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Fußball-WM - Nationalelf: Was Lahm und Co. zum Titel fehlt

Nach den Siegen über England und Argentinien träumten viele schon vom WM-Pokal. Mit Spanien kam das Aus. Ein Blick auf den Halbfinal-Gegner zeigt, was dem DFB-Team für ganz oben noch fehlt.

Von Klaus Bellstedt, Johannesburg

Spanien, immer wieder Spanien. Erst das verlorene EM-Finale 2008, jetzt das Aus im WM-Halbfinale. Die Iberer entwickeln sich mehr und mehr zu einem Angstgegner für die deutsche Mannschaft. Vor Beginn des Turniers wurde vom DFB das Minimalziel Achtelfinale ausgegeben. Dann spielte man sich in einen Rausch. Spätestens nach dem grandios herausgespielten 4:0-Erfolg gegen Argentinien im Viertelfinale dachten viele, Deutschland sei jetzt Favorit auf den Titel. Aber die Spanier hielten dem Team von Bundestrainer Joachim Löw den Spiegel vors Gesicht. Schon wieder. Der Europameister und Topfavorit auf den Gewinn des WM-Pokals ist schon lange da, wo die DFB-Elf noch hinkommen will. Noch fehlen den Deutschen bestimmte Elemente und Strukturen in ihrem Spiel, die man parat haben muss, um Titel zu gewinnen. Welche das sind, lässt sich vorzüglich am Beispiel Spanien erklären.

Körperliche Fitness

Im WM-Halbfinale von Durban fiel schnell auf, dass die deutsche Nationalmannschaft das brutale Tempo der Spanier nicht würde mithalten können. Die Spieler schleppten sich durch die Partie und wirkten müde und ausgelaugt. Philipp Lahm sprach am Tag nach dem Ausscheiden von "harten WM-Tagen" und nur "wenig Regeneration" zwischen den Spielen. Der Kapitän meinte, dass die vielen "Wehwehchen normal" seien während eines Turniers. Löw sagte nur wenige Minuten nach Spielschluss, dass seine Spieler müde gewesen seien. Natürlich haben die WM-Spiele bis zum Halbfinale viel Kraft gekostet. Aber die deutsche Mannschaft musste nie in die Verlängerung. Ihre Siege errang sie mit spielerischer Leichtigkeit.

Auch an den Drei-Tages-Rhythmus sind die Spieler von ihren Heimatclubs gewohnt. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet im Halbfinale der körperliche Einbruch kam. Die Spanier haben in ihrer WM-Vorbereitung viel Wert auf Taktik und Technik gelegt. Die Ausdauer war sowieso vorhanden. Sie wirkten in ihrem sechsten WM-Spiel beinahe fitter und austrainierter als zu Beginn des Turniers. Es ist nur eine Vermutung, aber möglicherweise wurde beim DFB-Team das Training nicht richtig dosiert.

Ausgeglichener Kader

Riesige Vorteile hat Spanien gegenüber der deutschen Nationalmannschaft, was die Ausgeglichenheit des Kaders betrifft. Beim Blick auf die Auswechselbank am Mittwochabend in Durban konnte einem als DFB-Fan zu Recht angst und bange werden. Torres, Fabregas und Llorente saßen da beispielweise auf Seiten der Iberer, Aogo, Badstuber und Tasci nahmen auf der andern Seite Platz. Noch ein Beispiel: Del Bosque erlaubte sich den Luxus und verzichtete in dieser Partie zunächst auf den formschwachen Stürmer Fernando Torres. Der Trainer warf für ihn Pedro vom FC Barcelona ins kalte Wasser. Aber was heißt in kalte Wasser?

Pedro war mit der beste Spieler auf dem Platz. Von Ersatzmann darf im Fall Pedro eigentlich gar nicht gesprochen werden. Joachim Löw verfügt nicht über diesen durchgehend gleichwertigen Kader. Richtig funktioniert bei den Deutschen im Grunde nur die erste Elf. Auch deshalb hat das Fehlen von Thomas Müller so weh getan. Piotr Trochwoski, der den Bayern-Profi ersetzen sollte, fand überhaupt nicht statt. Die deutsche Bank hat bei dieser WM den Etablierten keinen Druck gemacht. Das ist ein Problem für Löw.

Eingespielter Kader

Rechnet man David Villa dazu, der nach der WM von Valenica nach Katalonien wechselt, dann standen am Mittwochabend bei den Spaniern sage und schreibe sieben Spieler des FC Barcelona in der Startformation. Jeder kennt den Laufweg des anderen. Man weiß, wie der Mitspieler in bestimmten Situationen reagiert. Dabei heraus kommt die ballsicherste Nationalmannschaft der Welt. Seit dem Gewinn der Europameisterschaft 2008 hat sich im Team von Trainer Vincente del Bosque, der Luis Aragones nachfolgte, wenig geändert. Der auf Dominanz ausgerichtete Kombinationsfußball ist geblieben - wie auch der Erfolg. Sinnbildlich stehen hierfür die beiden kongenialen Mittelfeldstrategen Xavi und Iniesta, die - wie sollte es auch anders sein - seit ewigen Zeiten in Barcelona zusammenspielen.

Schweinsteiger und Khedira haben hingegen erst kurz vorm Ernstfall Südafrika begonnen, sich aufeinander abzustimmen. Bevor Louis van Gaal als Trainer zum Bayern kam, war dem einstigen Außenbahnspieler Schweinsteiger das Zentrum des Rasen-Rechtecks kaum vertraut gewesen. Und erst das Verletzungspech von Michael Ballack spülte den Stuttgarter Khedira in die Rolle von Schweinsteigers neuem Partner. Philipp Lahm meinte nach dem Spiel selbstkritisch, man müsse die "Abläufe noch mehr verinnerlichen und das System verbessern". Joachim Löw sprach nach dem Ausscheiden von "fehlenden Automatismen". Auch diesbezüglich ist bei den Deutschen noch Luft nach oben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Erfahrung, Flexibilität, Taktik - auch daran fehlt es an der einen oder anderen Ecke

Erfahrung

Ganz klar: Die Unerfahrenheit der jungen deutschen Truppe mit einem extrem niedrigen Durchschnittsalter von gerade mal 25,3 Jahren galt vor Beginn des Turniers und nach dem Ausfall von Michael Ballack gemeinhin als größtes Problem von Joachim Löw. Aber es sollte doch anders kommen. Aus Unerfahrenheit wurde Unbekümmertheit. Mit jugendlichen Beinen und daraus resultierender Spielfreude wurde erst England und dann Argentinien überrollt. Dann kam Spanien, eine andere Hausnummer, wie Bastians Schweinsteiger es formulierte.

Gerade im Defensivverbund braucht es während einer WM gegen die Topteams erfahrene Spieler. Friedrich und Mertesacker sind sicher nicht unerfahren, den Vergleich mit Spaniens Haudegen Carlos Puyol verlieren sie aber dennoch. Der Champions-League-gestählte Barca-Profi mag technisch nicht der Beste seiner Branche sein, aber er spielt aggressiv, hart, ohne die Fairness im Zweikampf zu vergessen. Puyol, 32 Jahre alt, ist das defensive Gewissen, im Klub, im Nationalteam. So einen Spieler hat die deutsche Nationalmannschaft (noch) nicht in ihren Reihen.

Flexibilität und Taktik

Große Teams zeichnen sich dadurch aus, dass sie auch dann funktionieren, wenn der Trainer umstellt. Manche funktionieren dann sogar noch besser. Ein Beispiel: Spaniens Trainer Vicente del Bosque hatte seine Startelf gegen Honduras nach der peinlichen 0:1-Auftaktniederlage gegen die Schweiz auf zwei Positionen umgestellt und offensiver ausgerichtet. So rückte der nach einer Knieoperation endgültig wieder genesene Fernando Torres neben EM-Torschützenkönig Villa in die Spitze, Jesus Navas spielte auf dem rechten Flügel. Für das Duo blieben der angeschlagene Andres Iniesta und David Silva auf der Bank. Am Ende siegten David Villa und Co. locker mit 2:0.

Im 4-2-3-1-System von Joachim Löw ist wenig Platz für Veränderungen. Der Bundestrainer hielt bis zum Schluss daran fest. Er hatte damit ja auch Erfolg. Aber gegen Spanien, als schnell klar wurde, dass es so nicht funktionieren würde, hätte man sich schon den ein oder anderen früheren Tausch gewünscht. Eine Umstellung des Systems mit zwei echten Stürmern in der Spitze hätte vielleicht auch Wirkung beim Gegner hinterlassen. Apropos Tausch: Gegen Australien wechselte Löw bei einer komfortablen Führung in der zweiten Hälfte Cacau, Marin und Gomez ein. Gegen Serbien brachte er in der zweiten Hälfte wieder Cacau, Marin und Gomez - nur lief die Mannschaft zu dem Zeitpunkt einem 0:1-Rückstand hinterher.

Es gibt Trainer, die zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Stellschrauben drehen und damit das Spiel der eigenen Mannschaft nachhaltig beeinflussen und verändern. Gegen Serbien hatte Joachim Löw keinen Plan B. Gegen Spanien leider auch nicht.

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