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Ronaldo: Schlapp, steif, indiskutabel

Bei Spiel gegen Kroatien zeigte sich Ronaldo weit entfernt von einer WM-Form. Doch Trainer Parreira nimmt den einstigen Wunderstürmer in Schutz. Leise Kritik kommt dagegen von den Mitspielern.

Nur noch drei Tore fehlen: Dann löst Ronaldo mit 15 Treffern Gerd Müller als erfolgreichsten WM-Schützen aller Zeiten ab. Drei Tore sind nicht viel für einen Wunderspieler, der in 94 Länderspielen schon 59 Mal erfolgreich war. Doch ausgerechnet bei seiner vierten Weltmeisterschaft, die die sagenhafte Karriere mit dem Torrekord krönen sollte, scheint ein weiterer persönlicher Triumph für den 29-Jährigen unerreichbar.

Unbeweglich und hüftsteif schleppte sich "Il Fenomeno" beim WM-Auftakt der Brasilianer am Dienstagabend in Berlin gegen Kroatien über den Platz. Minimale Ballkontakte, ein einziger Torschuss und ein Schatten seiner selbst: Die Zuschauer verabschiedeten den dreimaligen Weltfußballer des Jahres mit einem gellenden Pfeifkonzert. 69 Minuten dauerte das Elend, ehe Trainer Carlos Alberto Parreira ein Einsehen hatte und Robinho brachte. Und mit dem gleichfalls bei Real Madrid unter Vertrag stehenden 22-Jährigen kam tatsächlich deutlich mehr Leben ins zuvor behäbige brasilianische Angriffsspiel.

"Ein bisschen mehr Bewegung wäre gut gewesen"

Trotz der indiskutablen Leistung nahm Parreira seinen formschwachen Schützling in Schutz: "Ronaldo hat zwei Monate lang nicht gespielt. Es ist normal, dass er an einem so heißen Tag besonders unter dem mangelnden Rhythmus leidet." Der Coach zeigte sich überzeugt davon, dass der WM-Torschützenkönig von 2002 nun nach und nach seine alte Form wieder finden und mit unwiderstehlichen Dribblings, Sprints und Schüssen die Südamerikaner zu ihrem sechsten Titel schießen wird. Für Ronaldo selbst würde das bedeuten, dass er ebenso wie Pele dreimaliger Weltmeister wäre. Bester Brasilianer gegen leidenschaftlich kämpfende und sehr diszipliniert spielende Kroaten war vor 72.000 Zuschauern Mittelfeld-Ass Kaka - nicht nur wegen seines goldenen Tores in der 44. Minute. Der 24-Jährige vom AC Mailand ließ in Interviews nach dem Spiel durchaus ein wenig Kritik an seinem formschwachen Teamkollegen anklingen: "Ein bisschen mehr Bewegung von seiner Seite wäre schon gut gewesen." Allerdings habe Ronaldo ja selbst in Interviews eingeräumt, dass er noch nicht bei 100 Prozent angelangt sei.

"Ist er dick oder nicht?"

Ronaldos Fitness ist längst fast eine Staatsangelegenheit in Brasilien. Selbst Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva goss in der vergangenen Woche Öl ins Feuer, indem er bei einer Pressekonferenz Parreira fragte: "Ist er dick oder nicht?" Der Spieler konterte später, indem er auf Gerüchte über die angeblich große Vorliebe des Staatspräsidenten für Alkohol hinwies. Lula da Silva selbst bemühte sich um Schadensbegrenzung: Seine Äußerung sei keine Unterstellung gewesen, sondern der Versuch, die Mediendebatte über Ronaldos vermeintliche Leibesfülle zu beenden.

Nach Angaben der Fifa wiegt der 29-Jährige bei einer Größe 1,83 Metern exakt 82 Kilogramm und damit fünf Kilo mehr als bei der letzten Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea. Hinter dem Spieler liegt zudem eine Leidenszeit mit vielen Verletzungen und Muskelbeschwerden, die ihn immer wieder zurückwarfen und ihn im April und Mai die meiste Zeit am Fußballspielen hinderten. Zugleich hatte er mit Blasen und einem leichten Fieber als Folge einer Atemwegsinfektion während der WM-Vorbereitung zu kämpfen. "Lasst uns hoffen, dass er wieder der Ronaldo wird, den wir alle sehen wollen", sagte Kaka.

Tales Azzoni und Froben Homburger/AP / AP

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