VG-Wort Pixel

WM 2010 - Deutschlands Aus gegen Spanien Gescheitert - aber nicht am Ende


Der WM-Traum ist geplatzt: Spanien zeigte der DFB-Elf im Halbfinale ihre Grenzen auf. Doch Bundestrainer Joachim Löw prophezeit der jungen Truppe eine rosige Zukunft. Mit oder ohne ihn?
Von Klaus Bellstedt, Durban

Eigentlich war noch genug Zeit, um den Ausgleich zu schaffen. Es lief die 81. Minute im "Moses Mabhida Stadium" von Durban, Spanien führte 1:0, und Trainer Del Bosque wollte auswechseln. Aber David Villa, der Stürmerstar der Iberer, wollte gar nicht vom Platz. Er schaute einfach nicht zur Außenlinie. Erst als Miroslav Klose den wahrscheinlich besten Angreifer dieser WM energisch aufforderte, trottete Villa los. Per Mertesacker und Sami Khedira ließen ihn langsam weitertraben. Allein Kapitän Philipp Lahm versuchte es anfangs noch wort- und gestenreich, dem aufreizenden Abgang ein Ende zu setzen. Es blieb beim Versuch. Als Villa Lahm passierte, entschied sich der deutsche Außenverteidiger dann doch lieber dafür, seinem Gegenspieler zu seiner Leistung zu gratulieren. Lahm war realistisch genug, um einschätzen zu können, dass auch eine kürzere Spielunterbrechung am Ausgang dieses Spieles wahrscheinlich nichts mehr geändert hätte.

In Wien, vor zwei Jahren beim EM-Finale, hatten die Spanier 33 Minuten gebraucht, um gegen Deutschland das entscheidende Tor zum Sieg zu erzielen. Der Sieg damals hätte viel höher ausfallen müssen. Es war fast ein Klassenunterschied zwischen beiden Teams. Die Löw-Elf konnte einem leidtun. In Durban dauerte es bis zur 73. Minute, bis Carles Puyol den einzigen Treffer des Abends erzielte. Aber der späte Zeitpunkt war kein Indiz dafür, dass das WM-Halbfinale bis dahin ein offenes Spiel gewesen war. Ein Klassenunterschied war zwar nicht auszumachen, die Unterlegenheit der deutschen Mannschaft aber doch von Anpfiff weg zu offensichtlich. Nach den gezeigten Leistungen bei dieser WM war das schon einigermaßen überraschend. Oder vielleicht doch nicht?

Schwerfällig wie Sattelschlepper

Sie alle wussten, dass Spanien der härteste Brocken bei diesem Turnier sein würde. Man würde diese seit Jahren in der beinahe gleichen Formation auflaufende und zu großen Teilen aus Spielern des FC Barcelona bestehende Truppe - anders als beispielweise noch Argentinien - nicht überraschen können. Mit keiner Taktik der Welt - weil Spanien keine Mannschaft ist, die sich die Spielweise eines anderen Teams aufzwingen lässt. Trotzdem hatte man sich Chancen ausgerechnet. Man hatte ja gute Gründe. Im Kollektiv und mit dem Rückenwind aus zwei begeisternden Siegen und 8:1 Toren im Rucksack sollte der Einzug ins WM-Finale geschafft werden. Aber wo war Bastian Schweinsteigers ordnende Hand? Wo waren Mesut Özils geniale Pässe? Wo Kloses Nachsetzen und seine Zweikampfstärke? All die Trümpfe kamen auch deshalb nicht zur Geltung, weil der Mannschaft von Joachim Löw erstmals in diesem Turnier der Mut gefehlt hat.

"Wir hatten Hemmungen, die wir über die gesamte Spieldauer nicht ablegen konnten." Löw sprach hinterher aus, was jeder der 60.960 Zuschauer im Stadion erkennen konnte. Er selber hatte an der Außenlinie alles versucht. Es war die 55. Minute, als Löw, wütend ob der Passivität seiner Mannschaft, die gerade wieder einmal einen furchterregenden Angriffswirbel der Spanier über sich ergehen lassen musste, sein Jackett in die Bank-Ecke feuerte und wild mit den Armen fuchtelnd mehr Elan und eine bessere Ordnung einforderte. Löw wechselte auch aus. Er erlöste zum Beispiel den auf der linken Seite mit seinem Gegenspieler Sergio Ramos überforderten Jerome Boateng. Marcell Jansen kam, auch Toni Kroos, sogar Mario Gomez - doch es wurde nicht besser. Schwerfällig wie Sattelschlepper mit Anhänger in der Kölner Altstadt - so bewegten sich die Spieler auf dem Platz, zumindest im Vergleich zu ihren bisherigen Auftritten bei dieser WM. Ja, auch die Müdigkeit war der Mannschaft an diesem schwül-stickigen Abend am Indischen Ozean anzumerken.

Müller schmerzlich vermisst

"Wir waren zu sehr mit der Defensive beschäftigt. Die Spanier haben sich clever fallen lassen. Wenn wir mal in Ballbesitz kamen, waren wir zu kaputt und müde zum Umschalten", sagte Miroslav Klose. Aber auch Joachim Löw hatte beobachtet, dass sein Team "zu viel arbeiten" musste, weil die Spanier den Ball "überragend haben laufen" lassen. Auf der Suche nach Gründen für das Ausscheiden fiel beim Trainer und den deutschen Spielern auch immer wieder das Wort "Ballzirkulation". Die Spanier sind diesbezüglich, angetrieben von der überragenden Mittelfeldachse Iniesta und Xavi, natürlich eine Klasse für sich.

Trotzdem muss sich der Bundestrainer die Frage gefallen lassen, warum er an seine Mannen nicht die Order ausgegeben hatte, den Gegner etwas früher und nicht erst tief in der eigenen Hälfte zu attackieren. So hatte man permanent das Gefühl, dass die Spanier mit einem oder gar zwei Spielern mehr auf dem Platz waren. Vielleicht hätte ja das Mitwirken von Thomas Müller geholfen. Die Frage nach dem gesperrten Bayern-Profi geisterte nach dem Spiel jedenfalls durch den Pressesaal. Und Joachim Löw wich gar nicht aus: "Er hätte unserem Spiel gut getan. Er ist unberechenbar, das tut einem Gegner weh."

Löw verspricht rosige Zukunft

Andererseits wollte der Bundestrainer in der Stunde einer seiner bittersten Niederlagen aber auch gar nicht nach weiteren Ausreden suchen, seien sie auch noch so nachvollziehbar. "Die Spanier waren einfach besser. Sie sind das kompletteste Team der Welt, und ich bin mir sicher, dass sie das Finale gegen Holland auch gewinnen werden." Deutliche Worte, wahre Worte. Löw sah schlecht aus. Man sah ihm die Strapazen der letzten Wochen deutlich an. Er wollte jetzt einfach nur noch zurück zu seinen Spielern, die wie Özil, Schweinsteiger oder auch Lahm zum Teil mit Tränen in den Augen durch die Katakomben des Stadions schlichen und sich eigentlich nur noch im Mannschaftsbus verkriechen wollten.

Zwischen dem Trainer und der deutschen Nationalmannschaft herrscht - und daran wird auch das bittere WM-Aus nichts ändern - eine gewisse Nähe. Die größtenteils begeisternden Leistungen in Südafrika haben alle noch mehr zusammenwachsen lassen. Große Teams zeichnet aus, dass sie auch in Niederlagen zueinander stehen und diese richtig einordnen können. "Spanien hat verdient gewonnen, sie sind noch eine Stufe besser als England oder Argentinien. Aber man hat gesehen, dass wir eine gute junge Truppe mit Zukunft haben" - Bastian Schweinsteiger fielen die Worte schwer. Er steht sinnbildlich für diese Mannschaft, die erst auf dem Weg dahin ist, eine große zu werden - so wie es Spanien seit zwei Jahren bereits ist.

Um kurz vor Mitternacht blickte auch Joachim Löw viel lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit: "Dieses Team hat ein klasse Turnier gespielt. Dieses Team wird noch besser." Ob mit oder ohne ihn, ließ der 50-Jährige offen. Dann verschwand er mit ernster Miene vom Podium der Pressekonferenz. Es klang wie eine Drohung.

P.S.: Sind Sie enttäuscht vom Auftritt der DFB-Elf? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker