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Fußball-WM 2010 Die neue deutsche Welle


Mit Souveränität und spielerischer Klasse ist die deutsche Nationalmannschaft in die WM gestartet. Beim 4:0 über Australien feierte Klose seine Auferstehung - aber vor allem die Jungen brillierten.
Von Klaus Bellstedt, Durban

48 Stunden vor dem WM-Auftaktmatch gegen Australien hatte der "emotionale Leader" von Joachim Löw, Bastian Schweinsteiger, im Mannschaftsquartier der DFB-Auswahl in Centurion noch angekündigt, dass er jeden einzelnen seiner Mitspieler unmittelbar vor dem richtungweisenden Spiel gegen die Kicker vom fünften Kontinent "heiß" machen wolle. Zweieinhalb Tage später kann man sagen: Schweinsteiger hat ganze Arbeit geleistet. Die Leistung der Mannschaft beim 4:0 gegen Australien begeisterte die südafrikanischen Anhänger im "Moses Mabhida Stadium" in Durban so sehr, dass einige von ihnen nach dem Schlusspfiff auf ihren nervtötenden Vuvuzelas sogar versuchten, die deutsche Nationalhymne nachzutröten - wenn auch nur in einer Tonlage. Mehr geben die Plastik-Trompeten ja nicht her.

Vuvuzelas für Deutschland? Nein, damit konnte man vor dem Eröffnungsspiel dieser jüngsten deutschen WM-Mannschaft seit 1934 wirklich nicht rechnen. Zu viele Fragezeichen hatten sich in der Vorbereitung auf diese Weltmeisterschaft in Südafrika aufgetan: Würde die juvenile Truppe mit einem Durchschnittsalter von nur 25,3 Jahren dem unvergleichlichen Druck eines Fußball-Weltturniers standhalten können? Wie schwer würde der Ausfall von Kapitän Michael Ballack wiegen? Würde es sich Joachim Löw leisten können, einen von einer Frust-Saison gebeutelten Miroslav Klose in die Startaufstellung zu heben? Drei Fragen, die vorher niemand - außer vielleicht der Bundestrainer selbst - ohne Bauchgrummeln zu beantworten gewagt hätte.

Klose landet Befreiungsschlag

Nach den ersten 94 gespielten WM-Minuten dieser deutschen Mannschaft in der feucht-stickigen Luft in unmittelbarer Nähe des Indischen Ozeans hat sich das Bauchgrummeln in ein wohliges Gefühl in der Magengegend umgewandelt, so wie nach dem Verzehr eines guten südafrikanischen Cabernet Sauvignons. Die Fragezeichen, sie sind nach dem teilweise begeisternden Auftritt gegen die "Soccceroos" plötzlich nicht mehr da.

Miroslav Klose beispielweise, einer seiner beliebtesten Spitznamen lautete zuletzt "Trauerklose", landete in diesem mitreißenden Match einen derartigen Befreiungsschlag, dass es einem fast schwindelig wurde. Die Partie begann mal wieder frustrierend für den Stürmer. Gleich zwei Mal vergab er freistehend vor dem Tor. Seine Krise würde weitergehen, dachte man. Dann traf er plötzlich doch noch per Kopfballtorpedo und lieferte danach eine Leistung ab, die an seine besten Zeiten bei Werder Bremen erinnerte. Laufbereitschaft, Kampfkraft und das Ausstrahlen von Torgefahr, all das braucht ein Nationalstürmer. All das hatte Klose auf einmal wieder in seinem Repertoire.

Leistungsexplosion von Podolksi erwartet

"Ich habe in der Mannschaft nie gespürt, dass sie nicht mehr an mich glaubt", sagte Klose hinterher trotzig. Sein Trainer hatte sowieso immer zu ihm gehalten: "Es ging doch gar nicht darum, an Klose oder Lukas Podolski festzuhalten. Das war außerhalb des Trainerstabs nie ein Thema", verteidigte Joachim Löw seine beiden Sorgenkinder aus lästigen Vor-WM-Zeiten. Von Podolski hatte Löw eine "Leistungsexplosion bei der WM" erwartet. Und der Kölner Zwei-Tore-Stürmer hatte versprochen, in Südafrika liefern zu wollen. Wenige Minuten vor Spielbeginn in Durban hatte er sein Versprechen noch einmal bekräftigt. Podolski schaute seinem Coach tief in die Augen und nickte dabei. So als wollte er sagen: "Keine Angst, Trainer. Ich mach das schon." Am Ende des Tages wurde Podolski zum "Man of the Match" gewählt. Ein Traumtor des Außenstürmers zum 1:0, sowie weitere atemberaubende Antritte auf der linken Seite hatten den Fifa-Juroren gereicht. Für sie war Podolski der beste Spieler auf dem Platz.

"Ganz Deutschland soll jetzt feiern, aber Serbien wird schwieriger", kurz und knapp, so fiel Podolskis uneitles Fazit nach der Partie aus. Klose und Podolski, lange waren sie weg vom Fenster. Rechtzeitig zur WM sind sie wieder aufgetaucht. Löws Geduld mit den beiden hat sich zumindest schon mal im ersten Gruppenspiel ausgezahlt.

Dass Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger im Zweierverbund Michael Ballack ersetzen konnten, war nicht die große Überraschung des Abends von Durban. Umso erstaunlicher aber, dass die beiden es vermochten, mit ihrer moderneren Spielweise den verletzten Capitano gänzlich vergessen zu machen. Kein Mensch fragte hinterher nach Michael Ballack. Womit noch das dritte Fragezeichen in ein Ausrufezeichen umzuwandeln wäre: die Unerfahrenheit der Nationalmannschaft und ihre Auswirkung auf die Stabilität des Teams. Philipp Lahm hatte vor ein paar Tagen verlauten lassen, dass er seit Beginn seiner DFB-Karriere noch niemals in so einer talentierten Mannschaft gespielt habe wie in der Aktuellen. Gegen Australien folgte der Beweis für Lahms kühne Behauptung auf dem Fuße.

Junge, hungrige Gemeinschaft

Mesut Özil, 21, und Thomas Müller, 20, zeigten beim 4:0 eindrucksvoll, warum sie im Mittelfeld zu unverzichtbaren Größen herangereift sind. Mit dem Bremer Özil verfügt die Nationalmannschaft endlich wieder über einen echten Spielmacher, der permanent den Ball fordert, um ihn dann im nächsten Moment in die Schnittstellen der gegnerischen Abwehrreihen zu passen. Soll noch jemand sagen, dass der klassische Spielmachertyp auf internationalem Topniveau nichts mehr zu suchen hat. Özil ist der Gegenbeweis. Wenn der Bremer jetzt auch noch Tore schießen würde, wäre Deutschland nach der Leistung gegen Australien bei den Experten wohl nicht nur mehr Mitfavorit auf den WM-Titel - sondern Topfavorit.

Auf der rechten Seite wird Özil von Bayerns "Mr. Unbekümmert" Thomas Müller flankiert. Wobei das Verb "flankieren" der Sache nicht ganz gerecht wird. Müller ist in vielerlei Hinsicht für Löw eine Waffe. Gegen die "Aussies" stieß der Bayern-Profi immer wieder bis zur Grundlinie vor und flankte gefährlich in die Mitte. Der hoch talentierte Offensivspieler setzte sich auch wiederholt in 1:1-Situationen durch. Und dann schoss er auch noch ein Tor. Özil und Müller stehen sinnbildlich für das spielerische Element in dieser jungen, hungrigen Gemeinschaft.

"Die Australier sind nicht das Maß der Dinge. Da kommen noch härtere Prüfsteine. Aber der Auftakt tut uns gut." Joachim Löw ordnete den Auftaktsieg bei dieser WM wohltuend nüchtern ein. Obschon der Bundestrainer auch zugab, über "unglaubliche Möglichkeiten in der Offensive" zu verfügen. Übrigens: Auch der Spirit in der Mannschaft stimmt. Nach dem Spiel gegen Australien trugen sämtliche Nationalspieler in der Interviewzone schwarz-rot-goldene Lederarmbänder um ihre Handgelenke. Die hatten sie vor dem WM-Auftakt von Trainer Löw und Manager Bierhoff erhalten. Sie wollen damit auch nach außen ihren Zusammenhalt demonstrieren. Am Indischen Ozean wurde am Sonntagabend eine erste deutsche Duftmarke bei dieser WM gesetzt.

Gut möglich, dass die schrecklichen Vuvuzelas beim nächsten Gruppenspiel am Freitag gegen Serbien noch lauter für Deutschland ertönen werden.


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