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Fußball-Nationalmannschaft: Löw lässt sich im Fall Kuranyi nicht drängen

Die WM-Klausurtagung im Schwarzwald ist vorbei. Es darf spekuliert werden, was das Team um Jogi Löw in Sachen Kader für Südafrika beschlossen hat. Klar ist: Über Kevin Kuranyi wurde gesprochen. Doch der Bundestrainer will sich mit seiner Entscheidung Zeit lassen.

Die WM-Klausur ist beendet, die Probleme bleiben: Joachim Löw steht wenige Wochen vor seiner ersten Fußball-Weltmeisterschaft als verantwortlicher Bundestrainer vor kniffligen Entscheidungen, die nicht nur im Fall Kevin Kuranyi für heiße Diskussion sorgen dürften. Bis zum 6. Mai muss der Chef des Unternehmens "WM-Titel 2010" trotz vieler Fragezeichen einen Kader zusammenbasteln, der vom 13. Juni an mit dem ersten Gruppenspiel in Südafrika gegen Australien eine erfolgreiche Mission verspricht.

Löws Favoritenliste ist geheim, aber noch scheinen mehr als 30 Spieler im Rennen, die er mit seinem Betreuerstab im Saison-Endspurt nochmals einer eingehenden Beobachtung unterziehen will. Dazu gehört auch der nach seiner Stadionflucht bisher aus der deutschen Nationalmannschaft noch verbannte Kuranyi. Eine Entscheidung über eine Begnadigung und Rückholaktion des Schalke-Stürmers will Löw in den nächsten beiden Wochen bekannt geben, wie er am Mittwoch auf der Internetseite "team.dfb.de" mitteilte. Über das Thema Kuranyi sei "natürlich gesprochen worden", erklärte Löw. Mit einer schnellen Entscheidung sei jedoch nicht zu rechnen. "Wir lassen uns von dem öffentlichen Druck nicht treiben. Wir werden rechtzeitig bekanntgeben, wie unsere Entscheidung ausgefallen ist", so der Bundestrainer. "Wir werden uns zu diesem Thema äußern bis Ende April."

Löw tut gut daran, sein Urteil erst kurz vor Bundesliga-Schluss zu verkünden. Denn sein Kader-Puzzle enthält noch zu viele Unbekannte vom verletzten U 21-Europameister Sami Khedira über die derzeit in ihren Vereinen zu Ersatzleuten degradierten Thomas Hitzlsperger und Miroslav Klose bis hin zu dem in Köln völlig außer Tritt geratenen Lukas Podolski. Dazu kommt die gestiegene Verletzungsgefahr in der heißen Saison-Endphase.

"Wir müssen den Spagat schaffen"

Löw & Co. werden alle Kandidaten nochmals genau unter die Lupe nehmen, "damit wir für die WM auf alle Eventualitäten vorbereitet sind". Im Schwarzwald-Örtchen Baiersbronn tüftelten der Bundestrainer und seine engen Vertrauten Hansi Flick, Andreas Köpke und Urs Siegenthaler drei Tage lang an allen Details: Von individuellen Trainingsplänen über genaue zeitliche Abläufe bis hin zu wichtigen Personalfragen. Dabei wurde auch über den in der Liga mit 18 Toren glänzenden Kuranyi und über England-Legionär Robert Huth gesprochen, der bei Stoke Ciy in der Premier League regelmäßig spielt. "Ich stehe im Kontakt mit seinem Trainer", hatte Löw verraten.

Fest steht, dass der Bundestrainer am 6. Mai (12.00 Uhr) im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart mehr als die 23 Spieler benennen muss, die dann genau einen Monat später in den Sonderflieger nach Südafrika steigen dürfen. "Wir müssen in den Wochen bis zur WM einen Spagat schaffen", erklärte Löw und stufte dieses Unternehmen angesichts des Zeit- und Personalfaktors schon jetzt als "problematisch" ein. Denn einige seiner Pflegefälle verpassen wegen ihrer Verpflichtungen im Club nicht nur den für den 12. Mai angesetzten Fitnesstest in Düsseldorf und das erste WM- Vorbereitungsspiel einen Tag später in Aachen gegen Malta, sondern steigen auch in das erste Trainingslager auf Sizilien verspätet ein.

Ballack und Schweinsteiger in Watte packen

Die Entscheidung pro oder kontra Kuranyi, der nach seiner Disziplinlosigkeit vor 18 Monaten von Löw aus dem DFB-Team verbannt worden war, wird auf jeden Fall in Zusammenhang mit der gesamten Personal-Zusammenstellung fallen. Die wahrscheinlich zehn Defensivkräfte stellen sich fast von allein auf; Akteure wie der Berliner Arne Friedrich, die mehrere Positionen spielen können, dürften noch einen kleinen zusätzlichen Vorteil haben.

Für die Offensive hat der Bundestrainer reichlich Auswahl. Nicht nur die beim jüngsten 0:1 gegen Argentinien debütierenden Thomas Müller (FC Bayern) und Toni Kroos (Leverkusen) drängen in den Kader. In dem von Löw bevorzugten 4-2-3-1-Spielsystem ist nur Platz für einen zentralen Stürmer, Anwärter gibt es gleich ein halbes Dutzend.

Für die so wichtige Position neben Kapitän Michael Ballack in der Mittelfeld-Zentrale scheint sich Löw bereits auf den Münchner Bastian Schweinsteiger festgelegt zu haben. Zumal der Leverkusener Simon Rolfes nach erneuter Knie-OP die WM abschreiben muss, der Stuttgarter Khedira nach einem Kreuzband-Anriss erst wieder um den Anschluss ringt, der Bremer Torsten Frings aussortiert wurde und Hitzlsperger bei Lazio Rom zuletzt nicht mal im Kader stand. Löw würde Ballack und Schweinsteiger bis zum WM-Start am liebsten in Watte packen, denn der Ausfall von einem der beiden Leistungsträger wäre wohl eine seiner größten Horror-Vorstellungen.

DPA/kbe

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