

Diego Armando Maradona wuchs als fünftes von acht Kindern eines Fabrikarbeiters in Villa Fiorito, einem Elendsviertel am Stadtrand von Buenos Aires auf. Mit neun kam er in die Kindermannschaft des Erstligisten Argentinos Juniors, mit 15 spielte er in der ersten Mannschaft, mit 20 galt er als der beste Spielmacher Südamerikas. 1981 wechselte er zum bekannteren Lokalrivalen Boca Juniors und wurde argentinischer Meister. Mit 21 war er ein Weltstar, mehr noch: Er bestieg den nach dem Karriereende des Brasilianers Pelé verwaisten Thron des besten Fußballers der Welt.

"Es war die Hand Gottes"

Dann ging Maradona nach Europa zum FC Barcelona. Zwei Jahre kickte er in Spanien, eine Zeit mit Licht und Schatten. Brillanten Auftritten auf dem Rasen folgten Skandale: Mal zettelte er auf dem Platz eine Massenschlägerei an, mal versackte er im Nachtleben. Heute weiß man: In Barcelona begann Maradonas Kokainkarriere. Dennoch folgte zwischen 1985 und 1990 sein fußballerischer Zenit. Maradona wurde mit seinem neuen Klub, dem SSC Neapel, zweimal italienischer Meister und 1986 mit der argentinischen Nationalmannschaft Fußball-Weltmeister, die WM in Mexiko war seine größte Bühne. Im Viertelfinale gegen England beförderte er den Ball regelwidrig mit der Hand ins englische Tor. "Es war die Hand Gottes", sagt er danach.

In Neapel verehrten ihn die Fans damals mit religiöser Inbrunst. Viele Tifosi hatten ein Foto des Argentiniers zu Hause neben das Kruzifix gehängt, dem Bildnis einer Madonna hatte ein Unbekannter einen kleinen Maradona auf den Schoß gemalt. Neapel war aber auch die Metropole der Mafia-Organisation Camorra. Die vereinnahmte den Star, versorgte ihn mit Kokain und Prostituierten, ein Lebenswandel, der den Argentinier bis zuletzt nicht losgelassen hat. Nach den Wochenendspielen feierte er bis einschließlich Mittwoch Kokainexzesse, erst donnerstags stieg er wieder ins Mannschaftstraining ein. Dopingkontrollen manipulierte der Verein angeblich mit der Abgabe gefälschter Urinproben. Schließlich wurde Maradona wegen des Besitzes und der Weitergabe von Drogen zu 14 Monaten Knast verurteilt, auf Bewährung.

In Ungnade gefallen

Die Vatikanzeitung "L'Osservatore Romano" bezeichnete ihn als "widerwärtige Person", die jene "beleidige, die wenig oder nichts haben". Sein Trainer vom SSC Neapel meinte dazu: "Ich stimme dem aus vollem Herzen zu." Selbst die Camorra, die angeblich beim Zwölf-Millionen-Rekordtransfer von Barcelona nach Neapel ihre Hände im Spiel hatte, wollte nichts mehr von ihm wissen. Maradona wurde in Italien zur Persona non grata. Der Rest seiner Karriere ist ein Absturz ins Bodenlose. Die folgenden Engagements beim FC Sevilla, den Newell's Old Boys und Boca Juniors waren überwiegend von Drogenvergehen, Dopingsperren und Bewährungsstrafen geprägt. An alte Erfolge konnte er nie wieder anknüpfen.

Seine Trainerkarriere ist bislang auch nicht von Erfolg gekrönt. Die argentinische Nationalmannschaft coachte er bei der WM 2010 in Südafrika bis ins Viertelfinale. Dort traf sie auf Deutschland und ging 0:4 unter. Maradona verdingte sich danach in den Vereinigten Arabischen Emiraten, unterschrieb später beim weißrussischen Verein Dynamo Brest, ging dann aber nach Mexiko zum desolaten Zweitligisten Dorados de Sinaloa in Culiacán. Er führte das Team vom letzten Platz in die Playoffs, dann verschwand er, kam wieder und trat schließlich "aus gesundheitlichen Gründen" zurück. Zum Abschied rief er den Leuten zu: "Danke, dass ihr mich wieder zum Leben erweckt habt." Seine letzte Station war der argentinische Erstligist Gmynasia y Esgrima La Plata, sein Vertrag beim Abstiegskandidat wäre noch bis 2021 gelaufen.

Hemmungslos und ohne Kontrolle

In seinem Privatleben gab sich Maradona der Selbstzerstörung hin. Drogen, Alkohol, Medikamente. Sein früherer Manager Guillermo Coppola sagt, Diego sei "außer Kontrolle", er höre "auf niemanden" und sei eine "getriebene Persönlichkeit" ohne jedes Augenmaß. Immer wieder musste er in klinische Behandlung. Er erlitt einen schweren Herzinfarkt sowie einen Leberschaden. Immer wieder unterzog er sich Entziehungskuren – um danach zu bekennen: "Ich war, bin und werde immer drogenabhängig sein." Auch äußerlich ähnelte er immer weniger dem Fußballhelden. Maradona hatte bis zu 75 Kilo Übergewicht und ließ sich den Magen verkleinern, um 50 Kilo loszuwerden.

Zu diesem Bild des Jammers gehören auch seine Frauengeschichten. Er hat mindestens acht Kinder mit sechs verschiedenen Frauen, darunter eine Ehefrau. Erst 2019 erkannte er die Vaterschaft für drei Kinder auf Kuba an. Dort hielt er sich zwischen 2000 und 2005 zum Drogenentzug auf. Jüngst verkündete er, er wolle seinen Kindern nichts vererben, sondern sein Vermögen spenden. Viel wird es ohnehin nicht sein, denn von seinen Millionengagen, die er als bestbezahlter Kicker seiner Zeit verdiente, sollen nicht einmal 150.000 Euro übriggeblieben sein.

Mitleid von der eigenen Tochter

Argentinien wird seinen Sohn dennoch auf ewig verehren. Er hat polarisiert, er hat begeistert. Er geht, trotz allem, als Volksheld. Für den Trainer-Philosophen César Luis Menotti ist der wahre Maradona nicht der erbarmungswürdige: "Diego existiert in keiner anderen Welt als auf einem Fußballplatz. Das ist sein Leben, sein Traum."

feh/DPA/Spot On

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker