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Presseschau zum WM-Finale: Entsetzen über "Fußball brutal"

Mit Abscheu haben viele Zeitungen die unglaubliche Brutalität des WM-Finales zwischen Spanien und Holland kommentiert. Einige niederländische Medien sehen jedoch ihre Mannschaft als Opfer.

Von Carsten Heidböhmer

Das Finale zwischen Spanien und den Niederlanden geht als eines der härtesten in die WM-Geschichte ein. Vierzehn gelbe Karten und eine gelb-rote sprechen für sich. Entsprechend dominiert die Brutalität die meisten Kommentare zum Spiel. Insbesondere die robusten Fußball durchaus gewohnte britische Presse zeigt sich entsetzt und kritisiert die niederländische Mannschaft mit harten Worten: "Als Spektakel war es schrecklich, das hässlichste aller WM-Finals. Aber ein Abend, an dem der gute Name des niederländischen Fußballs von einem Rüpel-Auftritt beschmutzt wurde, ging am Ende gerecht aus", schreibt "The Times". Klar positioniert sich auch die "Daily Mail": "Die Biester 0, die Schönen 1 - Spanien erobert die Weltspitze und schlägt die holländischen Holzschuhe." Der "Daily Mirror" sieht einen verdienten Weltmeister: "Ein gerechter Sieg für die Mannschaft, die die Weltmeisterschaft mit Fußballspielen gewinnen wollte."

Die Härte des Spiels bringt die Tageszeitung "The Guardian" folgendermaßen auf den Punkt: "Nach einem WM-Finale, das so giftig war, muss das Stadion erst einmal dekontaminiert werden." Und das britische Boulevarblatt "The Sun" kann wie gewohnt nicht auf seine Vorliebe für Kalauer verzichten: "Winiesta! Spätes Tor von Andrés macht Weltmeisterschaft für die Spanier klar."

"Hart auf wie Hafenarbeiter aus Rotterdam"

Auch in Frankreich haben die Niederländer mit ihrer Spielweise wenige Sympathien gewonnen: "Im Gefolge ihres Duos van Bommel - de Jong, auf der Höhe ihres (schlechten) Rufs, hatten die Niederlande der technischen Überlegenheit der Spanier nichts als eine selten faire Aggressivität entgegenzusetzen", schreibt die Tageszeitung “Le Monde”. Und "Le Figaro" verweist auf die Kartenstatistik: "14 gelbe Karten, von denen zwei dunkelrot gefärbt waren. Das sagt alles."

In vielen Ländern bekommt die niederländische Mannschaft für ihr rüdes Auftreten schlechte Presse. "Ekstra Bladet" aus Dänemark schreibt: "Die Niederlande stempelten in ihre Pässe ziemlich unsympathischen und total berechnenden Kontrafußball. Mit hochgeklappten Stollen. De Jong und van Bommel spielten wie Rausschmeißer in einer Kneipe." "Berlingske Tidende" wählt einen anderen Vergleich: "Mark van Bommel und Nigel de Jong als Abräumer traten so hart auf wie Hafenarbeiter aus Rotterdam."

Enttäuschung in der Schweiz

Drastisch bringt es die österreichische Tageszeitung "Die Presse" auf den Punkt: "Fußball ist Krieg - Spanien ist Weltmeister. Spanien siegte verdient in einem dramatischen, chancenreichen und vor allem brutalen Endspiel durch einen Treffer von Iniesta in der Nachspielzeit." Ähnlich sieht es die Zeitung "Österreich": "Brutaler Final-Thriller - Spanien Weltmeister. Skandal-Schiedsrichter zerstörte Spiel. Es hätte ein Fußballfest werden sollen, doch es wurde eine Schlacht. Vor allem die Holländer langten ordentlich zu."

Die Schweizer Boulevardzeitung "Blick" sieht den Schiedsrichter in einer ganz neuen Rolle: "Der ehemalige Polizei-Sergeant Howard Webb muss Sheriff spielen." Gleichzeitig ist man in der Schweiz auf eine Sache besonders stolz: "Weltmeister-Besieger. Als einzige."

Kritik am Schiedsrichter

Im Land des neuen Weltmeisters hebt man den verdienten Erfolg der spanischen Mannschaft hervor: "Die 'selección' wurde in Wien geboren und hat in Südafrika den Doktortitel erlangt", schreibt "El País". Auch für die Sportzeitung "As" ist der Sieg hochverdient: "Spanien hat bewiesen, dass gutes Spiel der kürzeste Weg zum Erfolg ist und dass spielerische Ästhetik nicht altmodisch und ineffektiv ist." Kritik am Schiedsrichter äußert die Sportzeitung "Marca": "Mit unverschämter Gewalt hat Holland von Anfang an versucht, Spanien zu stoppen, und der inkompetente Schiedsrichter hat es toleriert."

Katzenjammer herrscht dagegen in Holland: "Die WM in Südafrika geht für die Niederlande als drittes Fußballtrauma in die Geschichte ein", schreib "De Telegraaf". Einige Zeitungen geben den Schiedsrichter die Schuld für die bittere Niederlage: "Oranje fühlt sich bestohlen", schreibt das Allgemeen Dagblatt. "Vor allem durch einen Tölpel von einem Schiedsrichter ist die niederländische Elftal gestern Abend im Finale der Weltmeisterschaft untergegangen."

Ausgewogener dagegen die Tageszeitung "De Volkskrant": "Spanien war fußballerisch besser, was keine Überraschung war. Daher hat der Europameister verdient gewonnen." Selbstkritisch resümiert der Autor die Turnierleistung der holländischen Mannschaft: "Ihr Spiel war gepaart mit zu vielen Fouls, gespickt mit 24 gelben und einer roten Karte. Was das angeht, ist es Zeit, sich zu besinnen."

Lesen Sie dazu auch bei unserem Partner in der Schweiz, 20 Minuten Online: "Von Forlan bis Vuvuzela - Tops und Flops der Fussball-WM 2010 in Südafrika"

Mitarbeit: Dieter Hoß

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