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Fußball-WM 2010 - Deutschland - Serbien: Meeresluft tut nicht immer gut

Die deutsche Nationalmannschaft hat das zweite WM-Spiel gegen Serbien verloren und muss um den Einzug ins Achtelfinale bangen. Gescheitert ist das DFB-Team vor allem an sich selbst.

Von Klaus Bellstedt, Port Elizabeth

Vor dem Anpfiff zum zweiten WM-Gruppenspiel im "Port Elizabeth Stadium" gegen Serbien nahm die deutsche Mannschaft Aufstellung zum Fotoshooting - so wie das vor internationalen Spielen so üblich ist. Das macht ein Team normalerweise in zwei Reihen. Hinten stehen die langen Kerle, vorne hocken sich die kleineren Spieler hin und berühren mit den Knien den Rasen.

Das Team - eine undurchdringliche Kette

Dieses Mal war das anders. In der zweiten Reihe blieb alles beim Alten, aber davor bildeten Özil und Co., wie beim Rugby vor einem sogenannten "Gedränge", eine undurchdringliche Kette. Sie knieten auch nicht, sie hockten. Dabei umarmten sich die DFB-Kicker und legten die Arme um die Schultern des jeweiligen Nachbarn. Es sah furchteinflößend aus. Der Blick der Spieler war wild entschlossen und starr. Kein schönes Motiv für die Fotografen. Oder vielleicht gerade doch? Der deutschen Nationalmannschaft waren Fotografen-Motive in der Mittagssonne der Küstenstadt Port Elizabeth völlig egal. Hier und jetzt sollte mit dem nächsten Sieg der Grundstein für den Einzug ins WM-Achtelfinale gelegt werden.

Dass es nicht so kam und die DFB-Elf nach einer vermeidbaren 0:1-Niederlage gegen Serbien plötzlich um die K.o-Runde in Südafrika bangen muss, lag auch an ihrer - zumindest in der ersten Hälfte - rustikalen Spielweise. Einem aus dem DFB-Ensemble bekam die Seeluft am Indischen Ozean besonders schlecht: Miroslav Klose. Der Stürmer, der gegen Australien beim 4:0 mit einem sehenswerten Tor und einer darüber hinaus höchst ansprechenden Leistung noch seine Auferstehung gefeiert hatte, wirkte gegen Serbien vom Anpfiff weg übermotiviert. Klose hatte große Probleme damit, die schon beschriebene wilde Entschlossenheit vor der Partie auf dem Platz in positive Energie umzuwandeln.

Wahlweise von der Seite oder von hinten in den Gegner

Wie von der Tarantel gestochen, wetzte der Bayern-Angreifer jedem Ball hinterher. Das ist an sich löblich, nur grätschte Klose dabei wahlweise von der Seite oder von hinten Gegenspieler um. "Fußball ist ein Kampfspiel", verteidigte sich der Übeltäter hinterher halbherzig - wohl wissend, dass er der Mannschaft durch seine Herausstellung nach 37 Minuten nachhaltig geschadet hatte. Früh hatte Klose in dieser richtungweisenden Partie Gelb gesehen. Auch das erste Foul hätte er sich sparen können. Aber gut, kann mal passieren, Mund abwischen und weiter machen. Dass Klose aber nicht aus seiner eigenen Dummheit Schlüsse zog und da weitermachte, wo er vor der ersten Verwarnung aufgehört hatte, muss diesem mit fast 100 Länderspielen erfahrenen Nationalspieler schon angekreidet werden.

Natürlich saßen die Karten bei Schiedsrichter Alberto Undiano locker in der Tasche, aber der Spanier konnte kurz vor der Pause gar nicht anders, als Klose nach seiner Attacke von hinten an Serbiens Kapitän Dejan Stankovic mit Gelb-Rot vom Platz zu stellen. Unmittelbar nach dem Platzverweis fiel das 1:0 für die Mannschaft von Trainer Radomir Antic. Der Treffer sollte das Spiel entscheiden. Nach dem Abpfiff in der Mixed Zone stand Klose die Zornesröte ins Gesicht geschrieben: "Ich bin doch nicht doof, ich wollte den Ball spielen." Er wollte partout nicht der Buhmann sein, aber er war es natürlich doch.

"Nicht gelbwürdiges zweites Foul"

Joachim Löw sprach im Anschluss an die bittere Niederlage zwar von einem "nicht gelbwürdigen zweiten Foul". Aber der Bundestrainer fand auch, dass Klose dieses Foul in der Spielhälfte der Serben besser hätte vermeiden sollen. Khedira, Lahm, Schweinsteiger und eben zweimal Miro Klose: Sie alle wurden vom Referee verwarnt. Und alle Verwarnungen waren vertretbar. Das sah auch Per Mertesacker so: "Der Schiedsrichter hat vielleicht ein bisschen merkwürdig gepfiffen, aber er hat nicht gegen uns gepfiffen." Ende der Durchsage.

Klose erwies der Mannschaft mit seinem Übereifer einen Bärendienst. Die Niederlage alleine an der gelb-roten Karte festzumachen, träfe die Sache aber nur teilweise. Immer wieder hatte die sportliche Leitung beim DFB in Person von Löw, Flick und Bierhoff vor den Serben gewarnt. Die seien nach der Auftakt-Pleite gegen Ghana "angeschossen" und deshalb "besonders gefährlich". Das bewiesen die Balkan-Kicker auch. Serbien deckte so manche deutsche Schwäche, die man nach dem 4:0 gegen Australien in der Mannschaft so gar nicht mehr vermutet hätte, schonungslos auf.

Holger Badstuber die Grenzen aufgezeigt

Da wäre vor allem die linke Abwehrseite. Holger Badstuber gehörte schon gegen Australien zu den eher unauffälligen, aber in Durban machte er seine Sache noch gut. Nun aber wurden dem 20-jährigen Bayern-Youngster von Milos Krasic die Grenzen aufgezeigt. Badstuber ließ sich gleich reihenweise überlaufen. Er bekam den Flügelstürmer von ZSKA Moskau nie in den Griff. Bezeichnend, dass auch das 0:1 über Badstubers Seite fiel. "Da hätte er mehr nach innen gehen müssen", kritisierte Löw seinen Linksverteidiger. Badstuber wird kein Usain Bolt mehr, aber ein bisschen mehr Cleverness und etwas weniger Lethargie muss man von ihm erwarten dürfen.

Auch die Innenverteidigung muss genannt werden. Aber nicht der mit wenig Vorlauf auf diese Position delegierte Arne Friedrich enttäuschte, sondern Mannschaftsratmitglied Per Mertesacker. Vor dem Gegentreffer verlor der baumlange Abwehrchef das wichtige Kopfballduell gegen Nikola Zigic. Mertesackers Timing ließ nicht nur bei dieser Aktion zu wünschen übrig. Schwerfällig wirkte er - und oftmals den entscheidenden Schritt zu spät. Auch der Bremer muss sich im letzten Vorrundengruppenspiel am Mittwoch in Johannesburg gegen Ghana gehörig steigern.

Die Mannschaft habe "einfach nicht so ins Spiel gefunden wie noch gegen Australien", befand der Bundestrainer. Aber so richtig unzufrieden wirkte Löw hinterher gar nicht. Das lag vor allem an der zweiten Hälfte, in der das DFB-Team eine tolle Moral bewiesen und sich aufgebäumt habe. In der Tat: In Unterzahl riss sich die Truppe zusammen. Sie glänzte nicht mit genialen Pässen (Özil) und viel Spielverständnis (Müller) wie noch gegen Australien, sondern überzeugte mit Kampfkraft und daraus resultierendem Druck im Spiel nach vorn. Schweinsteiger und Co. zogen ein Powerplay auf, das Hoffnung für die Partie gegen Ghana machte. Joachim Löw demonstrierte hinterher Selbstvertrauen pur: "Wir erreichen die nächste Runde", so der Bundestrainer im Brustton der Überzeugung.

"Der war wirklich schlecht geschossen"

Ob Joachim Löw bei der Nominierung seiner Nationalmannschafts-Elfmeterschützen allerdings neben Bastian Schweinsteiger auch weiterhin so überzeugt auf Lukas Podolski setzen wird, sei mal dahingestellt. Podolski, der zuvor noch keinen Elfmeter für das DFB-Team verschossen hatte, vergab in der salzhaltigen Meeresluft von Port Elizabeth die große Chance auf den Ausgleich. Sein schwach geschossener Handelfmeter aus der 60. Minute war leichte Beute für Serbiens Torwart Stojkovic. "Der war wirklich schlecht geschossen, der war einfach zu halten", moserte Löw über Podolskis Leichtfertigkeit.

Anders als Klose machte Podolski hinterher übrigens gar keinen Hehl aus seinem Fehler: "Ich will da gar nicht lange drüber reden. Das nehm’ ich auf meine Kappe - und fertig." Wie schnell sich die Motive für die Fotografen doch ändern: Podolski, vor dem Spiel noch wild entschlossen und furchteinflößend dreinblickend, schaute jetzt nach dem Spiel bei seinen kurzen, abgehackten Sätzen niemanden mehr an. Er blickte durch die Journalisten quasi hindurch - fast als schämte er sich.

P.S.: Sind Sie enttäuscht vom Auftritt der DFB-Elf? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

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