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"Bellstedt haut drauf" - Teil 3: No beer - not english

stern.de-WM-Reporter Klaus Bellstedt reist für Sie durch Deutschland und fängt zwischen den Spielen die Stimmung im Land ein. Dieses Mal mischt er sich unter eine Horde englischer Fans.

Ok, ich gebe es zu: Mein Herz bei dieser WM schlägt für die Engländer. Ich habe noch mehr Lieblingsteams, Holland, Mexiko und ja natürlich Deutschland. Aber die Jungs von der Insel sind mir wegen ihrer Spielweise und ihres Herzbluts seit Kindheitstagen sympathisch. Und dann natürlich diese Fans. Einmalig auf der Welt, überall wo ihr Team sich die Ehre gibt, sind sie dabei. In Frankfurt ist das selbstredend nicht anders.

Einmal mit einem Haufen verrückter England-Fans in einem Pub zusammen "Ingeländ, Ingeländ, Ingeländ" anstimmen - ich musste das einfach ausprobieren. Überhaupt kein Problem: Trikot überziehen, Pils-Dose in die Hand und rein ins Getümmel. Keine drei Minuten vergehen und ein Dutzend Liverpool Fans, sicher mit mindestens zwei Promille im Kopp, laden mich zu einem frisch gezapften Pint Guinness ein. Ich hatte mich auf ihre Frage, aus welcher Ecke Englands ich denn wohl kommen würde, vorbereitet. Wie auf Kommando lallt mich einer von ihnen an: "Pool or Everton?" Er will wissen, ob ich Anhänger seines Heimatclubs sei oder etwa des verhassten Stadtrivalen FC Everton. Der Bursche übersprang also die von mir erwartete Eingangsfrage.

"Why don't you sing with us?"

Ich reiß mich zusammen, zaubere mein bestes Schulenglisch aus dem Hut, natürlich gemixt mit leicht britischem Akzent und lege los. Es entwickelt sich eine Art einseitiger "Konversation, Andrew (so der Name meines neuen Buddys) lässt mich zum Glück kaum aussprechen und stimmt stattdessen grölend neue Lieder an. Schwein gehabt, denke ich. "Why don't you sing with us?" "Weil ich Deutscher bin und das Lied nicht kenne, Du Osterhase", murmel' ich vor mich hin. Wohl wissend, dass er mich sowieso nicht versteht, weil a) voll (von Guinness) und b) zu laut.

Die nächste Kaltschale steht bereits auf dem Tresen. Andrew will mir das kühle Blonde in die Hand drücken. Ich lehne ab (bin ja schließlich zum Arbeiten bei dieser WM, aber das muss er ja nicht wissen). Trotzdem: Diese Aktion lässt meine Fassade bröckeln. "Someone who does not want to drink beer before a football-match cannot be english". Das war es dann für mich. Ich gebe auf, erzähle ihm einfach nur die Wahrheit.

"Wenn Du das hier jetzt ext,..."

Dass ich ein deutscher Sportjournalist bin, der sich kurz vor einem Spiel der englischen Nationalmannschaft seinen Jugendtraum erfüllen will. Andrew kann diese Story kaum glauben. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen wendet er sich seinen Kumpels zu und erzählt ihnen das Unfassbare. Jetzt gibt’s richtig Haue, ich rechne mit dem Schlimmsten. Völlig umsonst: Die Jungs nehmen mich in ihre Mitte, drücken mir mit leichtem Nachdruck das Pils in die Hand und führen ihre Gläser zum Anstoßen in die Mitte. "Wenn Du das hier jetzt ext, kannst Du nach getaner Pressearbeit wieder hierher kommen. Dann bringen wir Dir alle Lieder von uns bei", brüllt mir Steve (ein weiterer neuer, sagen wir, guter Bekannter von mir) ins Ohr. Wohl noch nie in meinem Leben habe ich so schnell ein knappen halben Liter in mich reingestürzt. Einfach sympathisch, die Jungs von der Insel.

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